Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. März 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 21. März 1909.
Liebe Freundin!
Ich will versuchen, den kurzen Nachrichten, die Sie bereits von mir erhalten haben, ein paar Worte über die letzten Tage und Stunden nachzusenden. Am Mittwoch Nachmittag stellte sich eine steigende Unruhe ein, die mit Beginn der Nacht rapide anwuchs. Trotzdem versuchte ich, nachdem ich um 11 Uhr das Schlafpulver gegeben hatte, ins Bett zu gehen. Um 12 klingelte meine Mutter und verlangte durchaus aufzustehen. Ich suchte sie zu beruhigen; aber schon nach ¼ Stunde rief sie mich wieder, und ich erkannte nun, daß sie möglicherweise wirklich aufspringen würde. Denn ich fand sie schon mit Strümpfen und Umschlagetuch auf dem Bettrand sitzen. Ich blieb nun bei ihr bis morgens um ½ 7. Während dieser Zeit sprach sie fast ununterbrochen, alles mögliche durcheinander: vom Geschäft,
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| von der Leipziger Messe, von der Wirtschaft und von allen möglichen Wahnvorstellungen. Nur ein Gedanke blieb fest: sie müßte aufstehen, sonst würde es zu spät. Und doch war sie wieder glücklich, wenn ich ihr sagte, daß sie noch ein bißchen schlafen könnte. Ich hatte keinen Zweifel, daß dies alles der Anfang der Agonie war; eine eigentümliche Kieferbewegung war mir das verdächtigste Zeichen.
Von ½ 7 bis 11 legte ich mich schlafen. Während dieser Zeit phantasierte sie weiter, und so ging es fort, als ich mich am Mittag wieder zu ihr setzte. Die Personen erkannte sie noch ganz genau. Ein kleiner Zwischenfall wird mir unvergeßlich bleiben: Sie sagte halb im Traum: "Ich bin ein zu unglückliches Geschöpf: So elend bin ich ins Leben gekommen, und so elend gehe ich wieder heraus." Da verlor ich einen Augenblick die Fassung. Sie sah mich mit ihren zuletzt so großen Augen erstaunt an und fragte: "Nun weinst du, Schnüttchen?"
Der Arzt verordnete Morphium zur Beruhigung, hielt das Ganze aber nur für
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| das Delirium inanitionis ohne unmittelbare Gefahr. Nachmittags war ich einen Augenblick bei Knauer; er war in ernster Sorge um seinen Bruder, der noch am selben Abend, als wir uns getrennt hatten, einem Herzschlag erlag. - Als ich wiederkam dauerte das Phantasieren noch an; aber meine Mutter hatte das Bedürfnis nach Ruhe; ich war daher weniger bei ihr. Einige Freunde erkannte sie und sprach dann ganz vernünftig mit ihnen.
Die Nacht sollte Frl. Schill bei ihr wachen; ich gab Weisung, mich nötigenfalls zu wecken. Als ich zum letzten Mal Medizin gab, hatte Mama die Idee, das Essen wäre fertig, und ich sollte schnell hingehen und essen. Ich versicherte ihr, daß ich es tun würde. Da war sie zufrieden und sagte: "Ja, das tu!"
In der Nacht soll sich dann die Unruhe bis zum Aufspringen gesteigert haben. Sie rief viel nach uns und verlangte das Bild meines Vaters dringend zu sehen. Um ½ 4 soll sie dann stiller geworden sein.
