Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 23.II.09.
Liebe Freundin!
Es ist sehr hübsch eingerichtet, daß jedes Jahr, mag es auch sonst so übel wie möglich sein, nach Ausweis des Aeikalenders einen 25. Februar und also für mich einen wirklichen Festtag bringen muß. Dieser Tag aber bedeutet für mich mehr, als die "Wiederbringung aller Dinge". Denn so oft er wiederkommt, erlebe ich an ihm zugleich, wie sich das uns vereinende, rein menschliche Band immer tiefer und wahrer gestaltet. Es unterliegt nicht dem Gesetz der Zeit, und so will es mir auch garnicht über die Lippen, Ihnen heute besondere Glückwünsche auszusprechen, bei denen man vergeblich nach nicht abgegriffenen Worten sucht. Ich begnüge mich damit, mir zu vergegenwärtigen, was Ihr Dasein für mich bedeutet, und damit ist gesagt, wie alle Empfindungen des Dankes, der Verehrung und Liebe an diesem Tage bei Ihnen sind und wie ich ihn als eines der heiligsten Symbole meines
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| Lebens betrachte.
Es ist doch etwags Eignes um ein solches Füreinanderbestimmtsein. Wie aus Zufall kreuzen sich die Wege, und dann schlingt sich enger Band um Band, und schließlich lebt man in gemeinsamen Erinnerungen selbst an das, was man garnicht gemeinsam durchlebt hat. Wenn ich denke, mit welcher Macht der alte Schloßpark in Schönhausen und die Broseschen Gärten mich jetzt anziehen, die früher für mich garkeine Sprache hatten, so empfinde ich darin die Gemeinsamkeit unsres Lebens, die die Vergangenheit als etwas gleichsam nur zufällig Versäumtes nachholen will. Ich bin ein Philosoph und darf nichts behaupten, was ich nicht beweisen kann; aber ich wage es auf die Gefahr des Okkultismus zu sagen, daß in dem, was uns zusammengeführt hat, die wunderbarste Fügung war. Und nicht wahr, wir sind aneinander stark geworden? Wir waren es nicht, als wir uns zuerst trafen; es hat auf Ihrer Seite Zeiten des Zweifels, auf meiner Zeiten des Mißver
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|ständnisses gegeben. Solange wir stark bleiben, kann das nicht wiederkehren: die Zeit hat uns erprobt. Denn es war doch eine bewegte Epoche. Welche Fülle von Menschen ist seitdem an uns vorübergegangen! Und von mir darf ich sagen: sie sind an mir abgeglitten wie hohle Geschosse; keiner hat die Probe bestanden, die der mir neu offenbarte Maßstab forderte. So war es in aller Bewegung eine glückliche Zeit. Und wenn ich denke, daß jemand in später Zeit einmal den Versuch machte, meinen Werdegang zu verstehen, so würde er den Schlüssel dazu in Ihnen und nur in Ihnen finden.
Aber ich gerate in allgemeine Betrachtungen und sollte doch zunächst des frohen Tages gedenken, der vor mir liegt, und an dem die ganze mir so vertraute Heidelberger Gesellschaft sich um Sie vereinigt, um Ihnen auszudrücken, was Sie ihr sind. Ich sehe Fräulein Knaps freudig und lebhaft geschäftig; ich sehe die lieblichen Kinderköpfe, die wohl etwas selbst Gezeichnetes bringen, und ich sehe im Geiste auch
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| mich in diesem Kreis. Was ich bringe, ist mehr als bescheiden, wie Sie sehen. Ich wollte Ihnen den Beethovenaufsatz, der aus dem Vortrag vom 16.XII. entstanden ist, schön gebunden überreichen, und hatte zu diesem Zweck dem Prof. Seeßelberg, dem Redakteur der Zeitschrift "Werdandi" die Pistole auf die deutschfühlende Brust gesetzt. Wirklich hat dieses Künstlerherz die Sache, die erst im April erscheint, schon drucken lassen. Aber wie schickt er es mir? In Fahnen auf Reindruckpapier, also die Reinschrift im Unreinen! Ich habe nun den ganzen Sonntag im Zimmer meiner Mutter mit Papier, Schere und Gummi gearbeitet, um die Sache seitenweise zu umbrechen. Aber es ist mir nicht gelungen, etwas zustande zu bringen, was ich einer Meisterin auf diesem Gebiet schicken könnte. Das traurige Opus, das zuletzt an einem Rechenfehler scheiterte, liegt also bei mir, und ich sende Ihnen die unumgebrochenen Fahnen als Zeichen des guten Willens. Dem füge ich morgen, falls mein Buchhändler mich nicht in Stich läßt, ein Buch bei, das ich neu entdeckt habe, ein Frauenbuch der geistvollsten, genialsten Art, freilich nur für die Reifen, die die Seele kennen und hinter der exaltierten Form das Echte zu ahnen wissen: Bettinas Briefe.
