Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8./9. Juni 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 8. Juni 1909.
Liebe Freundin!
Beiliegend erhalten Sie wohl alle - Naturalien zurück, die von Ihnen leihweise in meinem Besitz waren. Die Bilder der Familie Weise, die alle einen entschieden verwandten Typus tragen, stammen wohl aus früherer Zeit. Denn abgesehen von dem Ältesten suche ich hier vergeblich die "Studierenden." Hoffentlich hatten Sie inzwischen weiter günstige Nachrichten. Die Ansichten von der Reise haben mich sehr entzückt und eine lebhafte Sehnsucht nach diesen reizenden Gegenden in mir erweckt. Sollte doch vielleicht noch einmal die Zeit kommen, wo wir diese Tour mit unsrer Freundin zusammen machen können? Selbst auf den Hermersberger Hof folgte ich Ihnen gern; und was Cassel betrifft, so bin ich ja jetzt im lehnsrechtlichen Sinne Ihr Leibgedinge. Verfügen Sie also,
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| aber bedenken Sie, daß mir zum lenkbaren Luftballon leider zuviel irdischer Ballast anhaftet. Das erinnert mich an den Zeppelin, der am 1. Feiertag Oesterreich in einen idealen Paroxysmus versetzte, der bei den "weltbürgerlich" veranlagten Naturen und Schimpfern immer am heftigsten aufzutreten pflegt. Ich selbst war auch höchst begeistert, wurde aber durch meine haustöchterlichen Pflichten davor bewahrt, der Sache vergebliche Zeit zu opfern.
Von Hermann erhielt ich eine Karte aus Whisky oder Whutky? Es freut mich, daß er von Greifswald aus immer so hübsche Pfingstreisen machen kann.
Es muß jetzt gerade ein Jahr sein, daß Sie hierherkamen. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Erinnerung daran nicht ungetrübt schön sein kann. Ich muß viel von meiner Vergangenheit über Bord werfen; der azurblaue Himmel ist weg und ein rauher Wind hat mich gefaßt. Erst gestern brachte er ein
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| Gewitter; vielleicht hat es die Luft für einige Zeit gereinigt. Das Schwerste, liebe Freundin, kommt doch erst jetzt. Es liegt hier eine moralische Aufgabe, gegen die alles bisherige nichts war. Zum ersten Male kämpfe ich mit Mühe gegen den Gedanken:
"Das Herz ist gestorben, die Welt ist leer,
Und weiter gibt sie dem Wunsche nichts mehr."
Aber ich habe mich darauf besonnen, daß mein Herz noch nicht leer ist, daß meine Welt eine größere ist und daß ich sie der engen Pflicht nicht opfern kann, auch nicht insofern, daß ich mich durch die Freudlosigkeit und Armut dieser Existenz erdrücken lasse.
Bei all diesen Erwägungen spielt natürlich die Schule eine entscheidende, ich möchte sagen: indikative Rolle. Ich bin Pädagoge, ich bin um so sichrer ein großer Pädagoge, als mir die Natur nicht die Routine einer guten Technik, sondern die Genialität eines bildenden Temperaments mitgab. Dies zu empfinden, ist mir bei allem deutlichen Bewußtsein für die
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| großen Fehler im einzelnen ein wahrer Triumph. Seitdem es mir auch in der 5. Klasse gelungen ist bis zu hellem Jauchzen und Jubel, so daß ich das aufwallende Leben kaum noch zurückzudämmen wußte, bin ich meiner Sache wieder ganz sicher. Nur ist mir eine ernste Sorge das Schicksal der liebgewonnenen Schule selbst. Nach dem Eindruck, den ich in diesen beiden Tagen hatte, ist mir eine dreifache Eventualität zur Gewißheit geworden. 1) Entweder Knauer stirbt oder er wird nie wieder ganz gesund: dann muß die Schule eingehen, resp., was dasselbe ist, in fremde Hände kommen. 2) K. nimmt die Tätigkeit wieder auf und entscheidet sich für das reell Zweckmäßigste: dann muß die Anstalt in eine Mittelschule verwandelt werden. 3) Er schreitet mit vollen Kräften zur Reorganisation: dann muß eine völlige Umwandlung der Oberstufe erfolgen. Die schläfrigen, denkmüden Mädchen, die ich neulich vor mir hatte, repräsentieren nicht die geistige Stufe, die dem 9. und 10. (!) Schuljahr einer höheren Anstalt angemessen wäre. Und den Eifer der Damen in Ehren: unfähig für diese Aufgabe sind sie alle. Nur ausge
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|suchte Talente oder Akademiker können da helfen. In dieser Hinsicht kam mir ein phantastischer Plan: Angenommen, ich werde Docent der Pädagogik in Berlin, so müßte die Georgenschule zu einem Universitätsseminar für Mädchenschulpädagogik ausgestaltet werden. Die Sache begänne ganz privatim, zunächst nur mit Knauer, Frl. Naumann und mir. Wir würden uns einigen über eine moderne Methodik, wir würden selbst das Experiment als wertvollen pädagogischen Schritt anerkennen. Allmählich sammelten sich ausgezeichnete Kräfte; die Schule gründete sich einen Ruf, erhielte vielleicht behördliche Anerkennung, Lyceum und Seminar als Oberbau --- aber was für Ideen, wo selbst das Leben meines Freundes noch zweifelhaft ist!! Sie sehen nur, wie mich das beschäftigt, wie es mich kränkt, das Leben, das ich in jene Räume gebracht habe, jetzt noch in denselben Kindern versiegen zu sehen. Meine Wirkung ist noch die alte: die Augen blitzen und alles lauscht gespannt; nur die vorgefundenen "Vorstellungsmassen" sind
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| eben auch für meine Absichten unzulänglich.
