Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Januar 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 24.I.09.
Liebe Freundin!
Ihre Teilnahme und Güte, wie Sie sie mir wieder durch Ihre gestrige Sendung u. Brief bezeugt haben, ist mir in diesen schweren Tagen das wertvollste Gut. Sagen Sie auch Fraulein Knaps für das beigesteuerte Fläschchen herzlichen Dank. Es ist mir ein lieber Gedanke, wenn ich meine Mutter pflege, dabei durch sichtbare Zeichen an die beiden Frauen erinnert zu werden, denen ich so viel an Glauben und Kraft, so viel sonnige Stunden und eine so hohe Verehrung weiblicher Hoheit und Güte verdanke.
Sie erinnern sich, liebe Freundin, daß ich in früheren Briefen viel geklagt habe. Wenn ich heute daran zurückdenke, will es mir fast scheinen, als wären das kleine ästhetische Nöte, jugendliche Entwicklungskrankheiten gewesen. Seit 3 Wochen aber
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| stehe ich vor dem Härtesten, was ich je erlebt habe, und ich glaube: als ein Mann. Sie werden es verstehen, daß ich weniger gegen das Schicksal murre, daß ja einmal so kommen mußte, als es mich schmerzt, mich in diesem Augenblick noch in so unsicherer Lebensstellung zu finden, daß mir eine wirksame äußere Hilfe unmöglich macht [über der Zeile] ist. Aber ich sage mir: wenn ich heute in glänzender Position fern von Berlin lebte und Geld in Fülle schicken könnte, selbst aber fernbleiben müßte, - auch dann würde ich mein Los schwer empfinden.
Mit Hilfe der Gemeindeschwestern ist der Haushalt nun arrangiert. Seit ½ Stunde ist eine Frau im Hause - eine zweite Elendsträgerin - die von 2-8 kommen wird. Da ich Ihnen alles erzählen will, so muß ich doch auch erwähnen, zu welchen Konsequenzen das fehlende Dienstmädchen führt: Wir zahlen jetzt für beide Hilfen
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| zusammen monatlich 55-60 M, und sind doch die ganze Nacht noch auf uns selbst angewiesen, so daß hier schließlich eine dritte Kraft wird eintreten müssen. Heute war auch mein Vater nicht ganz auf dem Posten; er hat sein Leben lang eine unendliche Furcht vor ansteckenden oder unappetitlichen Sachen gehabt, so daß ihm alles doppelt schwer wird. Ich kenne darin keine Furcht, und der größten Vorsicht dürfen Sie auch gewiß sein.
Der Zustand der Kranken aber ist mir noch rätselhaft. Seit 3 Tagen ist die Mehrzahl der Symptome günstig. Am Mittwoch und Donnerstag schloß der Arzt die Hoffnung aus; heute sagt er, sie würde sich möglicherweise erholen, und 2 Stunden darauf tritt ein Schwächeanfall ein, wie er seit mehreren Tagen nicht war. Die Morphiumwirkung (Heroinum) ist natürlich zu spüren; aber der Appetit ist m. E. recht gut, der Husten und Auswurf haben nachgelassen.
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| Ob der Prozeß an der Lunge schnell fortschreitet, habe ich nicht erfahren. Doch wünschte ich von zweien eins: entweder eine relative Erholung bis zur Möglichkeit, im Zimmer zu sitzen, oder ein schmerzloses Aussetzen des Herzens, das jetzt aber auch wieder fast normal ist. Nur das eine wäre mir ein furchtbarer Gedanke: ein langer qualvoller Kampf.
Sie begreifen, daß mir zur eigentlichen Fortsetzung meiner Arbeiten alle Ruhe fehlt. Nur die Archivsache, die ich deshalb segne, kann ich ein wenig fördern. Ich denke unablässig nach, wie ich in eine bezahlte und mir doch nicht widerwärtige Position kommen kann. Denn dies wird so oder so das erste sein. Die Fortsetzung des Studiums, wie sie zur wissenschaftlichen Fortbildung nötig wäre, ist jetzt undenkbar. Wie sollte ich mit dieser inneren und äußeren Unruhe mich in ein bloß theoretisches Problem verlieren.
Dazu kommt nun noch eins: an einem Morgen, wo meine Mutter in das Vorderzimmer übersiedelte und ich mit tiefem Schmerz die Stube leerräumte, in der Gewißheit, da
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|mit einen Teil des liebgewordenen Haushaltes für immer abzubrechen, an diesem Morgen sendet mir der Verleger eine Recension über meine "Grundlagen", von Prof. Eulenburg Leipzig im Archiv f. Sozialpolitik XVII,3. Der Recensent behandelt mich ehrenvoll, bricht mir aber die eigentlich wissenschaftliche Existenz ab, in einer 6 Seiten langen Erörterung, aus der ich viel lernen kann. Er wendet sich gegen das Künstlerisch-Phantastische meiner Natur, das ihm unwissenschaftlich erscheint, spricht von einer "schönen Seele", vom "Unrationalen" von "künstlerisch- mystischen Neigungen". Zu anderen Zeiten hätte ich auch demgegenüber wohl meine Stärke gefühlt; jetzt packte mich dieser Spiegel, als zeigte er mir auch meine wissenschaftliche Unbrauchbarkeit neben der beruflichen.
Um den "Punkt" noch einmal zu berühren, so bitte ich Sie nicht ungeduldig zu sein. Wenn der Augenblick da
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| ist, komme ich ohne vorherige Anmeldung. Aber vorher würde mir dieser Weg als leichtsinnig erscheinen. Sie stützen mich ideell, das ist vorläufig das dringendste, was ich brauche. Und vielleicht zeigt sich doch auch einmal etwas "Lohnendes" für mich. Am liebsten wäre mir jetzt irgend eine Edition, die gut honoriert würde. Denn die kontrahierte Arbeit für Teubner erfordert 4 Monate konzentrierter Arbeit, und für die von Paulsen ererbte Humboldtmonographie, über die ich neulich mit Rudolf Lehmann Verabredungen getroffen habe, ist es noch zu früh. Ich kann jetzt die Bücher nur schwer heranschleifen. - Aber das würden Sie doch auch mit mir empfinden, daß ich zu Knauer oder ähnlichen Stellungen nur im äußersten Notfall zurückkehren möchte. Ob ich mal an Eucken schreibe und mich ihm dekouvriere?
Aber - Sie haben mir erlaubt, jetzt nur flüchtige Nachrichten zu senden -
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| ich muß abbrechen und sende Ihnen nur noch die herzlichsten Grüße. Meine Mutter und ich haben das ausgezeichnete Gelee schon gekostet. Sie dankt Ihnen herzlich und spricht gern und viel von Ihnen. - Die Verwandten habe ich nun alle benachrichtigt. Ich bin gefaßt; nur für meinen Vater will ich jetzt sorgen und leben.
Grüßen Sie bitte Fraulein Knaps und versichern Sie ihr meine innigste Dankbarkeit.
In brüderlicher Zuneigung
Ihr
Eduard.