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| Sie werden Ihre Freude haben an dieser unglaublichen munteren Lebenskraft, die aus den Briefen an die Mutter Goethes quillt. Das ist genial, plastisch und poesievoll. Mag auch der Vater Rhein dabei frohe Erinnerungen in Ihnen wecken. Mit herzlichstem Dank füge ich auch die schönen Skizzen wieder bei. Da ich mich ungern von ihnen trenne, ist das auch ein Geburtstagsgeschenk. Es ist ärgerlich, daß ich immer mit Büchern komme, aber Sie wissen, wie die Dinge hier liegen, und ich hoffe, außer der Zeit Ihnen durch ein besser gewähltes Gedenkzeichen einmal besser meine Dankbarkeit beweisen zu können.
Ich komme zu anderen Nachrichten. - Ich bin erschrocken, liebe Freundin, äußerst erschrocken, daß Sie den leicht hingeworfenen Gedanken realisiert haben! Fast spielen Sie an Ihrem Geburtstage die Rolle des Davison in der "Maria Stuart". Und mir ist, als hätte ich eigentlich nie so weit gehen sollen!! Aber da von Ihnen nur Gutes kommt, nehme ich es als einen
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| Wink des Schicksals an. Denn eben, als ich von dem Abteilungsvorsteher kam, mit dem ich über die prinzipielle Möglichkeit der Habilitation gesprochen hatte, fand ich Ihren Brief. Schon daß ich den Besuch machte unter den hier herrschenden Umständen, war tollkühn, eine Tat. Nun sei es denn Es steht dem Schritte selbst nichts entgegen. Freilich haben Sie recht: es ist ein Umweg. Aber Berlin steht mir doch z.Z. nicht offen. Es wäre sinnlos, hier den Versuch zu wagen. Ich könnte es besonders jetzt nicht. Die Habilitation in Charlottenburg schließt aber die in Berlin nicht aus, sondern bereitet sie vor. Ich gewinne damit, soviel ich weiß, die vollen Rechte des Staatsexamens, könnte also neben den 2 wöchentlichen Stunden Vorlesung irgendwo unterrichten. Die pädagogische Aufgabe, der rein naturwissenschaftlich-technischen Bildung entgegenzuarbeiten, reizt mich an sich sehr. Aber ich muß den Abt.-Vorsteher, Prof. Scheffers, Recht geben: die Studenten der T.H. haben wenig Zeit. Man kann auf Gewinn garnicht
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| und nur auf wenige Zuhörer rechnen. Die Art, wie er mich aufnahm, gefiel mir sehr: sachlich, klar und ohne Intriguieren. Ich will also den definitiven Schritt von Euckens Rat abhängig machen. - Auf die Idee selbst kam ich durch Prof. Seeßelberg, der in der Abt. für Architektur Privatdozent ist. Er hielt sie für aussichtsvoll. Übrigens sehen Sie sich vielleicht die Zeitschrift des Werdandibundes einmal an. Es sind lauter bildende Künstler Mitglieder, möglicherweise werden auch Sie es? Der "Beethoven" erscheint mit einem 2. "Phantasie und Realität", jedenfalls als Sonderheft. Beide Aufsätze habe ich unter dem Druck meiner jetztigen Lage geschrieben. Das Gute und Schlechte an ihnen findet wohl dadurch seine Erklärung. Bei ihm lernte ich auch den Dichter "Herbert v. Berger" kennen, der in Nr. 2 einen ganz ausgezeichneten Aufsatz über "Wortkunst" veröffentlicht.
