Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Februar 1909


[1]
|
20.II.09.
am 100. Jahrestage der Ernennung Humboldts zum Staatsrat d. Unterhauses.
Liebe Freundin!
Ihren lieben Brief habe ich mit so vieler Ungeduld erwartet, daß es wohl begreiflich ist, wenn ich ihn sofort beantworte. Denken Sie sich, gestern Abend um 9 Uhr überraschte mich Hermann in meiner stillen und wohl auch humorvollen Einsamkeit. Da habe ich schon die ganze Familiengeschichte. Verzeih mir der Himmel, das ist die erste Hochzeit, auf die ich mich freue. Aber eben deshalb wird sie wohl in Cassel gefeiert werden und ich nichts davon haben. Was aber die Sache selbst betrifft, so nehmen Sie meinen herzlichen Glückwünsch! Gewiß drängen sich solche Gedanken auf, wie Sie sie andeuten. Ich bin aber der Meinung, daß man nie über dergleichen richten und reflektieren soll. Dann aber kommt die Seele, und wenn nur dies der Fall ist, daß bei dem Bunde die Seelen und sie allein gesprochen haben, so kann nichts anderes als Gutes daraus werden, was ich denn aufrichtig wünsche.
[2]
| Ich stehe Ihrem Frl. Schwester nicht so nahe, daß ich mir erlauben dürfte, ihr persönlich zu gratulieren. Vielleicht haben Sie die Güte, die beiliegende Karte gelegentlich zu befördern.
Da ich einmal beim Bitten bin, so lassen Sie mich auch aussprechen, daß das Buch des Russen doch nur eine ausnahmsweise Lektüre sein möge. Sie werden über meine Ängstlichkeit lachen; aber ich kenne die Gefahr, daß man sich in solchen Dingen leicht verliert oder ihnen mehr Bedeutung zumißt, als ihnen zukommt.
Was Sie mir von Arnold Ruges' Lage schreiben, beschäftigt mich sehr. Ich kenne dies Professorentum, wie W. es darstellt. Deshalb fürchten Sie auch nicht, daß ich Diltheys Netzen ahnungslos verfalle. Ich weiß sehr wohl, daß man vorsichtig mit ihm sein muß. Sehr aber verstehe ich es, daß er sich eine eigne Wohnung eingerichtet hat. Wir sind doch nicht mehr ganz jung, und schließlich lebt in jedem Menschen geistig und materiell (Fremdwort?) die Sehnsucht nach eignem Boden.
Hermann fand ich gestern heiterer und zufriedener als sonst. Er scheint mit der ge
[3]
|wesenen Epoche abgeschlossen zu haben. Auch fühle ich, daß wir uns wieder näher kommen; denn jeder von uns bewegt seine Schachfiguren nach der gemeinsamen Mitte hin. -
Was aber soll ich Ihnen von hier schreiben? Es waren oft sehr schwere Stunden; denn es geht dauernd abwärts. Der Husten war oft ganz fürchterlich. Durch Medizin ist er zeitweise zurückgedämmt; damit aber verschwand auch der Appetit. Die Kräfte werden immer geringer. Der Schweiß ist nachts sehr groß, das Fieber weicht jetzt so gut wie garnicht mehr. Auch die Stimmung ist in den letzten Tagen sehr gesunken. Im ganzen aber ist meine Mutter die angenehmste und anspruchsloseste Patientin, die sich denken läßt. Trotz ihres Leidens denkt sie immer noch an andre und sucht alles so einzurichten, daß ich möglichst wenig gestört werde. Mit der 2. Hilfe (der Baden-Heidelberger) ist wenig los. Im Ernstfalle wird sie wohl ganz versagen. Heute ist sie übrigens nicht gekommen und ich trete in meine alten Funktionen.
Für die herrlichen Nelken dankt meine Mutter Ihnen herzlich. Ihre Blumen kommen immer so frisch an, weil sie von so echten Gefühlen getragen sind. Es kommen jetzt
[4]
| mancherlei Blumen ins Haus, bei denen ich mir wenig denke, manche, die mich ärgern, weil sie ein taktloser Umweg sind. Um so tiefer empfinde ich dann immer wieder, wie Sie allein treu, aufrichtig und teilnehmend im edelsten Sinne sind. Also danke auch ich Ihnen für jedes stille und sichtbare Gedenken, das Sie uns widmen.
