Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. März 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 29. März 1909.
Liebe Freundin!
Mit herzlichem Bedauern lese ich, daß Sie die Reise mit nicht ganz zufriedenstellender Gesundheit angetreten haben. Lassen Sie mich hoffen, daß dies nur die bekannte Frühjahrsmüdigkeit ist, die einem leider stets den reinen Genuß verdirbt. Gewiß erholen Sie sich in Cassel, bei der verehrten Tante und unter hochzeitlichem Frohsinn, bald wieder ganz. Wenigstens wünsche ich dies von ganzem Herzen.
Von den Ereignissen hier ausführlich zu berichten, würde zu weit führen. Also nur das Wichtigste. Wenn Liebe den Schmerz lindern kann - und ich glaube daran, so war alles dazu angetan, uns den Verlust zu erleichtern. Zahlen sprechen in solchen Dingen wenig; aber ein Berg von Kondolationen (wohl 150) sagt uns, was die Tote auch andern war. Kurz vor der Beerdigung fand ein solcher Ansturm von Kränzen statt, daß wir Mühe hatten, sie auf unsern 2 Wagen fortzuschaffen. Die beiden Frauen zählten allein an diesem Tage 20. Die Beteiligung auf dem Kirchhof war infolge mannigfacher Redenumstände wohl etwas geringer, als ich erwartet hatte; doch mögen wohl 100 Personen dort gewesen sein. Die Rede der Geistlichen wurde allgemein gelobt. Mir schien sie von der lauen Art, die sich vor Religion fürchtet; ich habe sie mit vollem kritischen Bewußtsein angehört und kaum die Spuren religiöser Worte darin gefunden. Bei dem Wege zur Gruft regnete es ziemlich stark; in der Ferne klang Trauermusik, andern nach Wunsch, mir recht störend.
Es gibt bei solchen Vorgängen gewisse Einzelheiten, die dem Herzen besonders nahetreten. Von diesen will ich Ihnen erzählen. Das rührendste war wohl, daß unser Freund Rudolf Vierecke eigens zur Beerdigung von Eisenach gekommen war. Auch die Witwe von Serwacinski hatte die Reise von Stendal nicht gescheut. Klara Runge
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| war mit Vater und Mutter dort; von meinen Schülerinnen nur wenige. Doch haben die meisten geschrieben, der Musenbund hat einen Kranz gestiftet, und Frau Ihlefeldt schickte mir einen Brief, der mich tief ergriff, weil ich den mütterlichen Gedanken so hindurchleuchten sah. Vom Kollegium waren 4 Damen da, die mir alle sehr schöne Briefe geschrieben hatten. Am rührendsten aber war es wohl, daß in der Dämmerung Rudolf Knauer mit seiner Frau, vom frischen Grabe seines Bruders kommend, uns in unsrer Einsamkeit aufsuchte.
Von den Briefen werde ich Ihnen später diejenigen zeigen, die mir echt erschienen sind. Es sind mehr, als ich wohl verdiene. Einen neuen Freund gewann ich bei dieser Gelegenheit in meinem Archivmitarbeiter Dr. Hass, und einen alten fand ich in ergreifender Weise wieder: Eduard Havenstein.
Die kostbarsten Blumen hat wohl Frau Professor Paulsen gesandt. Sie waren mir auch innerlich tief wertvoll. Wie oft habe ich in diesen Tagen gedacht, wenn sie das alles noch wissen könnten! Aber zur Gruft getragen habe ich keinen Kranz. Ich hatte mir gelobt, daß es nur einer von Epheu und Schneeglöckchen sein sollte. Ein solcher kam erst am nächsten Tage. Mein Vater und ich brachten ihn hinaus; er liegt nun noch heut in der Mitte des Blumenhügels, und ringsum wehen die Frühlingslüfte, und in der Ferne rauscht die Großstadt.
Ich weiß nicht, ob die Stimmung, in der ich seit der Katastrophe bin, Fassung ist oder Apathie. Wie sehr ich Pädagoge bin, empfand ich auch hierbei. Ich dachte fast an nichts andres, als daß ich auch in diesem Augenblicke Herr der Lage sein wollte, und ich habe nicht einen Augenblick gewankt. Es gibt keinen Schmerz, den die große Seele nicht trägt. Ich hätte nie geglaubt, daß diese Trennung so beinahe völlig ohne Tränen möglich wäre. Aber ich bin in so tiefem Frieden von meiner Mutter geschieden, daß kein Gedanke mir ihr Bild trübt. Sie ist mir noch heute nah, und wir werden zusammenleben bis an mein Ende. Ich bin völlig still, nicht die
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| entfernteste Spur von Erschütterung zittert in mir nach.
Etwas andres freilich ist es, daß dem stummen Schmerz die gemeine Sorge auf dem Fuße folgt. Wie es werden soll, liegt alles im Dunkeln. Und nun kommen die Erlebnisse, an denen man nicht mehr wünscht und lernt, sondern die einen auspressen und unterjochen wollen. Die Devise heißt Existenz; sie heißt nicht Seele, nicht Leben, sondern realen Erwerb. Und das eine weiß ich, daß ich das, was wir brauchen, nicht schaffen kann. Verwechseln Sie, liebe Freundin, nicht diese Finsternis mit der idealen Helle, die in mir strahlt und sich auch gegen solche Mächte wehren wird.
Damit komme ich auf den Hauptpunkt dieses Briefes. Es war meine Absicht, Sie in dem eingetretenen Fall zu bitten, nach Berlin zu kommen. Aber die Bitte, die ich mir vor 1 Jahr freistellte, habe ich getan, und Sie haben sie mir erfüllt. An eine Reise meinerseits ist nicht zu denken. Aber auch Sie sollen nicht reisen; aus folgenden Gründen: 1) sind Sie selbst angegriffen und bedürfen heiterer Ferien. 2) sollen Sie die Freude der Hochzeit ungetrübt genießen. 3) fänden Sie mich jetzt unfreier als Pfingsten vorm Jahr, wo ich so glücklich war und Sie sich doch enttäuscht fanden. Sie würden nur eine größere Enttäuschung finden. Denn hier im Hause ist alles tot; freie Tage darf ich nicht machen, weil unsre Situation gefährdet ist. Ich weiß, daß Sie alles täten, worum ich Sie bitte. Lassen Sie mich in diesem Bewußtsein glücklich sein und begehren Sie nicht, den Abstand zwischen dem enttäuschenden Pfingsten und dem Heute zu sehen. Innig danke ich Ihnen für Ihre treue, schwesterliche Absicht, wie für alles andre, das Sie uns in dieser Zeit erwiesen haben. Mein Vater und ich grüßen Sie herzlich. Bitte empfehlen Sie mich auch Ihrer verehrten Tante und all <re. Rand> Ihren Lieben. Ein frohes Hochzeitsfest! In brüderlicher Treue stets Ihr Eduard.