Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. März 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 2. März 1909.
Liebe Freundin!
Ob dieser Brief durch den Schnee zu Ihnen dringen wird? Wir sind fast verschüttet, und in der harmlosen Kantstraße donnern vorn und im Garten die Lawinen, als träte die alte Calanda aus dem Bilde heraus und produzierte ihre Hochgebirgskunststücke. Ihr lieber Brief, der mir unendlich wohltat, hat mich heute noch erreicht; vielleicht kommt auch die Antwort durch den Schneewall hindurch, da sie ja Mären genug von mir mit sich trägt.
Es hat mich recht geärgert, daß mein Paket erst am 26. ankam. Aber ich hoffe, daß Sie mir das nicht - übelgenommen wäre ein schiefer Ausdruck, - daß es Sie an Ihrem Festtage nicht verstimmt hat.
Was den Verlauf der Krankheit betrifft, so war der Niedergang in den letzten Tagen rapide. Die Zuversicht der Patientin
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| selbst ist jetzt ganz dahin; sie stöhnt und jammert oft laut. Ich halte das, da Schmerzen außer zeitweiser Luftknappheit nicht vorliegen, für den Ausdruck der Todesangst. Dieses Betrugssystem ist mir längst zuwider. Es gehört aber wohl mit zur ärztlichen Behandlung, und es versöhnt mich, daß selbst Paulsen es sich gefallen lassen mußte. Ob ich selbst darauf s.Z. eingehen würde, ist mir sehr fraglich. Was nun die geheimen Gedanken meiner Mutter betrifft, so brauchen Sie nicht zu fürchten, unverstanden zu sein. Sie denkt genau das selbe wie Sie; sie spricht von ihnen in Zusammenhängen, die ohne dies ganz seltsam wären, ja sie träumt sogar von Ihnen. Die Symbolik dieses Traumes hat etwas Eignes; ich muß ihn Ihnen trotz allem erzählen. Zu den furchbarsten Symptomen der Krankheit gehören die nächtlichen Schweißausbrüche. Nun sagte mir meine Mutter, sie hätte, bei während sie sich trocknete, immer den Gedanken gehabt, sie brauchte nur einen Teil abzutrocknen; das andre würde "einer von Hadlichs" abtrocknen. Mir fiel das Schweiß
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|tuch der Veronika ein: hat es doch selbst Christus getröstet zu wissen, daß einer sein Leid mitempfand und ihm tragen half.
So hatte es für mich eine wunderbar tröstende Kraft, daß Sie schreiben: "Wie es auch komme, es kann nur zum Guten sein, denn das Schicksal kommt ja aus Ihrer Seele." Ähnliche Gedanken bewegten gerade jetzt auch mich: denn ich verstehe dies so, daß in mir die Kraft liegt, jede Lage zum Guten und Segensreichen zu gestalten, und daß ich die Pflicht habe, dieser und keiner andern Kraft in mir zum Siege zu verhelfen. Gewiß fühle ich im Grunde meiner Seele diese Kraft; sie wächst an den gegenwärtigen Aufgaben. Es fehlt mir nicht an Mut, und meinen Vater muß ich bewundern. Aber andererseits dürfen Sie mir glauben, daß die Schwere mancher Situationen an mir zehrt und daß ich einen allmählichen Einfluß auf meine Nerven zu empfinden beginne, zunächst insofern, als die Fähigkeit zu wissenschaftlicher Arbeit daneben doch nachläßt. Vor allem
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| die Einsamkeit der Nächte, die jetzt selten ohne Unterbrechung verlaufen, ist schwer. Aber lassen wir dies Thema: ich murre nicht, denn ich fühle mich von der Liebe Gottes und von der Liebe vieler guter Menschen umgeben.
Welch seltsame Fügung, daß in diese Zeit der Trübsal meine höchsten wissenschaftlichen Triumphe fallen. Ich muß Ihnen den Verlauf der Sache doch ausführlich erzählen, falls Sie meine ermüdete Hand verzeihen wollen.
