Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Mai 1909 (Charlottenburg)


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24.5.09.
Liebe Schwester! Eben komme ich vom Archiv und aus der Neuen Königstr. nach Hause u. sollte eigentlich arbeiten; denn schon fast eine Woche habe ich nichts getan, und die Sachen sind so dringend. Aber ich fühle mich so bodenlos allein und verzweifelt, daß ich erst einen Augenblick mit Ihnen reden muß, die Sie jetzt - meiner gedenkend - im sonnigen Odenwald herumstreifen. Wohin dieser Überdruß führen würde, wenn ich Sie nicht hätte, will ich mir nicht ausmalen. Ich suche fieberhaft danach, meinem Leben einen neuen Inhalt zu geben, der mich ausfüllt. Aber er findet sich nicht; leer und nutzlos gehen die Tage dahin. Es ist hier niemand, der mich seelisch stützt: die einen tot, Knauer krank, die andern zu jung, innerlich zu arm; dazu die gänzliche Unmöglichkeit, hier ein tieferes oder auch nur ungetrübtes Zusammenleben im Hause herbeizuführen. - Oft, wenn ich allein bin, packt mich diese trostlose Öde mit übermächtiger Gewalt.
Ich habe viel nachdenken müssen über Hegels "unglückliches Bewußtsein". Er versteht darunter denjenigen menschlichen Zustand, worin er sich vom Unendlichen
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| getrennt fühlt und dies als eine fremde (jenseitige) Welt seiner eignen beschränkten Existenz gegenübersetzt. Dieser Hegel muß also fest daran geglaubt haben, daß der Mensch das Göttliche und Unendliche in sich erfassen (oder produzieren) könne bis zu völliger Verschmelzung. Wie oft hat auch mich die Ahnung des Göttlichen durchglüht! Aber anders als in der Form der Sehn sucht oder begeisterter Erhebung über den Moment habe ich es doch nie besessen. Ich finde diese Trennung im diesseitigen Leben unaufhebbar, und da doch dieser Drang nach der ungemessenen Lebensfülle in uns wogt, so sehe ich in ihm die Fittiche keimen, die sich einmal entfalten müssen. Aber an die Verwirklichung dieser harmonischen Befriedigung im Hier kann ich nicht glauben. Es gibt also nur 2 Wege: Resignation, Aufgabe der höheren ideellen Forderungen; oder einen Idealismus, der sich über der gegebenen Welt eine höhere, reinere schafft, zunächst als Phantasiebild, aber doch eben wurzelnd in den allermächtigsten Lebensinteressen. Diese Liebe, dieser Hunger und Durst nach dem Brot des Lebens, ist in Gefahr in mir zu ersterben, wenn ihm kein neues Feld zuge
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|wiesen wird, an dem er sich auswirken kann. Ich brauche eine Welt von Schönheit und Innigkeit, von Gemeinsamkeit und Arbeit, von starkem Pulsschlag des Lebens, von Tiefe des Denkens und Größe der Tat. Sie trösten mich so lieb über dies Gefühl des Vertrocknens in mir. Sie wissen, wie wohl mir das tut, wie es mich aufrecht hält; deshalb aber müssen Sie mir auch erlauben, Ihnen meinen Schmerz und meine Sehnsucht auszusprechen.
Ich hatte geglaubt, daß die Berührung mit der Schule mir einen neuen Anstoß zur Lebensfreude geben würde. Es war doch eigentlich nicht der Fall. Ich fühlte fast körperlich die Lehre [über der Zeile] Leere, die in den meisten dieser Wesen ist; nur bei wenigen ein schlackenumhüllter Goldkern, den aber nur eine längere Bildungsarbeit, nicht eine Partie, herausholen könnte. Dagegen bei anderen das völlige Nichts, die gänzliche Versandung aller Kanäle, an denen ich einst gebaut hatte, nichts als das bloße Weib, mit seinem widerwärtigen Anspruch auf Schätzung als Naturwesen; Backfische, die sich von mir einladen lassen und mich dann ignorieren, weil sie über meinen Standpunkt erhaben zu sein glauben. Stumpfheit und
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| Rohheit gegenüber der lieblichsten Frühlingslandschaft. Frl. Naumann redete mir zu, das alles psychologisch zu nehmen. Ich kann es weiß Gott besser als ein andrer. Es könnte mich nicht aufregen, wie es Frl. Ströhmann empört, daß sie in Lucie Fischers Tasche die Briefe eines Primaners fand, die sie schon während der Schulzeit erhalten haben muß. Warum soll der Frühling nicht erwachen, wäre es auch in läppischer Form. Aber wenn er die Edelkultur erstickt, die ich gelegt habe, wenn der ganze ideale Realismus; den ich verkörpern wollte, verflogen ist und das Gestrüpp darüber wuchert, so drückt das schmerzlich auf meinen Lebensglauben: ich fühle den Drang, von neuem zuzugreifen, es mit neuen besser zu versuchen, solange dies Feuer noch in mir glimmt. Daß mir dies noch immer verschlossen bleibt, ist mein tiefster Kummer.