Diese Nacht war besonders schlecht; ich mußte wider Gewohnheit 3 mal heraus. Erst nachträglich erfuhr ich die Ursache: es war der Todestag der ersten Frau meines Vaters. Deshalb kam ich auf den Russen.
Ihr gütiger Vorschlag betr. der guten Tante ist sehr lieb und zart von Ihnen gedacht. Wenn meine Mutter Sie schon kannte, so würde ich sofort "Ja" sagen. So aber wäre es doch vielleicht eine kleine Aufregung. Sie schreiben ihr aber vielleicht gelegentlich, wie es hier steht. Im Falle der Not würde ich dann zu ihr gehen.
Was meine geringe Existenz betrifft, so bin ich ruhig, ja fast heiter. Möge es so bleiben! Mein Vater ist ebenfalls sehr tapfer, läßt aber seine Nervosität bisweilen an der sog. "Hilfe" aus, was die Sorge eher erschwert als fördert.
Sonst sitze ich jeden Wochentag von ½ 10 bis ½ 1 auf dem Archiv und schalte in den Akten
[5]
| wie ein Minister. Die Arbeit fördert allmählich. So verdiene ich pro Woche, abgesehen von der privaten Schriftstellerei, mindestens 36 M, ein wahres Ministergehalt, wenn es einmal ausgezahlt, worauf ich aber frühestens Anfang April antragen kann. Demnächst muß diese Arbeit auf dem Kultusministerium fortgesetzt werden.
Durch Umstände, die ich in meinem nächsten Brief auseinandersetzen werde, ist mir ein Gedanke gekommen, den ich als strenges Geheimnis zu behandeln bitte. Ich werde mich sofort um die Habilitation bei der Technischen Hochschule bewerben. Die Sache soll vorsichtig, aber auch sehr schleunig eingeleitet werden. Vielleicht gelingt es. Ich schreibe Ihnen dies heute schon, weil ich Sie bitten möchte, sich aktiv daran zu beteiligen. Es ist mehr ein Lieblingsgedanke von mir, als eine Notwendigkeit, wenn ich mich gerade an Sie wenden werde mit der Bitte, mir die erforderlichen 100 M Gebühren zur Verfügung zu stellen. Lehnt man mich wegen Über<-unleserlich> ab, so erhalten "wir" das Ganze sofort zurück; falle ich durch, so retten wir 45 M, und gelingt es "uns", so erhalten Sie außer dem Betrag die "Erlaubnis", zur ersten Vorlesung während der Hochzeitswoche zu kommen.
[6]
|
Ich ärgere mich jetzt, daß ich s. Z., da die gebundenen Exemplare noch nicht fertig waren, keine Geduld hatte, mit der Zusendung des Buches zu warten. Ich kann Ihnen den Originaleinband sofort senden; aber Ihre Idee ist natürlich viel schöner und lieber. Wäre es nicht vielleicht möglich, ein Motiv aus Tegel zu verwenden? Die "Hoffnung" vielleicht? Oder das Schloß? Mit Humboldt teile ich auch die Liebe zu alten Bäumen. Am liebsten aber ist mir immer das, was aus Ihrer eigensten Idee hervorgegangen ist. Die Troeltschverhandlungen schweben noch. Reuther und Rohde haben abgelehnt. Es liegt jetzt bei Mohr in Tübingen. Über die Sache selbst orientiert mich auch Ruska, der ja Troeltsch nahesteht.
Heute muß ich abbrechen. Ich habe oft daran gedacht, wie wild wohl jetzt der Neckar braust. Hoffentlich tut er Ihnen nichts! Aber es ist doch schön, selbst das Schreckliche auf dieser Welt. Wir wollen sie weiter lieben und hassen!
Herzliche Grüße von meinen Eltern und mir, auch an Ihre Freundin! Ich bin in treuem, herzlichem Gedenken
Ihr Eduard.