Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. April 1909 (Charlottenburg 2)


[1]
|
Charlottenburg 2, Kantstr. 140.
Den 20. April 1909.
Liebe Schwester!
Ist es möglich, daß die Sonne scheint, nachdem Sie fort sind? Ihr Kommen hat mich aus der Dumpfheit, die meine Rettung war, aufgerüttelt. Noch ist mir tagsüber ein paar Mal, als sähe ich Sie auf der Straße mir entgegenkommen. Leider ist es immer Täuschung. Aber es waren doch ein paar glückliche Tage, und mit belebterem Sinn sehe ich in die immer noch dunkle Zukunft.
Gewiß, der alte Schmerz muß noch einmal aufbrechen; ich habe ihn noch nicht bis zum Grunde durchkostet. Aber dann wird er belebend sein und Neues in mir schaffen. Sie fanden mich nur noch als Schatten meiner selbst. Aber Ihre liebevolle Nachsicht hat mich das nicht empfinden lassen. Wie stets, waren Sie ganz Güte und ganz Seele, und ich wüßte nicht, wie
[2]
| die Welt aussähe, wenn ich Sie nicht darin wüßte. Sie verklären mir jedes Erlebnis durch Ihre edle, tieffühlende Ruhe, während ich mich immer mehr von der poetischen Daseinsart abwende und empfinde, wie ich erkalte und vertrockne. Aber ich weiß, daß Sie mich vor dieser Gefahr behüten werden, indem Sie weiter mit mir leben und fühlen. Ich versuche nicht, Ihnen dafür zu danken; es würde matt wirken gegen das, was in mir wogt, aber auch matt gegen das, was Sie für mich getan haben.
Schon gestern fühlte ich mich doch tätiger. Ich schrieb eine große Recension prinzipieller Art über Gaudig in einem Zuge. Nachmittags war ich in der Neuen Königstr., allerdings in der festen und durchgeführten Absicht, Knauer selbst nicht zu stören. Es soll nach Aussage des Schuldieners sehr schlecht gehen; er kann noch garnicht wieder gehen. Ganz insgeheim muß ich Ihnen gestehen, daß ich bis heute fest daran geglaubt habe, er würde mich zur Vertretung heranziehen. Anbieten dazu mochte ich mich nicht;
[3]
| immerhin hatte ich von "Helfen" so oft gesprochen, daß er annehmen konnte, ich hätte Zeit. Deutlicher werden mochte ich schon deshalb nicht, weil der Fall mit Gerta Ital dafür doch ein unangenehmes Hindernis war. Aber Ihnen gestehe ich, daß ich im stillen mich nach dieser Möglichkeit des Unterrichtens gesehnt hatte, so sehr ich natürlich auf alles gern verzichtet hätte, wenn ich ihn dadurch hätte ganz gesund machen können.
Heute morgen ist der Brief an Dilthey, etwas deutlicher nach Ihrem Vorschlag gefaßt, abgegangen. Ich habe damit ein weittragendes Spiel eingeleitet. Hoffentlich kann ich es zu Ende führen.
Sehr gefreut hat es mich, daß Sie der Hals nicht weiter belästigt. Aus welchem Grunde aber bleiben Sie nicht in Frankfurt? Und wie fanden Sie Ihre Tante, wie die Ihrigen sonst? Wenn Sie in H. zur Ruhe gekommen sind und Frl. Knaps alles erzählt haben, werden Sie mir darüber ausführlicher schreiben. Frl. Knaps wird sehr zufrieden sein, in Ihren Händen den "Katechismus der Vernunft" zu finden; d. h. mir ist so, als sah ich ihn gestern doch noch hier. Haben Sie ihn nicht, dann
[4]
| schicke ich ihn nach, zusammen mit einem sehr merkwürdigen Brief von Nohl, den ich gleich nach unsrer Trennung fand.
Ich weiß wohl, daß wir noch nicht alles erörtert haben. Ich brauche zum Schreiben eine lange ungestörte und von Dampferfahrplänen unabhängige Ruhe. Mögen wir diese doch wieder einmal in Heidelberg finden! Kein andrer Ort löst so wie dieser meine Seele ganz. Lassen Sie uns hoffen und fröhlich sein!
Eins wollte ich Sie eigentlich noch fragen. Würden Sie einmal, wenn Budenbender in Speyer wieder ein Orgelkonzert gibt, hinüberfahren? Ich würde ihn dann veranlassen, Ihnen rechtzeitig ein Programm zu schicken. Vielleicht sähen Sie ihn auch selbst; ich habe ihn sehr lieb. Mein Vater läßt Sie recht herzlich grüßen. Wir leben wieder in alter Weise, zwei Junggesellen. Nachher will ich zu Eduard Havenstein. Grüßen Sie unsre Freundin vielmals von mir und empfangen Sie noch einmal die Besiegelung der geschwisterlichsten Zuneigung. In Dankbarkeit Eduard.