So fand ich sie, als ich um ½ 8 zu ihr kam. Sie lag ruhig, aber vom Herzen gingen starke Stöße aus, und sie wimmerte und
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| stöhnte in einem Ton, den ich nie vergessen werde.*)[Fuß] *) Der eine Arm war schon eiskalt. Ich glaubte, daß ein Herzschlag eintreten würde, ohne daß sie noch einmal die Augen aufmachte. Von Zeit zu Zeit flößte ich ihr Saft und Wein ein. Sie versuchte noch unaufhörlich zu sprechen; aber ihr Flüstern war nicht mehr zu verstehen. Nur einmal sagte sie deutlich: "Mein Eduard!" Auch glaubte ich zu hören: "ein Eichen!" aber ich traute meinen Ohren nicht recht. Plötzlich aber öffneten sich die Augen noch einmal und sie lallte, daß sie halb verhungert wäre. Sie aß mit Gier von einem Cakes und ein rohes Ei. Dann verlangte sie aufgerichtet zu werden und "einen Tropfen Milch." Dabei sah ihr großes Auge rings umher. Endlich sagte sie: Nun möchte ich noch die Bilderbücher haben (eine Erinnerung an das Geschäft.) Gleich darauf verstand ich deutlich: "Möchtest Du mir nicht das Treppenbild geben?" Ich riet auf unser Gruppenbild, das über meines Vaters Schreibtisch hing. Die Frau Endriat hielt es ihr hin; sie sah es an, nickte und sagte: "Ja, das ist schön." Dann ließ ich ihr auch noch ihr eignes Bild zeigen. Aber nach 2 Minuten schon sank sie zurück, die Augen schlossen sich langsam, sie war jetzt ruhiger, aber der Atem setzte oft auf 10 Sekunden aus. Das
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| war etwa um 11 Uhr. Der Arzt saß bei ihr und meinte, es könnte nur noch ganz kurz dauern. Von Zeit zu Zeit kam ein gurgelnder Ton. Der Arzt kam wieder, sie atmete noch. Aber der Atem wurde immer schwächer, und plötzlich stand alles still; in demselben Augenblick schlug die Uhr, deren Schlagwerk die ganze Zeit eine Stunde vor[über der Zeile] nachgegangen war, 12; in Wahrheit ist sie Punkt 1, in Gegenwart meines Vaters und meiner selbst, entschlafen.
Schon nach wenigen Minuten sah die Leiche ganz gelb und verfallen aus. Ich besorgte den Totenschein. - In dieser Stunde erfuhr ich eine andre Nachricht, die mich wie ein Donnerschlag traf. Darüber in geeigneter Stunde mündlich. -
Noch am selben Nachmittag besorgten wir den Sarg. Ich war bei Kirmß, alles wurde eingeleitet. Am nächsten Morgen sah die Leiche wieder schön und friedlich aus; nur lag um ihre (von Natur sehr hohe) Stirn ein Zug der Hoheit und der Strenge, der im Leben nie so hervorgetreten war. Von 9-1 besorgte ich mit meinem Vater, der sehr energisch blieb, alles Nötige. Bei der Heimkehr stand
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| Korridor blumenbedeckt der offene Sarg, den man infolge eines Mißverständnisses nicht zu schließen gewagt hatte. Daran lehnte ein großer Kranz aus doppelten Veilchensträußen als Gabe des Arztes. So sahen wir sie noch einmal. Ich habe dann mit eigner Hand den Sargdeckel aufgelegt und so mein Liebstes auf ewig dem irdischen Auge verborgen.
Verwandte und Freunde kamen. Unterdes schrieb ich 100 Adressen. Um ¼ 7 kamen die Träger. Wir geleiteten den Sarg zum Werderschen Kirchhof; mein Onkel Ernst fuhr mit. Auf dem Kirchhof erwartete uns Ludwig. Um 8 kamen wir zurück; nun ist alles still.
Gott tröste meinen Vater! Er ist so mutig, und doch ist sein Leid so tief und sein Los so tieftraurig. Ich selbst bin ruhig und gefaßt. Waren doch jene 10 Minuten des Augenaufschlages so schön, wie ein ganzes gemeinsam verlebtes Jahr! Was in meiner Seele tot ist, das wird kein Auge mir ansehen und nur ein Herz empfinden.
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Ich habe mir von der Frau die Vorgänge der letzten Nacht erzählen lassen und gefragt, ob sie irgend welche Namen genannt hätte. Sie soll nur einen außer den unseren ausgesprochen haben und immer wieder gesagt haben: sie müsse sich anziehen und zu Frl. Hadlich gehen.
Unsre Tote hat keine Feinde gehabt; sie hat auch keine Freundinnen gehabt. Denn sie lebte nur für uns. Ihnen aber sage ich in dieser Stunde: nächst uns haben Sie ihrem Herzen am nächsten gestanden. Der Segen Gottes ruhe in unser aller Herzen!
"Was ich mir ferner auch erstreben mag,
das Schönste ist doch weg, das kommt nicht wieder!"
In herzlicher Liebe Ihr treuer Bruder
Eduard.