Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Mai 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 7. Mai 1909.
Liebe Freundin!
Es will in diesem Jahr garnicht zur Ruhe kommen. Wie gern erfreute ich mich einige Tage einmal des einziehenden Frühlings, aber es sieht in mir so ganz anders aus und will nicht blühen.
Ich danke Ihnen für Ihre treue Teilnahme an den neuesten Zwischenfällen. Knauer hat tatsächlich im Sterben gelegen; nur mit Mühe hat man ihn erhalten. Ich war seitdem alle Tage da, habe einmal sie auch gesprochen, und er hat es ausdrücklich gewünscht. Die Gefahr ist noch garnicht vorüber; eine Venenentzündung scheint vielleicht noch einmal vermieden zu sein. Aber er muß noch immer unbeweglich liegen, damit das geronnene Blut nicht in Bewegung gesetzt wird. Seine Gedanken drehen sich (mit Recht) immer nur darum, was nun aus dem Bein zuletzt werden mag. Er hat wirklich unendlich viel durchmachen müssen. Was er außerdem während der ganzen Zeit unter der Erbschaftsgeschichte gelitten hat,
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| ließe sich nur mündlich mitteilen.
Natürlich hat dies meine Arbeiten mannigfach gestört; die große Aufregung zeigte mir erst, wie schlecht meine Nerven doch nach alledem sind, und ich finde es täglich in Stimmung und Langsamkeit der Arbeit bestätigt. Eine ungeheure Wut packte mich dann über die Torheit unsrer Lage, die mir den ganzen Tag über keine Freiheit und Ruhe gönnt, um so weniger, als mein Vater auch nicht auf dem Posten war, es kam zu scharfen Erklärungen, ich schwankte zwischen Verzweiflung und einer Gleichgiltigkeit, die mit dem Äußersten spielt.
Denn wie soll ich unter solchen Umständen die Sammlung für den wichtigen Schritt finden, der bevorsteht? Die beiliegenden 4 Nachrichten von Dilthey zeigen Ihnen, wie ich jeden Tag von neuem erregt wurde. (Diese Briefe bitte ich, mir freundlichst sogleich [über der Zeile] wieder schicken zu wollen, weil ich sie geschäftlich brauche.) Anfangs hatte ich noch große Energie. Ich schrieb sofort an Erich Schmidt, daß er für mich eintreten solle (der mich denn auch in der liebenswürdigsten Form beruhigte.) Ferner besuchte ich Lenz, der
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| von dem Gelingen gar keinen Zweifel hatte, und den Dekan Struwe, der natürlich nichts andres raten konnte, als möglichst bald einzureichen. An Dilthey schrieb ich damals, daß die allgemeine Stimmung mir günstig wäre, u. daß ich unter allen Umständen auf ihn warten würde. Aus seinen Briefen sehen Sie seine schwankende Natur, zugleich aber ein rührendes Interesse (was sie übrigens ebenfalls dokumentierte.) Im Innern aber quält mich immer der Gedanken an das fatale Colloquium: ich habe im Ernst seit Monaten nicht streng philosophisch gearbeitet. Und nun kam das Schlimmste: der Besuch bei Stumpf. Wenn er lesen konnte, so mußte er auf meinem Gesicht Feindseligkeit und Entschlossenheit unzweifelhaft erkennen. Er stellte sich denn auch der Sache soweit ablehnend gegenüber, wie er es bei Wahrung der Loyalität und seiner gänzlichen Unkenntnis meiner letzten Publikationen auch irgend konnte. Ich ging mit dem Gefühl fort, daß er mir jetzt genau dieselben Schwierigkeiten machen wird wie vor 4 Jahren. Schon deshalb muß Dilthey unter allen Umständen 1., Riehl 2. Referent sein.
Ich frage Sie selbst, soll ich unter solchen Um
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|ständen vergehen? Ich habe das Gefühl, als käme die Gelegenheit nie wieder, wenn ich sie nicht jetzt energisch ergreife. Halten Sie mich nicht für mutlos, liebe Freundin, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich mich schwach fühle. Es ist nicht dies, sondern alles Vorangegangene, was mich so erschöpft. Nur Ruhe, Ruhe!! Aber es muß geschehen. Und ich bitte Sie nun, daß es mit Ihrer Hilfe geschieht.
Die Dinge liegen so: die Akademie hat mir für 220 Stunden 450 M angewiesen. Er. Schmidt war nobel genug, die geringfügigkeit anzuerkennen, aber ich habe deswegen nicht mehr gefordert, weil ich wußte, daß er mich bei der Habilitation um so "gewichtiger" unterstützen würde, was er mir wiederholt versprochen hat. Meinen großen Aufsatz über "Phantasie u. Realität" habe ich zurückbekommen; dies bedeutet einen Ausfall von 100 M. Ich kann jetzt unmöglich an Erwerb denken, sondern muß jeden Schritt vollziehen. Wollen Sie mir, ohne Wissen zunächst meines Vaters dabei helfen? Es könnte durch 100 M geschehen; nur kann ich Ihnen nichts Bestimmtes sagen, wann ich in der Lage sein werde, Ihnen die 150 M zurückzuerstatten. Das hängt von der Zukunft u. von dem Gelingen der Habilitation ab. Wenn Sie es vor sich verantworten können, dieses Risiko einzugehen, dann bitte ich Sie, am Dienstag den 11. V. nachm. 100 M als eingeschriebenen Brief (vielleicht in Skizzenformat) auf die Post zu geben, nicht als Postanweisung, weil ich die ohne Legitimation nicht erhalte, der Brief aber natürlich hier nicht geöffnet wird. Der Weg ist durchaus sicher. Ich würde Sie trotz unsres innigen Verhältnisses nicht darum bitten, wenn es nicht der einzige Weg wäre, mich ernstlicher Verzweiflung zu entreißen. Und bei Gott, ich bin ihr nahe gewesen. Für heute dann <li. Rand> nicht mehr. Halten Sie es mir zu gut, daß ich soviel von mir rede. Hören möchte ich natürlich viel v. Ihnen. Mit <Kopf> herzlichen Grüßen auch an Frl. Knaps Ihr Eduard.
[re. Rand,S.1] Gestern war ich unter großer Hast in Wilhelmshagen.