Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. April 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 27. April 1909.
Liebe Freundin!
Ich bin ganz ausnahmsweise abgespannt, möchte Ihnen aber doch im Vertrauen auf Ihre Nachsicht für alle Zeichen der Liebe danken, die Sie mir auf der Rückreise (Frkf.), dann aus Heidelberg (Schriesheim) und zuletzt durch die Sprache so reizender Frühlingsblumen gegeben haben. Durch all die entsetzliche Müdigkeit, Hast und Apathie hindurch empfinde ich mit ganzer Seele doch den unendlichen Wert der schwesterlichen Treue, die Sie für mich hegen. Sie sahen das doppelt schwere Schicksal, wie ich hier mit meinem Vater lebe, in gegenseitiger Liebe und doch in gänzlicher Verständnislosigkeit. Ihr Fortgang war mir daher wie ein neuer Abschied vom Liebsten. Aber Sie bleiben mir ja, und wenn über den Marienfriedhof und dem Gitter dort oben die Frühlingslüfte wehen, dann begegnen sich noch lebendig unsre Seelen mit all ihrem Glauben, ihrem Schmerz und ihrer Liebe. Mir ist so, als hätte ich Ihnen noch zu wenig gesagt, wie unendlich ich gelitten habe, gelitten bis zum Stummwerden, zum Nichtmehrkönnen. Denn wenn ich je zum vollen Bewußtsein käme, was mir aus der Seele gerissen worden ist, wie könnte ich da noch hierbleiben? Dann müßte ich auch fort, fort zu ihr, der ich bei meiner Geburt allein gehört habe, und deren Seele so ganz und rein in mich aufgehoben ist. Ich scheine froh, weil ich (außer Ihnen) keinen Menschen in dies Heiligtum blicken lasse. Aber ist es denn möglich, daß dieses mütterliche Herz nicht mehr schlägt, nicht mehr sorgt, daß sie gehen konnte und mich allein kämpfen läßt? Sie hat nicht mehr gekonnt; es war so unendlich traurig.
Und nun kam neulich Ihr Vetter und meinte, das wäre doch der Bankrott der Philosophie, wenn sie sich auf einen Glauben zurückzöge. Ist aber nicht dieser Glaube etwas Hohes? Lebe ich nicht, weil ich an meine Ideen glaube, an Sie und die Menschen, die ich liebe? Lebe ich, um
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| zu essen und zu genießen, oder um dieses Daseins göttlichen Gehalt mit derselben Treue auszudulden, die ich dort oben begraben habe? Leben wir nicht für einander, wir zwei uns einsam Verstehenden, wir ernsten Naturen in dieser gutmütigen Herde flacher Alltagsmenschen, die uns wohl schätzen, aber nicht begreifen? Ich kann nur Kinder lieben oder tiefe Naturen; jedes andre Werben prallt an mir ab, so sehr es mich schmerzt, vergebliches Hoffen zu sehen.
Übrigens war mir die Unterhaltung mit Ihrem Vetter sehr wertvoll. Er wollte mir einen offiziellen Besuch machen (leider), aber Gott sei Dank kamen wir gleich aufs Prinzipielle und verständigten uns, insofern wir uns gegenseitig mit tiefem Interesse zu durchleuchten suchten. Es ist beglückend, so ernsten Naturen zu begegnen.
Diltheys umgehende Antwort schreibe ich Ihnen ab, damit Sie orientiert sind:
"21. April. Neuenahr, Rheinprovinz, Hôtel Kaiser Wilhelm. Lieber Herr Doktor! Ihr Brief ist mir nun später angelangt da ich inzwischen nach Neuenahr zunächst (Rheinprovinz, Hôtel Kaiser Wilhelm) abgereist bin, von wo ich dann nach etwa 14 Tagen weiter gehe. Gewiß bin ich mit Ihrer Habilitation einverstanden. Auch scheint mir Ihr Humboldt eine ausreichende Grundlage dafür zu sein. Ich rathe aber bis nach Pfingsten zu warten: da ich nicht viel vor dieser Zeit zurück sein werde und ich meine Anwesenheit in manchem Betracht wünschenswerth finde. Halten Sie nur Alles bereit dazu, ich melde gleich meine Rückkunft.
Ich weiß nicht wieviel an sonstigen Arbeiten noch vorliegt? Heut nur eiligst diese Zeilen.
Mit besten Grüßen
Ihr W. Dilthey.
Lassen Sie doch vernehmen ob Sie Gründe gegen das Warten haben?"
Nichts könnte mir in jeder Beziehung angenehmer sein als diese Antwort u. ihre Terminbestimmung. Es gibt jetzt garnichts andres, als diesen
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| Plan konsequent durchzuführen. Ich verspreche Ihnen, ja ich bitte Sie, daß Sie im Notfall an dieser Aktion teilnehmen. Eine Habilitation in B. ist eine so bedeutende Errungenschaft, daß man die sich bietende Gelegenheit festhalten muß. Diltheys warme Teilnahme rührt mich tief. Ich will also im Sommer an nichts andres denken und, wenn es nicht anders gehen sollte, mich ganz auf das verlassen, was Sie mir anbieten. Denn ich fühle meine Seele frei von Egoismus; fühlte ich mich ebenso voll von Gesundheit und Arbeitskraft, so könnte ich auf Ihre Vorschläge mit leichterem Herzen eingehen. Und Sie empfinden gewiß, daß mir dies nur nach einer tiefen, ernsten Selbstprüfung überhaupt möglich wird.
Aber es ist kaum noch zu lesen, was ich schreibe. Ich sage Ihnen also nur noch, daß sich mein Vater über Ihren lieben Brief herzlichst gefreut hat, daß ich Ihnen für alles innig dankbar bin und Sie wie unsre Freundin herzlich grüße.
Ihr
Eduard.

[] Den armen Knauer fand ich in einer verzweifelten Stimmung und mit großen Schmerzen im Bett. Sein Los ist mehr als beklagenswert!

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Liebe Schwester! Eben kommt Ihr herzlicher, schöner Brief. Ich will m. Zeilen von gestern Abend nicht aufhalten, daher nur diesen Quittungszettel. Ein sonniger Frühlingstag auf dem Balkon! - Ed. Havenstein, bisher verfehlt, sehe ich erst Donnerstag. Morgen bei Frau Prof. Paulsen, heute Nachmittag will ich nach Tegel und versuchen, Frau v. Sydow zu treffen. Ge Sonnabend Abend war in der "Täglichen Rundschau" eine glänzende Rec. des Rousseau. In der "Cultura" feiert Nicola Festa in einem langen Artikel den Humboldt; leider kriege ich bloß stellenweise
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| etwas heraus (Eben fällt mir ein Vogelbauer auf den Kopf.) und bleibe dann bei den Pointen hängen: il migliore e più durevole monumento che si potesse erigere alla memoria di un tanto nomo. - uno scrittore che quad aqua facilmente l'attenzione e l'interesse di chi legge. - Basterebbe da solo ad assimare all'autore il merito della genialità nell 'esposizione.
Gleichzeitig kommt die Kondolation aus Teheran.
Unsere Freundin wird ihre Freude daran haben, daß Sie so "vernünftig" sind. Fahren Sie fort, so fortzufahren; auch Herr Sautter würde sich darüber freuen.
Herzlichste Grüße Ihnen beiden
Ihr Bruder.
27.IV.09. früh.