Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11./12. Mai 1909 (Charlottenburg 2)


[1]
|
Charlottenburg 2, den 11. Mai 1909.
Liebe Freundin!
Wie Ihr letzter lieber Brief in seiner unvergleichlich schwesterlichen Gesinnung mich ergriffen hat, würde ich vergebens zu schildern versuchen. Ich verehre ihn als ein Symbol des Schönsten und Herrlichsten, was mir das Schicksal beschieden hat, und bitte Sie, das aus meinen unzulänglichen Worten herauszuempfinden.
Seien Sie versichert, daß ich in diesen Dingen niemals formell denken und reden werde, wie ich es übrigens bisher auch nicht getan zu haben glaube. Dies vorausgesetzt, bin ich zu folgenden Entschlüssen gekommen.
Ihre herzlich gemeinten Vorschläge geben mir das Gefühl völliger Sicherheit. Ich werde nie mehr unter diesen Sorgen leiden, sondern darauf vertrauen, daß Sie mir nahe sind. Ich bewundere Ihre Geschäftskunde. Von dem Institut einer Leibrente habe ich bisher keine Ahnung gehabt, kann mir auch
[2]
| nur ein unzulängliches Urteil darüber bilden. Doch möchte ich Ihren Rat in der Weise befolgen, daß ich die Auseinandersetzung darüber noch die zwei Monte über verschiebe, nach deren Ablauf die für mich wichtigste Entscheidung gefallen sein muß. Gewiß hat die Sache an sich Eile, aber Sie werden mir nachfühlen, daß ich z. Z. mich schwer gefährden würde, wenn ich solche Auseinandersetzungen herbei führte. Denn solange ich meinen Vater kenne, habe ich jede offene Aussprache mit ihm gescheut. Es ist ein seltsames Verhältnis zwischen uns, vielleicht die Folge der disparaten Charaktere und der 43 Jahre Distanz: ein tragische Seite meines Lebens, die ich immer wieder nur als gegenseitiges Liebe ohne gegenseitiges Verstehen bezeichnen kann. Die Ordnung geschäftlicher Angelegenheiten würde daher jetzt eine ungeheure Aufregung bedeuten, die ich unter allen Umständen vermeiden muß, da ich die nächsten 8 Wochen zur strengsten philosophischen Konzentration brauche. Ihr treuer und unendlich schön
[3]
| abgefaßter Brief aber wird gerade dann, wenn die schwebenden Fragen so oder so erledigt sind, dieselbe Wirkung haben wie jetzt. Um so mehr, als mein Vater gerade für das, was Sie und mich verbindet, von Anfang an ein sehr tiefes und verehrungsvolles Verständnis gehabt hat. Er ist darin ein echtes Gegenstück zu unsrer Freundin: diskrete Zurückhaltung und volle Teilnahme verbinden sich in ihm. - Die Wohnung ist kontraktlich kündbar erst zum 1. IV. 10. Doch werde ich über diesen Punkt wahrscheinlich schon vor dem 1. VII. eine Entscheidung herbeiführen.
Für Ihre morgen erwartete Sendung herzlichen Dank. Hingegen bitte ich Sie, es nicht als Widerspruch zu betrachten, wenn ich Sie bitte, die größere Summe nicht zu schicken. Ich habe sehr tiefe Gründe dafür, die sich schriftlich nicht gut alle entwickeln lassen. Vor allem widerspricht es dem Prinzip der Ordnung, ohne direkte Notwendigkeit sich das Leben in dieser Weise erleichtern zu lassen. Ich brauche wenig, und
[4]
| noch lebe ich im Genuß aller gewohnten Bedürfnisse. Außerdem rechne ich mich zu den Werdenden. Als solcher kenne ich den Menschen schon zu tief, um nicht zu wissen, daß er nichts weniger beschwören kann, als die Entwicklung seines moralischen Ich. Sicher bin ich keine gottlose Natur; eben deshalb heißt es für mich: Principies obsta! Wie fern es mir liegt, Sie dadurch schonen zu wollen oder mich spöde zu verhalten, liegt schon darin, daß ich Ihnen dadurch möglicherweise viel mehr Umstände auferlege. Denn ich erkläre Ihnen einmal und zum letzten Mal, daß ich so oft, als ich etwas ernstlich brauche, mich an Sie wenden werde. Dadurch könnten ev. noch weitere kleinere Sendungen notwendig werden. Es geht aber unter keinen Umständen, daß ich einen Dispositionsfonds annehme. Dieser liegt bei Ihnen; es wird Ihnen nichts ausmachen, mir Opfer an Unbequemlichkeiten zu bringen: Sie sind nichts, gegen das, was Sie mir schon aus treuer Seele gegeben haben. Ich nehme also als fest an, daß ich kommen darf, so oft ich will und muß. In anderer Form aber, liebste Schwester, geht es nicht.