Es ist schwer, für das Leben zu sorgen, während der Tod in nächster Nähe weilt. Am Sonntag Abend hat sich hier ein schwerer Um
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|schwung zum Schlechten vollzogen. Meine Mutter fühlt jetzt die Unheilbarkeit. Sie hat wohl die Nacht durch innerlich damit gekämpft. Am Montag morgen hat sie mit mir über das gesprochen, was geschehen soll. Es war das erste mal, daß die Ruhe mich verließ. Es ist so schwer, täglich und allmählich sterben zu sehen. Sie haben keine Begriff von der Abmagerung, die jetzt eingetreten ist. Und trotzdem immer noch diese Hustenanfälle, die mir die Seele zerreißen Ob es nicht besser wäre, wenn sie alles wüßte, statt immer wieder jeden dieser Anfälle als unbegreiflichen "Rückfall" zu betrachten? Dabei diese unversiegliche sorgende Güte für mich Ich beginne schon zu fühlen, wie gerade in dem Kleinen, Unbedeutenden, die Vertraute meine Seele mir fehlt. Sie war mir doch nicht bloß Mutter, sie war mir geistige Gefährtin und alles.
Sie kennen meine religiösen Anschauungen. Ich glaube fest, daß Tod nicht Vernichtung ist. Aber zu beten ist mir ganz unmöglich. Denn der Wille Gottes ist für mich wie ein Naturgesetz. Ich maße mir nicht an, auf ihn zu wirken. In dem Blick meiner Mutter aber liegt, daß sie all das Traurige,
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| was für mich kommt, empfindet. Sie weiß, daß mein Vater und ich uns tief lieben und alles für einander tun werden. Sie weiß aber auch, daß wir uns nicht verstehen. Sie kennt die ganze Lage; sie denkt noch an alles. Und doch muß sie wissen, daß ich noch immer ins Dunkle gehe.
Sonntag spät in der Nacht sprachen wir von Ihnen. Ich öffnete zum ersten Mal den Himbeersaft; das brachte sie darauf. Sie sagte: "Das sind - (ich erwähnte auch Frl. Knaps) - wirklich gute, edle Menschen". Und heute sagte sie: "Sie ist doch die treueste." Überhaupt spricht sie viel von Ihnen und fragt immer nach Ihren Briefen. Sie weiß nur zu gut, daß Sie es sind, die bald an Ihre Stelle tritt.
Es ist das vielleicht kein Text für einen Geburtstagsbrief, und doch wußte ich Ihnen nichts Besseres zu sagen. Lassen Sie sich nicht trübe stimmen, sondern blicken Sie mit mir empor.
Nach Ihrer heutigen Nachricht werde ich morgen auf die Post gehen. Ich schreibe Ihnen darüber besonders, wenn es geschehen ist. Aber ist es nicht
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| doch Unrecht, daß ich auch dies noch von Ihnen annehme? für einen Weg, der so fortdauernd ins Ungewisse führt? Es ist geschehen, und mir bleibt nichts als der Dank und das daran sich knüpfende Bewußtsein ernster Pflichten.
Seien Sie mir noch einmal herzlich gegrüßt, liebes Geburtstagskind, und grüßen Sie auch Frl. Knaps herzlich von uns allen!
Stets Ihr innig verbundener
Eduard.

Herzlichen Dank für den anbei zurückfolgenden Dankbrief.