Die Idee selbst scheitert natürlich am Individualismus. K. wird seinen Wagen nicht an meinen ketten wollen, u. so ist alles - wie vorn Jahren - Sommernachtstraum im Winter!
Haben Sie gelesen, das Benno Erdmann als Paulsens Nachfolger berufen ist? Sie kennen ihn durch Frau Weinel. Er ist durchaus ein mittelmäßiger Kopf, aber ein Jugendfreund von Paulsen und eine wundervolle Erscheinung. Hoffentlich liest er keine Pädagogik! Die Wahl ist doch wunderbar: alle 3 Ordinarien sind nun Logiker, 2 außerdem Psychologen u. 2 Historiker; aber Ethik, Religionsphilosophie, geisteswissenschaftliche Psychologie und Rechtsphilosophie hat keiner. Vor 10 Tagen fragte Dilthey noch bei mir über die Entscheidung an. Damals sagte der Dekan, der neue Minister sollte abgewartet werden.
Diltheys spontane Meldung war mir ein gutes Zeichen. Sonst aber ist die Sache noch nicht einen Schritt weiter. Es ist jammervoll,
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| wie jetzt jeder Fortschritt, ja selbst jeder Verkehr mit der Außenwelt in literarischer Hinsicht bei mir fehlt. Meine Probevorlesung über Pädagogik ist im Kopf wohl fertig; es wird ihr aber vor lauter wissenschaftlichen Rücksichten aller lebendige Hauch fehlen. Der rechte Augenblick des Enthusiasmus - er war im Januar - ist eben verpaßt. Gleichwohl muß ich sagen, daß ich in kurzer Zeit wissenschaftlich viel zugelernt habe; wissenschaftlich ist ja nun einmal die Losung; im Grunde meiner Seele fühle ich mich weit mehr als Künstler. Ich bin es um so mehr, als mir das eigentliche Ausdrucksmedium fehlt; und doch hat es mich innerlich befreit, als ich - ein altes Vorurteil beiseite werfend - kürzlich die Musik wieder aufnahm. Sie tröstet, erhebt, begeistert mich, also kann sie auch kein Andenken entweihen.
In diesen Tagen muß Nieschling kommen. Kügelgen ist für mich abgestorben. Der Registrator aber macht mir viel Freude, und die Sonntagsausflüge mit ihm gefallen mir immer besser. Jugend ist doch eben ganz etwas
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| andres als das Alter, das für lebendige Interessen und starkes Empfinden keinen Raum mehr in sich hat. Ich denke mir es furchtbar, ohne einen Lebensinhalt alt zu sein.
In meinem nächsten Brief werde ich Sie voraussichtlich bitten müssen, mir C. u. T. zu schicken. Ich will es heute nicht näher begründen; ein Hauptgrund ist, daß mir die Verleger längst fällige Honorare ohne Motiv schuldig bleiben.
Aus Teheran bekam ich einen höchst interessanten Brief; ich lege ihn bei; ebenso, was sonst gerade Interessantes vorliegt. Für heute Schluß. Morgen nur noch ein paar Schlußzeilen!

9.VI.09. Mittags.
Nieschling muß diese Minute kommen. Daher nur noch herzlichste Grüße an Sie und unsre Freundin! Hoffentlich sind Sie beide gesund. Denken Sie an mich auf schönen Spaziergängen.
In brüderlicher Treue stets Ihr
Eduard.

Erdmann wird wohl sicher Pädagogik ankündigen. Damit fällt natürlich mein Winterprogramm.