So oft ich jetzt in die schöne Schule komme, ist mir, als wäre dort alles verwahrlost. Es war doch auch ein Stück meine r Arbeit. Nun ist innerlich u. äußerlich alles leer.
Und die neue Gedankenwelt, die in mir
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| werden will, die Pädagogik des Lebens und der Werte wird erdrückt durch die nervöse Beängstigung, die mir der Gedanke verursacht, man könnte noch die Vertrautheit mit diesen oder jenen Tatsachen von mir verlangen, um mich für jenes hohe (!?) Amt qualifiziert zu finden. So tue ich denn, da ich beides nicht kann, garnichts, sondern denke nur über meine Lage und deren Gehaltlosigkeit nach, klage um die, die einst lebten und mich verstanden haben, und die fortgingen, ehe ihre männliche Kraft mir über mich selbst völlige Gewißheit gab. - -
Ihr harmonisches Einssein mit der Natur habe ich nun auch auf dem Bilde entdeckt. Aber nachdem man sich einmal über den Scherz gefreut, ärgert man sich doch über diese Vermischung des Menschen durch rohes Gestein.
ad Kotik : das Leuchten der Scheibe beweist nichts als physische Begleitvorgänge bei seelischen, die ja längst bekannt sind. Das Schlimme aber ist, daß auf rein seelischem Gebiet die Begriffe des Raumes, der Meßbarkeit etc. uns im Stich lassen. Konstatieren können wir immer nur materielle Begleiterschei
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|nungen. Durch das Experiment kommt Absichtlichkeit in den seelischen Vorgang; seine Energie - wenn man dies physisches Bild anwenden darf, wird dadurch verstärkt; der Fall ist also schon verändert. Jene Wirkungen lassen sich nur erleben; erklären läßt sich daran nichts. Aber es gibt interessante Weltanschauungsdichtungen, die im Besitze einer Lösung zu sein glauben. So z. B. Schopenhauer, den Sie doch einmal lesen sollten: die räumlich-zeitliche Welt ist nur eine trügliche Hülle; dahinter lebt eine Wesenseinheit: der Weltwille, der in allen der gleiche ist. Fällt jene Hülle ab, so verschwindet auch die Individuation. Daher gelten auch für die tieferen Erlebnisse keine räumlichen Schranken: in diesen metaphysischen Reichen ist unmittelbare Berührung, Lebensidentität, gegenseitige Durchdringung, wie sie aus der Liebe mit so elementarer Macht hervorstrahlt. Ist doch die Liebe in jeder Form überhaupt das Grundproblem jeder echten Philosophie von Plato bis Spinoza, Schleiermacher, Hegel, Schopenhauer. Aber auch das, was Sie mir von Arnold Ruges Kindheit erzählen, begreife ich ganz. Auch ich kenne in mir solchen abgründigen Haß, eine Unfähigkeit, zu lieben,
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| wo ich sollte und könnte. Wieder gibt Schopenhauer dafür einen Aufschluß in seinem Sinne: der Wille haßt sich ebenso wie er sich liebt. Das Leben ist kein Gut, weshalb sollte man dafür dankbar sein: eine fortlaufende Kette von Qual und Selbstzerstörung. So wird der Wille zur Vernichtung der höchste Lebensaffekt.
Können Sie das begreifen, liebe Freundin? Mir ist es zu manchen Stunden unheimlich klar. Ich mußte Ihnen diese Stelle in mir zeigen. Sie werden dann auch verstehen, was ich von der Unmöglichkeit sagte, über sein moralisches Ich sicher zu sein. -
Der Kern meiner Philosophie ist der Kampf gegen Schopenhauer. Aber ich habe ihn ganz in mir und verstehe ihn so tief, daß alles, was ich will, erst von da aus Beleuchtung empfängt. Schopenhauer hat Recht für die Schwachen. Es gehört nicht Logik, sondern Lebenskraft, geistiges Schöpfertum dazu, um über ihn hinauszukommen. Dies sah auch Nietzsche; aber ihm fehlte nun wieder das eine, was not tut: die Liebe. Meine Philosophie
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| soll ein Zarathustra der Liebe werden, ein Plato, aber nicht im Abbilden der Ideen, sondern im Schaffen Wenn nur nicht das Feuer verglimmt unter dem Druck der Außenwelt, ehe es zur Flamme herausschlug. -
Doch nun genug Philosophie. - Mespelbrunn muß doch uralt sein. Ist es nicht ein Ort aus der Heidenzeit? Ich glaube, der Name bedenkt dasselbe wie Muspilli (althochdeutsch.) Es liegt reizend. Wann werden wir einmal eine solche Odenwaldfahrt machen? Sie sehen, die Sehnsucht, und immer die Sehnsucht.
Aber mich freut's, daß Sie so Schönes genießen. Mög' es Sie erfrischen und auf lange Zeit mit frohen Eindrücken füllen!
Paulsens Lebenserinnerungen las ich mit Wehmut. Ein eigentliches Kunstwerk sind sie doch nicht. Darüber ein ander Mal. Paulsen fiel bei der ersten Habilitation durch.
Herzliche Grüße an Sie und Frl. Knaps. In inniger Treue
Ihr Eduard.