Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Juni 1909 (Charlottenburg 2)


[1]
|
Charlottenburg 2, Kantstr. 140.
Den 16. Juni 1909.
Liebe Freundin!
Diesmal beantworte ich alles mit höchster Pünktlichkeit; was Sie also in diesem Brief und der vorangesandten Karte nicht finden, haben Sie auch nicht gefragt.
1) Mit Ihrem Vetter hoffe ich morgen Nachmittag eine Partie an den Müggelsee zu machen. Schon vor längerer Zeit schlug er einen Tag vor, an dem ich jedoch nicht konnte. Seitdem hat es immer noch nicht passen wollen. Aber morgen soll es nun werden. Es war mir sehr unangenehm, daß es nicht gleich klappte. Aber ich bin selten so durch gesellige Verpflichtungen okkupiert worden, als gerade in diesen Tagen.
2) Scholz ist noch hier und hat mit dem Besuch der englischen Geistlichen viel zu tun gehabt. Sein Sohn macht am Sonnabend den 19. den Licentiaten; bei der Promotion am 26. soll ich opponieren.
Soviel ad Brief I. Denn
[2]
| was die Kirchenfeste betrifft, so hatte ich schonend verschwiegen, daß Pfingsten kein Auferstehungsfest ist, und hatte mich damit begnügt, in stiller Zustimmung zu Ihren lieben tröstenden Worten Mut zu finden. -
3) ad Leibgedinge: dies bedeutet nur so viel, wie Sie wissen, daß ich aus eignen Mitteln nicht reisen kann. Weil es mir unangenehm ist, das tausendmal zu sagen, habe ich es umschrieben.
4) "Sommernachtstraum" gibt bei guter Stimmung ebenfalls keinen Anlaß zu Mißverständnissen. Jedenfalls war mir, als ich den Schulplan entwickelte, ganz so "als wenn ich --, als hätte ich -- ."
5) Ulrich ist U. Zymalkowsky, Serwacinskis Vetter, ein guter alter Freund.
6) Irren Sie, daß Nieschling auch in Persien wäre und ich "ihn dort habe". Er ist hier und wir reden und denken von Ihnen echt deutsch. Was Sie aber sonst von ihm sagen, ist richtig. Hätte er nur etwas mehr schneller Entschließung.
[3]
|
7) Die Nachrichten von den Schwestern bitte ich mir zu schicken. Es interessiert mich sehr. Fräulein Ännchen sah ich neulich Unter den Linden, als sie an mir vorbeigegangen war.
8) Sollen Sie Nieschling nicht beneiden um die 1. Vorlesung, sondern mich bedauern, daß ich sie vor der Fakultät in verschlossenen Räumen halten muß.
9) Knauer geht es scheinbar besser. Man sieht aber jetzt den Auswurf mit Bedenken an. Wenn er nur nicht auch noch schwindsüchtig wird! Für die Vertretungsstunden hat mir höchst Sie sehr freundschaftlich die Hand geschüttelt.
Hier jagen sich jetzt die Ereignisse. Es ist übrigens schwül und drückend, was meine Handschrift noch schlechter macht.
Frl. Dilthey schrieb gestern in der Bahn an mich: Der Zug saust nach Berlin, Ihr Vater wünschte mich heute 11 Uhr zu sprechen. Ich war zur Stelle, und wir gingen über 1 Stunde spazieren, wobei alle Fragen eingehend erwogen
[4]
| wurden. Sein persönliches Interesse ist um so rührender, als sachliche Differenzen noch fortbestehen. Ich schildere Ihnen statt des einzelnen nur die tatsächliche Situation, die sich jetzt ergeben hat.
Laut gedruckter Einladung wird morgen meine Sache in der Fakultät verhandelt. Dilthey wird erklären, daß er das Buch kennt und für möglichste Beschleunigung der Antrittsvorlesung sorgen.
Über die Themata haben wir eingehend gesprochen. Hier war sogar prinzipielle Einigkeit. Die Wahl fiel erst auf Nr. 1 (Die Selbständigkeit der Pädagogik.) Es stellte sich dann aber (zu meiner stillen Freude) heraus, daß er auch vor Stumpf Angst hat. Er könnte in der Diskussion mit seinen scharfen Definitionen eingreifen. Dies muß vermieden werden. Deshalb soll 2. gewählt werden (Einfluß des geschichtlichen Bewußtseins auf die Pädagogik.) Nicht freisprechen. Das Gebiet möglicher Diskussion möglichst beschränken. Ebenso die Zeit hierfür nach Möglichkeit einengen. (Das ist doch nett, nicht wahr?)