[5]
|
Endlich die Levikokur. Ich will sie gern beginnen, so bald ich die Überzeugung gewinne, daß mir vom Körper aus zu helfen ist. Bisher hat die Seele gelitten. Mit ihrer Ruhe werden auch die Kräfte wiederkommen. Gegen das Levico spricht nämlich, daß ich Arsenik nicht vertrage, während das frische Obst im Sommer mir immer sehr gute Dienste getan hat. Doch bewahre ich das Recept, um bei weiterer Verschlechterung sofort anzufangen. Die Unruhe dauert ja noch fort.
Knauer ist noch keineswegs über den Berg. Das schwankende Fieber kommt (hoffentlich) von der Nervenentzündung, und nicht von einer Lungenaffektion. Er darf sich garnicht bewegen, und Tag für Tag habe ich mich vergebens nach einem nennenswerten Fortschritt erkundigt.
- In den Habilitationssachen hat sich inzwischen nichts ereignet. Doch reiche ich in den nächsten Tagen ein.
Mit herzlichster Freude aber hat mich die schöne Nachricht erfüllt, die Sie mir im Vertrauen sandten. Das ist doch endlich etwas Frohes. Ihr jüngstes Schwesterchen war mir schon 1904, als ich flüchtig in den Casseler Kreis trat, ganz besonders sympathisch
[6]
| geworden. Ich schrieb es Ihnen wohl damals schon, wie sie - den ganzen Tisch beaufsichtigend, für mich sorgte. Ich freue mich daher über ihr Glück doppelt, und ich tue es tausendfach, da es auch für Sie ein Glück bedeutet.
Könnten Sie nur auch aus Frkft. Besseres melden! Sie haben mir nie den Vornamen des Kranken gesagt. Wenn man die Persönlichkeiten nie selbst gesehen hat, ist man so schwer in Zusammenhang. Auch hierfür meine herzlichsten, teilnehmendsten Wünsche!
Ich bin sehr müde von einer Wanderdisputation mit Oesterreich nach Kl. Machow zurückgekommen. Meine Schrift zeigt Ihnen die Erschöpfung. Daher für heute Schluß. Ich füge morgen noch ein paar Worte hinzu.

[7]
|
12. Mai. morgens
Ob das, was ich gestern in der Ermüdung schrieb, Ihnen ein Bild von meiner Empfindung über Ihren Brief geben konnte - ich bezweifle es! Soeben erhalte ich nun die Skizzen mit der in dem lieben Begleitbrief bezeichneten Beilage. Also ist der Anfang nun doch geschehen, ehe Sie meinen gestrigen Brief erhielten. Es ist undenkbar, daß ich Ihnen zurückschicke, was Sie mir anvertraut haben, mir, einen übrigens in diesen Angelegenheiten durchaus unkundigen Menschen. Aber mit meinem innigen Dank verbindet sich nun die ebenso innige Bitte: Lassen Sie es bei dieser Situation. Weder Sie noch ich können so darüber verfügen; aber es gehört uns beiden gemeinsam, und wenn ich es eines Tages brauchen sollte, so schreibe ich ganz offen und kurz: "Bitte schicken Sie mir die C. u. T." Nicht wahr, es genügt Ihnen, wenn ich Ihnen versichere, daß dieser Druck nun nicht mehr auf mir lasten soll. Er ist
[8]
| erledigt, und ich wende mich nun ganz dem zu, was augenblicklich notwendig ist: der Durchfeilung meiner pädagogischen Anschauungen für die Probevorlesungen. Dabei komme ich in die schwierige Werttheorie hinein, ein Gebiet, an dem man täglich nur kurze Zeit arbeiten kann. Vielleicht beweise ich Ihnen dann, wie es kommt, daß kein Wertpapier ausdrücken kann, welchen unendlichen Wert Ihre Zuneigung und Ihr schwesterliches Verständnis für meine Seele hat.
Die Nerven sind etwas ruhiger; ich will jetzt viel Ausflüge machen, denkend und träumend - halbe Phantasie halb Philosophie.
Auf dem Bild suche ich Sie vergebens bisher. Ihre Skizzen bestätigen bei einem flüchtigen Ge Blick das Gefühl, das ich schon neulich hatte: Seit einem Jahr, vielleicht nach Parpan hat
[9]
| sich Ihre Malerweise völlig verändert: das Moment der Farbe tritt jetzt viel freier und freudiger hervor; es liegt, sozusagen, mehr italienische Renaissance, weniger Rembrandt - Niederland drin. Ich sehe diese Wendung gern - wenn sich darin eine heitre Seele spiegelt.
Zur Baumblüte war ich im Pütterschen Garten. Nächstens will ich in den Broseschen. Wenn es Knauer besser geht, kommt auch die Maipartie. Sie haben recht: es läßt sich ja jetzt nicht viel mehr arbeiten.
Zu danken versuche ich nicht. Aber es wird still in mir wurzeln und wachsen. Grüßen Sie unsre Freundin.
Herzlichste Grüße von uns beiden
Ihr
Bruder u. Pflegekind.