Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Februar 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 10.II.09.
Liebe Freundin!
Meine Gedanken sind so viel bei Ihnen, und doch verzögert sich das Schreiben immer so lange. Könnte ich doch nur einmal von der alten zur neuen Neckarbrücke mit Ihnen gehen und über all das, was vorliegt, reden! Aber Sie schreiben in Ihrem letzten Brief garnichts von den kleinen Russinnen und der Schar kleiner Künstler, die mir doch nun auch im Bilde gegenwärtig ist. Hoffentlich sind sie alle munter und pünktlich. Ebenso höre ich nichts, wie es Ihrem Frl. Tante jetzt geht. Darf ich dies als ein gutes Zeichen deuten?
Hier heißt es andauernd harren, tragen, sich durch Arbeit betäuben. Das Befinden bleibt etwa auf gleichem Niveau. [über der Zeile] Schlechter Schlaf und Nachtschweiß gehören außer dem Fieber zu den ungünstigen Symptomen, Appetit und Seltenheit des Hustens zu den guten. Ich bin aber trotzdem nicht im geringsten optimistisch gestimmt. Von Zunahme der Kräfte ist nicht die Rede. Verbunden mit den übrigen Verhältnissen eine
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| harte Prüfungszeit, und ich spüre bereits, wie es an meinen Nerven und meiner Arbeitskraft zehrt. Von der Wirkung auf meinen Vater will ich garnicht reden; es muß ihn doppelt schnell altern lassen. Aber ich bin - wenn ich darüber nachdenke - in der eisigen Stimmung des Bewußtseins Tout perdu. Eine Lebensepoche schließt sich ab. Ich habe das mit unheimlicher Deutlichkeit schon im Oktober geahnt.
Allerdings kann ich jetzt gelegentlich wieder meine Spaziergänge machen. Ich bin den Weg von Sadowa über Pferdebucht - Ravensteiner Mühle nach Friedrichshagen gegangen, den ich so sehr liebe und den ich im Sommer - wie Goethe sagt - serena die quieta mente so unendlich oft gegmacht habe. Das belebt dann tief innerlich. An den Sonntagen kommt der treue Registrator. Einmal marschierten wir durch die verschneite Jungfernheide nach Tegel, und am letzten Sonntag über Lübars, Blankenfelde nach Schönhausen. Es sind dieselben Orte; aber dies quälende Vergangenheitsgefühl ohne leuchtende Zukunft - Sogar in Wilhelmshagen war ich und knüpfte eine mich sehr sympathisch berührende Verbindung mit
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| einem Busenfreunde v. Bruno Wille u. Bölsche an, deren Vorgeschichte Sie in dem beiliegenden Briefwechsel finden (den ich gelegentlich zurückerbitte.)
Wie seltsam das Schicksal spielt. Fast ist es, als wäre die Episode Paulsen nun vorbei und die alte Verbindung mit Dilthey setzte sich nach 6 Jahren fort. Gestern hatte er mich wieder eingeladen. Es war das erste Mal seit der Krankheit meiner Mutter, daß ich des Abends fortging. Er war sehr freundschaftlich, entwickelte mir den Stand seiner Arbeiten, zeigte mir die Manuskripte und äußerte den Plan, die Fortsetzung des Schleiermacher mit meiner Hilfe zu bearbeiten. Im Mai soll es beginnen. Von meinem Humboldt sprach er sehr günstig und wohlwollend.*) [Fuß] *) so auch Lenz, den ich immer sympathischer finde. Ich lenkte das Gespräch auf Troeltsch; er ließ sich von den akademischen Vorgängen nichts merken, wünschte aber, meinen Aufsatz sofort geschickt zu bekommen. (Auch Frau Geheimrat, die in Althoff u. Wildenbruch ihre nächsten Freunde verloren hat,) war sehr natürlich und freundlich.)
Was den Plan Troeltsch betrifft, so ist er meinerseits bei R. u. R. eingeleitet. Reuther fürchtete zunächst, ich könnte mir dadurch Feinde machen. Sei es denn; man kann es nicht vermeiden. Aber
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| Honorar wollten sie nicht zahlen. Ich erklärte ihnen, daß ich 150 M verlange. Morgen erwarte ich die Entscheidung, sonst gehe ich an eine andre Stelle.
Bitte schreiben Sie mir doch, wo Elsenhans hinkommt. Von Hensel liegt ein Brief bei. Wenn Windelband einen Literaturhistoriker will, so wäre meine Kandidatur nicht aussichtslos. Ich will die Sache im Auge behalten, obwohl im Moment nichts geschehen kann.
Die Archivarbeiten schreiten in derselben mechanischen Stupidität fort. Auch sonst bewegt sich nichts Rechtes. Recensionen, außer der, die Sie kennen, habe ich noch nicht.
Die Beziehungen zu Ludwig leben auf; er ist selbst krank und innerlich garnicht zufrieden. Auch seine Schwester ist meist leidend. - Mit Nieschling habe ich gelegentlich korrespondiert. Weshalb vergessen Sie die halbe Stunde nicht? Bei solchen Begegnungen geht es nie anders. - Knauer kandidiert als Stadtverordneter; er ist alles, bloß kein Poli[über der Zeile] tiker u. wird furchtbaren Ärger damit haben, wie schon der Anfang beweist. Am 27.I. war ich in der Schule; nachher Frühschoppen (= Kaffee u. Kuchen) mit dem Kollegium. Dilthey ist mit meiner pädagogischen Tendenz sehr einverstanden.
Bd 2 der Humboldtbriefe ist sicher der tiefste. Dilthey nennt Humboldt einen bloßen Anempfinder. Aber - offen gesagt, ist mir das jetzt alles sehr Wurst. Ideelle Fortschritte sind - nach der Ironie des Schicksals - nun einmal das, was mich im Augenblick nicht beglücken kann u. das <li. Rand> andere zeigt sich nirgends. Aber ich muß schließen. Wir alle grüßen Sie herzlichst. Ihr treuer u. dankbarer <Kopf> Bruder E. Herzliche Grüße den Damen Knaps!

[re. Rand S. 1] Die Klavierstube ist zum Krankenzimmer hergerichtet, und jetzt oft schon recht sonnig und hell.
[Kopf S. 2] Gestern traf u. sprach ich Margarete Pasternacki, die sich sehr [li. Rand] herausgemacht hat. - Von Hermann hörte ich inzwischen nichts.