Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. März 1909 (Charlottenburg)


[1]
|
Charlottenburg, den 16. März 1909.
Liebe Freundin!
Vor einigen Tagen hatte ich die Absicht, um eine freundliche Erneuerung der Saft- und Geleesendung zu bitten, die sich in der Pflege so sehr bewährt und zuletzt unentbehrlich gezeigt hatte. Ich unterließ es, um nicht zu viel zu bitten und weil ich annahm, daß Sie jetzt doch viel mit den Ereignissen Ihrer eignen Familie beschäftigt wären. Auch dort ist Freude mit Trauer seltsam gemischt. Wird der plötzliche Tod des Sohnes, den ich erst nachträglich als Hermanns Berliner Freund identifizierte, auf den Termin der Hochzeit von Einfluß sein? - Ganz besonders hoffe ich, daß Ihre verehrte Tante dann durch die Frühjahrsluft so weit wiederhergestellt sein wird, daß sie an dem Fest in voller Frische teilnehmen und dadurch Ihre Freude vermehren kann. Auch Ihnen wünche ich von Herzen ein baldiges Verschwinden der Indispositionen, von denen ich in letzter Zeit leider wiederholt hören mußte.
Inzwischen sind Sie nun jenen stillen Wünschen zuvorgekommen; Sie haben Ihre
[2]
| liebevolle gabe von Blumen und Früchten gerade an dem Tage abgesandt, an dem wir hier, ernst, aber doch dankbar, den 62. Geburtstag meiner Mutter begingen. Es war mir lieb, daß sich so noch einmal alle Freunde persönlich oder brieflich um sie versammelten. An Zeichen herzlicher Teilnahme hat es nicht gefehlt. Aber die größte Freude bereitet hier immer, was aus Heidelberg kommt. Die Blumen waren wundervoll frisch; sind diese Schneeglöckchen wirklich schon aus dem Freien? Auch die Kirschblüten waren zum Teil recht gut erhalten, und die Krokos, die so leichtsinnig die Herbstzeitlosen imitieren, vereinigten sich mit ihnen zu guter Botschaft. Denn wir mögen in uns leiden, was wir wollen: die Natur in ihrer Schönheit und Lebendigkeit durchdringt uns doch immer wieder mit dem Bewußtsein, daß kein Leben vergeht, sondern alles neu und schöner wiederkehrt.
Freilich ist die Leidenszeit, in die wir gestellt sind, wohl nicht gering. Es geht so langsam, und doch ohne jede zeitweise Besserung zum Ende. Sonntag war der schlechteste Tag. Die Teilnahme ist schon gering geworden. Zeitweises Phantasieren und anscheinend auch Trübungen des Bewußt
[3]
|seins stellen sich ein. Die Ernährung hört immer mehr auf; das Fieber verzehrt, während der Husten seltener wird. Aber die Atemnot führt zu schweren Angstzuständen, besonders in der Nacht. Ich muß in der Regel jetzt zweimal aufstehen; es geschieht mit freudigem Herzen, aber es ist wohl menschlich, daß meine Nerven immer angegriffener werden. Bei Tage suche ich nach Möglichkeit einige Stunden zu arbeiten; dies aber und das Essen geschieht immer in Hast, und natürlich alles ohne rechte Freude. Verzeihen Sie es daher meiner Müdigkeit, wenn ich heute nur wenig schreibe. Mein Hauptzweck ist der Dank, der sich natürlich auch auf die so reichlich gespendeten Delikatessen bezieht. Die Aufschrift der Aprikosenmarmelade belehrt mich, daß auch Frl. Knaps wieder in bekannter Güte dazu beigesteuert hat. Meine Mutter empfindet das alles mit tiefer Rührung und Freude, und sie klagt, daß sie nicht einmal "danke schön" sagen könnte. Auch mein Gefühl ist durch diese 2 Worte noch nicht erleichtert. Ich stehe ja nun ganz "buchstäblich" in Ihrer Schuld. Diesen Schuldschein aber lege ich nur zu dem Betrage, den ich hoffentlich unberührt lassen kann (nachdem er mir übrigens bereits zur rechten Stunde wertvolle Dienste geleistet hat.) Meine Situation ist gegenwärtig nicht ungünstig;
[4]
| aber man denkt natürlich immer an die Gestaltung der Zukunft.
Ihre schönen Geburtstagsbriefe habe ich mit herzlicher Freude gelesen. Merkwürdig, daß beide Brüder zu gleicher Zeit von dem Gedanken der Selbsttätigkeit erfüllt sind, noch merkwürdiger aber, daß sich auch alle Ideen des dritten Bruders im Augenblick darum drehen (indem er einen Prozeß Pestalozzi - Fichte gegen Herbart zu führen gedenkt.) Ruska behandelt mich wie eine pädagogische Autorität und öffnet mir sein Blatt in allen Fragen. - Was den Brief des Herrn Onkels betrifft, so habe ich ihn während des Lesens wirklich nicht als Verfasser erraten; ich rechnete sogar mit einer Dame, bis ich die Unterschrift las. Die Briefe Ihres Bruders Kurt lese ich immer besonders gern; es liegt eine so kostbare Frische darin, daß ich immer das Gefühl hatte, wir beide müßten ausgezeichnet mit einander auskommen.
Indem ich Ihnen die Briefe herzlich dankend zurücksende, lege ich einige von mir bei, schon mehr Abhandlungen oder Streitschriften, die Sie aber vielleicht interessieren. Weil lieber freilich verlebte ich jetzt den Frühling bei Ihnen in Heidelberg! Ich habe so eine wahnsinnige Sehnsucht nach Natur und - nach Ihnen! Aber da bleibt nur die Resignation. - Gestern war ich einen Moment in der Schule. Denken Sie: Gerta Ital verbreitet, ich suchte sie absichtlich zu treffen u. Gelegenheiten herbeizuführen, um mit ihr in der Bahn zu fahren. Solche Galoppaden habe ich von dem Künstlerkind immer gefürchtet. - Zwei andre senden übermäßig kostbare Blumen für m. Mutter; alles nicht nach meinem Geschmack. - Verzeihen Sie dies wirre Geschreibe u. etwaige Vergeßlichkeiten. Der Kopf ist mir wüst. Nur <li. Rand> das eine erfüllt mich ganz: das Gefühl dankbarster Treue gegen Sie, die Sie so unendlich viel für mich sind <Kopf> und tun! In brüderlicher Gesinnung stets Ihr Eduard.
[re. Rand,S.1] Viele herzliche Grüße an Frl. Knaps!