Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Januar 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 11. Januar 1909.
Liebe Freundin!
Es ist ein stiller Abend; meine Mutter liegt seit Tagen - immer schächer werdend - im Bett; so treten Sie in Ihre alten Rechte und ich schreibe Ihnen wiederwie einst an den Abenden stiller Einkehr. Die Gedanken wandern mir hin und her - wie schön alles war, wie viel ich verdarb durch eigne Schuld, wie ich groß und heroisch sein konnte - lauter wunderbares Menschenlos voll Qual und Jubel. Wo läge der Sinn der Welt, wenn nicht in diesen Beziehungen? Vieles einzelne muß ich mir vorwerfen; aber wenn ich eines mir zurechnen darf, so ist es die Treue. Ich habe sie meinen Eltern gehalten und ich halte sie allen, die in mein Leben entscheidend eingriffen.
Ich erschrecke fast vor dieser tiefen Ruhe in mir. Es ist, als hätte ich das, was geschehen will, alles schon einmal erlebt, als wäre es nur Verwirklichung dessen, was meine Phantasie längst kennt und in Rechnung gezogen hat. Und doch bin ich hier
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| so grenzenlos einsam. Ja, ich bekenne Ihnen, meine teure Freundin, jetzt wird mir zur Gewißheit die tiefe Wahrheit unsrer Beziehungen und die tiefe Wahrheit meiner Philosophie.
Wir haben es uns öfter gesagt, was das einzige in unsrer Freundschaft ist: nicht eine Schwärmerei hat uns zusammengeführt, sondern eine ernste, realistische Auffassung des Lebens. Sie waren müde geworden unter dem langen Druck dumpfer Verhältnisse; ich stand, als ich Sie zuerst sah, am Grabe meiner Jugendkräfte. Ist es da nicht klar, daß wir unser Wiederaufleben der Gemeinsamkeit unsres Daseins verdanken, die von da an begann? Wie eine Offenbarung war es mir, als wir durch den Odenwald gingen, daß Menschen fähig sein könnten zu hören, daß jemand in meinem verdorrten Leben noch frische Kräfte finden könnte. Von da an ging es in mir auf wie ein Jubel, und ich begann die Lust des Gebens mehr und mehr zu fühlen, bis sie zum höchsten Gipfel wuchs im Umgang mit den jungen Seelen, denen mein Erscheinen zum frühen Erlebnis wurde.
Ich habe um das eigentlich Männliche in mir vielleicht mehr kämpfen müssen als ein andrer.
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| Meine Grundnatur ist scheu und zurückhaltend; wo ich mich nicht verstanden fühle, erscheine ich noch heute als Kind. Ihnen danke ich es, wenn ich jetzt einen stolzeren Weg gehe, nach Menschen nicht frage und mir selbst vertraue. Mein intellektuelles Vermögen hat starke Grenzen; ich habe bessere Fähigkeiten [über der Zeile] gehabt; aber sie sind durch frühe Überreizung ruiniert. Eins aber habe ich bewahrt: den Kreis dessen, was ich aufnehme, lebendig zu machen, und menschlich zu sein trotz aller Hindernisse von außen.
Ob es einmal wiederkehren wird, dies wonnige Träumen der Jugend? Ich bin oft in den einfachsten Stunden, bei einsamen Wanderungen so unaussprechlich glücklich gewesen. Mein Herz war offen für Gottes Schönheiten. Eine stille Landschaft, der Anblick reiner Kindheit, die Tiefen des Denkens waren mein Glück. Ob das so bleiben wird? Oder ob es nur Vorstufe war zu rastlosem Wirken ohne innere Einkehr? Der Kreis der Möglichkeiten schnürt sich enger zu; die Phantasie tritt zurück, die Realistik wird immer schroffer. Fast ist es mir wie ein Märchen, wenn ich an jene Stunden denke, wo ich auf einem Schulkatheder
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| saß und die Gedanken mir strömten, wie nur das volle Mitempfinden sie wachruft. Ob solche Liebe wiederkehren kann und bleiben wird, wie ich sie zu den jungen Geschöpfen habe, die der Zufall mir in die Hand spielte? - Wir beherrschen den Lebenstrieb nicht, der in uns wogt. Er ist wie ein geliehenes Geschenk, macht uns glücklich und wehmütig, schuldig und gut. O Du wunderbare Welt Gottes, wie bist Du unendlich und herrlich! Sollte man Dich nicht immer wieder packen und von sich weisen alles was tot ist und gemein und mechanisch? Darf der Mensch, der Leben in sich fühlt, in Akten wühlen? Was sind Bücher gegen ein einziges Werk der Liebe? Warum lassen wir uns an ein Räderwerk fesseln das uns abtötet? Ich weiß nur eine Antwort: weil wir das Leben lieben um jeden Preis und ihm nachjagen durch alle Nöte und Qualen. So hat es Gott gewollt, und wir müssen ihn preisen für jeden Brosamen, den er uns hinwirft. Oft habe ich das Gefühl, als könnte mir garnichts Neues mehr begegnen, als hätte ich alles in mir vorweggenommen. Aber wenn es kommt, durchzittert es den Busen doch immer wieder mit neuer Gewalt, und niemand mag davon lassen. Ist doch selbst der Genuß der Askese noch eine Wollust, ein Leben im Sterbenwollen.
<re. Rand>
Herzlich. E.