Vor 14 Tagen richtete ich an den Kultusminister das Gesuch, auf dem Archiv d. Min. meine Arbeit für die Akademie fortsetzen zu können. Gleichzeitig wurde der Plan der Techn. Hochschule soweit zum Entschluß, daß ich den Abteilungsvorsteher Prof. Scheffers, einen sympathischen Mann, aufsuchte u. ihm meine Bewerbung, der keinerlei Schwierigkeiten entgegenstanden, ankündigte. Am Mittwoch Morgen erhielt ich vom Kultusministerium folgenden Brief: "Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir Mittwoch den 24. d. M. nachm. zwischen 4 und 5 Uhr auf meinem Amtszimmer die Ehre Ihres Besuches schenken wollten. In aus
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|gezeichneter Hochschätzung ergebenst Elster, Geh. Oberregierungsrat." Ich bezog dies auf die Archivangelegenheit, schrieb noch verschiedene Briefe in Sachen der Technischen Hochschule, vorsichtiger Weise ohne sie abzusenden, und fand mich zur Zeit ein. (Hier läuft mein Freund Kügelchen großspurig über Schreibmappe und Brief.) Ein Geheimrat wurde abgewiesen, ich selbst nach einigem Warten vorgelassen. Geheimrat Elster, der Personalreferent für Universitäten, ist ein Mann im besten Alter, ruhig, offen und entschieden. Er sagte: "Sie sehen, dort liegt Ihr Buch; wir wollten Sie doch einmal persönlich kennenlernen. Was haben Sie eigentlich vor?" Hierauf Erklärung meinerseits. Wegen Überfüllung Berlins an T.H. gedacht. Er stellte mir "rein freundschaftlich" vor, daß diese Laufbahn keine Zukunft habe, daß in Berlin ein Privatdozent mehr noch immer durchkomme, und daß Riehl sich sehr günstig über mein Buch geäußert habe. Alles war von dem wohlwollendsten u. objektivsten Interesse diktiert. Ich glaubte, mit diesem Rat entlassen zu sein, als er mir sagte: "Ich werde Sie jetzt zu Herrn Ministerialdirektor Naumann
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| [Althoffs Nachfolger] führen; der möchte Sie auch gern kennenlernen. Auf dem langen Weg durch den Korridor wurde er noch herzlicher und freundlicher; so kamen wir zu dem Zimmer des als grob bekannten N. Eine grobgeschnitzte Figur empfing uns, redete mich mit derber Freundlichkeit an und es entwickelte sich ein Gespräch zu dreien, daß ich beinahe das Gefühl hatte, es würde bald eine Flasche Wein aufgemacht werden. "T.H. Sackgasse". Die Quintessenz war wieder Riehls Urteil; ich sollte zu ihm gehen und mich in Berlin habilitieren etc. Dann sehr freundschaftliche Verabschiedung.
Im ganzen also ein ungeheurer Erfolg, wenn man bedenkt, daß ich in Preußen noch keine Beamtenqualität habe, sondern sie nur erstrebe.
Heute nachmittag ging ich nun, etwas apathisch gestimmt, zu Riehl. Ich liebe ihn nicht; er ist nach meinem Gefühl eines eigentlich persönlichen Interesses kaum fähig. Um so bedeutsamer vielleicht sein Urteil,
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| dessen Hauptwendungen ich Ihnen hier wörtlich wiedergeben: "Ich habe Ihr Buch wirklich mit großer Freude gelesen. Es ist meinem Standpunkt durchaus verwandt. Als (größeres) Erstlingswerk eine respektable Leistun Arbeit, aber es ist mehr: es ist eine literarische Leistung. - Auf diese Arbeit hin kann Ihnen niemand die Habilitation verwehren. Meine Stimme haben Sie; ich habe freilich nur eine Stimme; ich werde mit Dilthey darüber reden. - Der Minister hat mein Gutachten eingefordert, (also offenbar schriftlich abgegeben! N.B. Naumann u. Elster sagten mir, ich dürfte ihm nicht wieder sagen, wie günstig er über mich geurteilt hätte) Schluß: Ich hatte nicht gedacht, Herr Doktor, daß Sie ein noch so sehr junger Mann wären; aber um so besser". - Natürlich wies auch er auf die Überfüllung und einige andere Schwierigkeiten hin; aber prinzipiell steht der Habilitation im Sommer nichts entgegen.
Sie sehen, also, liebe Freundin, ein Sieg auf allen Linien, und doch - wie meine häuslichen Verhältnisse liegen - ein Pyrrhussieg.
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| Nun kommt die Postsache: Beinahe hätte ich den Schatz nicht ausgraben können, da eine Personalbeschreibung als Legimitation gefordert wird, die ich nicht besitze. Ich brauche nun aber das Geld - mindestens vor dem Sommer nicht. Ich bitte Sie herzlich, mir nicht zu widersprechen, wenn ich Ihnen der Ordnung wegen direkt 80 M zurücksende. 20 M behalte ich, wenn Sie erlauben, zur Erleichterung meiner persönlichen Existenz; diese um den Umgang mit der Natur u. gelegentliche kl. andere Wünsche nicht zu entbehren. Es wäre mir lieb, dieses "Plus" gerade Ihnen zu verdanken. Sonst sind ja die zu erwartenden Einnahmen für die Januar - u. Februararbeit relativ bedeutend. Ich warte nur bis übermorgen; falls Sie dann nicht anders bestimmen, gehen 80 M an Sie ab.
Ich habe jetzt mit der Geschichte der polit. Theorie langsam begonnen. Auch möchte ich meinen ehemaligen Schülerinnen, die für mich immer noch eine Zeit reinen Glücks verkörpern, einen Vortrag über Pestalozzi halten im April. Wie glücklich wäre ich, wenn ich wieder unterrichten könnte. Knauer, der Stadtverordnete (!) hat es mir, gut wie er ist, angeboten, aber es spricht etwas in mir gegen diese Rückkehr. - Aber nun kann ich nicht mehr schreiben als die herzlichsten Grüße von mir und m. Eltern (auch an Frl. Knaps, deren lieber Brief mich innigst erfreut hat) Ihr von <li. Rand> Herzen dankbarer, brüderlich treuer Eduard.