Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. April 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 12. April 1909. Balkon
Liebe Freundin!
Ihr Verlangen nach Briefen steht in einem lebhaften Kontrast zu meinem Wunsch, mir über die gegenwärtige Lage, die unhaltbar ist, keine Rechenschaft zu geben. Nur die Fähigkeit, nichts zu empfinden, kann mich darüber hinwegbringen.Sie aber sollten die mannigfachen frohen Eindrücke dieser Ferien ungestört genießen. An die Hochzeit reiht sich nun die Anregung durch Studium und kollegialen Verkehr, die Ihnen gewiß sehr gut tun werden, der große, eng zusammengeschlossene Familienkreis, und ein Frühling, ganz so schön, wie um diese Zeit vor 2 Jahren.
Da Sie es aber wünschen, so will ich Ihnen kurz berichten, wie es um mich und in mir aussieht. Wir leben als 2 Junggesellen; die Bedienung kommt vormittags. Mittag essen wir im Restaurant, wenn's paßt, zusammen. Kaffee kocht die Portierfrau. Abendbrot besorgen wir uns selbst. Auch eine dauernde Gesundheit vorausgesetzt, kann dabei natürlich keine Ruhe gedeihen. Zwar halte ich mich von den häuslichen Geschäften, die ich nur aus Liebe zu meiner Mutter im letzten Jahr übernommen hatte, prinzipiell nach Möglichkeit fern. Aber wissenschaftliche Muße ist dabei kaum möglich; schon die freie Bewegung, der gesellige Verkehr ist dauernd gehemmt. Demgegenüber stehen allerdings Stunden von so schauerlicher Ruhe, daß man ganz und gar mit dem Objekt verschmilzt und das ganze menschliche Leben mit seiner Wärme, seinem Glanz und seiner frischen Liebesglut versinkt. Ich weiß bestimmt: wenn hier nicht irgend ein neues tiefgreifendes Moment eintritt, gehe ich daran als Mensch zugrunde.
Ich habe lange gekämpft, ob es bei dieser gefährdeten Situation einen Sinn hat, im Sommer die Habilitation zu betreiben. Sie würde mir wieder auf Monate die Erwerbsquellen verschließen. Aber wenn ich dann einmal untergehen soll, so will ich wenigstens bis zuletzt gekämpft haben. Dies gibt mir eine eisige Ruhe gegenüber allem, was sich ereignen mag. Ich habe einerseits das Gefühl, nichts verlieren zu können, und andererseits weiß ich: das Schicksal ist zu arm, um mir etwas zu geben, also will ich es beschenken. Ich will, im meine Ideen auch das letzte Opfer zu
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| bringen, trotz aller inneren Unsicherheit die Habilitation wagen. Ein äußerer Stachel dazu ist, daß mein alter Bekannter Dr. Abraham Hoffmann sich gleichzeitig meldet und seinerseits alle Zusagen zu haben behauptet. In 8 Tagen werde ich Dilthey die glatte Frage stellen, ob er sich für ihn oder für mich entscheidet. Diese Frage ist ein Ultimatum; was dann geschieht, wird außerhalb aller Kontinuität liegen. - Kommt es aber zur Habilitation im Sommer, so rechne ich darauf, daß meine Freunde mich im Notfall finanziell stützen. Man sagt ja, daß die Privatdocentur hier einigen Rückhalt gibt. Das, was wir brauchen, bietet sie allein natürlich nicht. Hinc illae lacrimae.
Klänge aus vergangenen Tagen waren die Fülle der Osterwünsche, die mir am 1. Feiertag von früheren Schülerinnen auf den Tisch flog, z. T. mit selbstgepflückten Blumen. Die Wirkung, die ich dort übte, muß doch unendlich viel größer gewesen sein, als was ich heute noch in mir lebendig fühle.
Frau Professor Paulsen, die sich auch in einer bedauernswerten Lage befindet, ist mir noch immer sehr freundschaftlich zugetan. Am Sonnabend Abend war ich bei ihr - zwei Einsame zusammen. - Die letzte Kondolation kam in diesen Tagen: Eucken, ein wundervoller Brief. Aus Teheran kamen Veilchen; der Absender ahnte nicht, daß ich sie auf einen frischen Hügel bringen würde.
Ich hoffe, Hermann am Mittwoch zu sehen. Vielleicht höre ich dann auch Näheres aus Cassel, da ja auch Sie mit Nachrichten sparsam sind und um die Einhaltung der Reihenfolge mit mir rechten.
Ziehen in Frkfrt. hat den Humboldt glänzend besprochen.
Mädi Mauderer ist nach Elbing versetzt.
Dies mein ganzer Neuigkeitenturm. Wie lange bleiben Sie noch in Cassel? Ich war jetzt öfter in Pankow. Man geht dort sehr allein.
Mit herzlichen Grüßen und dem Wunsch, daß die Ferien auch eine Erholung für Sie bedeuten,
Ihr herzlich zugetaner
Eduard.
Auch mein Vater läßt grüßen. Bitte empfehlen Sie mich all den verehrten Ihrigen.