[5]
|
Mit dem Humboldt ist er im Hauptpunkte (Bedeutung der Humanitätsidee) nicht einverstanden. Darüber lange, schwere Unterredung. Ich folgere, daß dies auch in s. Gutachten hervortreten wird. Dies ein ungünstiges Moment. Den Rousseau will er haben. Die Grundauffassung aber teilt er auch hier nicht Es wundert mich, daß er bei alledem für mich so warm bleibt.
Also: am 8., 15. oder 22. Juli wird die Sache zur Entscheidung kommen. Sie haben mir versprochen, liebe Freundin, mir dabei zu helfen. Ich komme jetzt nicht auf lange Bitten oder Motivierungen zurück, sondern weiß, daß Sie mir vertrauen. Ich muß mir einen Frack machen lassen, schon zur Opposition am 26.VI. bei Scholz; weitere kleinere Ausgaben werden sich häufen, ich kann keine Zeit verlieren, sie zu umgehen. Deshalb bitte ich Sie, nicht zu warten, sondern Ihre Sendung (mit Instruktion über das Verkaufsverfahren) am Freitag Nachmittag eingeschrieben zur Post zu geben. Zunächst wird das ganz unauffällig bleiben. Später muß m. Vater
[6]
| die Tatsache natürlich erfahren. Ich habe in den letzten Tagen noch einträgliche kleine Sachen geschrieben, die aber natürlich erst später honoriert werden. Von jetzt an aber muß ich Nervenkraft sparen. Der Himmel weiß, wie sehr ich am Rande damit bin. - Übrigens liest Privatdoz. Frischeisen-Köhler im Winter wahrscheinlich Pädagogik. Aber sobald ich habilitiert bin, bin ich zum Verdienen freier, und Sie werden nicht zweifeln, daß ich dann für eine schnelle Ordnung meiner Verpflichtungen alles tun werde. Jetzt heißt [über der Zeile] es, das sehr unhandliche Thema schnell zu bearbeiten. Nach meinem Geschmack ist es wenig.
Ich bin ein Kind, liebe Freundin, und werde es bleiben. Sie sehen, wie ich in den Sorgen und Arbeiten jetzt drinstecke. Trotzdem war ich gestern im Friedrichshain zum Spiel. Mit 10 Getreuen fing ich an. Allmählich hatte ich wohl 60 von der 6.- 1. Klasse und das ganze Hainpublikum als Zuschauer. 2 vom Musen
[7]
|bund kamen vorüber und grüßten [über dem Gestrichenen] sprachen mich freundlich und unbefangen an. Aber die zwei vom Seelenbund, die von neulich her inkriminiert sind, gingen stolz an mir vorüber u. sahen mich nicht. - Am Sonnabend hat mich der Musenbund nach Lehnitz eingeladen. Ich würde sehr gern noch einmal mitmachen, wenn die Zeit es mir gestattet. Diese Abteilung war mir doch die liebste; sie trägt den Stengel meines Geistes.
Schreiben Sie mir doch, wie es in Heidelberg und Frankfurt geht. Haben Sie Interesse daran, meinen Verleger kennen zulernen, so will ich ihn bitten, Ihnen s. Visite zu machen. Er kommt demnächst nach Heidelberg. Hermann muß nun wieder exercieren. Der Ärmste, bei der Hitze!! Unsere Naturen haben sich vertauscht: ich vertrage jetzt weit weniger Wärme. Bisher allerdings war hier noch nicht viel.
Für heute Schluß. Ich habe mein Versprechen gehalten u. ganz offen geschrieben. So leicht ist es mir übrigens doch nicht geworden.
Herzliche Grüße von meinem Vater
[8]
| und mir. Am Sonntag war ich mit ihm in - Pankow u. Schönhausen. Wir hatten vorher die Mutter der über uns wohnenden Familie, eine gute Frau, beer in Weißensee beerdigt. Mein Vater wurde ganz sentimental über die Veränderung [über der Zeile] in Pankow. Dabei sind wir alles gefahren, kaum gelaufen.
Viele Grüße auch an unsre Freundin; ebenso an Sie von Nieschling u. Onkel Ernst.
Mit herzlichem Dank für alles
stets Ihr
Eduard.