Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Juni 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 22. Juni 1909.
Liebe Freundin!
Es ist furchtbar heiß; durch das Fenster dringt das monotone Geräusch des Gewitterregens. Meine Gedanken eilen zu Ihnen, wie es so oft geschah, wenn ich Ihnen im Augenblick nahe sein wollte, statt den letzten Brief zu beantworten. So sei denn auch auf diesem Blatt nur das Neue berichtet; Antwort auf einem anderen.
Am Sonntag kam eine Einladung von Dilthey zum Abend. Ich fand ihn ganz allein in seiner Wohnung auf dem Balkon. Über die grünen Gipfel der Bäume drang gedämpfte Musik von Hubertus. Wir aßen allein; die Tochter kam erst später. Er sprach unterbrochen von Humboldt, immer kritisch, voll Bedenken, scharf, und doch drang dann wieder der Ton einer väterlichen Güte hindurch. Dies war es, was mich ergriff. So energisch er mich bekämpfte, so tief empfand ich die Poesie des Zusammenseins mit dem alten Mann,
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| dem tiefen, klugen und guten. Hätte ich ihn doch früher so gekannt Hätte mir Nohls Subjektivität niemals dieses schöne Bild entstellt Ganz hingegeben der Forschung, dem kritischen Willen zur Wahrheit, kennt er keine Schonung, nicht für sich und nicht für andre.*) [li. Rand] *) "Sie dürfen m. Kritik nur so auffassen: wir sind alle sehr dumm, auch ich bin sehr dumm." - Er, die Tochter und ich suchten meinen Humboldt zusammen, den er sich in 5 Teile zerlegt hatte, um ihn mit in den Grunewald zu nehmen. Leni: "Du liest ja das ganze Buch; das ist seit Jahren nicht dagewesen." Er: "Das ist doch meine Pflicht; ich muß doch Herrn Spranger verteidigen können, wenn er angegriffen wird." Statt dessen aber griff er mich an. Die Grundidee hatte er mir schon längst wegdisputiert; Schelling u. F. Schlegel ließ er mir damals noch gelten. Jetzte bedrohte er auch den Schelling. Beweis für Beweis wurde mir gestrichen. Er: "Denken Sie mal, wenn Ihnen das nun im Colloquium vorgehalten würde." Leni: "Du mußt das Herrn Spr. doch nicht alles vorher sagen. In Wahrheit ist er ja längst durch." Ganz wie vor 7 Jahren brachte ich ihm dann ein Argument, das nicht zu bestreiten war. Er be
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|trachtete die Stelle lange schweigend. Endlich disputierte er auch sie weg. Ich versprach, aus meiner Zettelsammlung neues beizubringen. Wirklich schrieb ich ihm einen Brief, der objektiv unumstößlich war. Er muß ihn überzeugt haben. Von seiner Grundauffassung, die wesentlich politisch war, sagte mir heute Lenz, der dies sonst betont, wo er kann, aber Humboldt gut kennt: "Ist ja Unsinn." So kämpfen wir hin u. her, daß die Tochter neulich zum Schluß sagte: "Wenn man nicht wüßte, daß Du Herrn S. sonst so wohlgesinnt bist, müßte man ihn für verloren halten." Er selbst aber hatte mir gleich zu Anfang gesagt, daß alles glatt gegangen wäre, auch kein Einspruch zu erwarten wäre. Und Riehl bestätigte mir gestern: "Dilthey und ich sind völlig einig. Ich schätze Ihr bedeutendes Werk sehr u. habe auch dem Minister in diesem Sinn berichtet. Sie leisten der Fakultät einen Dienst , wenn Sie sich der Pädagogik annehmen, eines Gebiets, das jetzt tatsächlich verwaist ist."
Und der Konkurrent? Dilthey und kein Mensch konnte mir sagen, wo er geblieben ist.
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Die Fahrt nach Lehnitz war z.T. recht hübsch. 7 Musen waren erschienen; es ist doch eine hübsche Gesellschaft. Wir ruderten auf dem See in 2 Booten. Dabei überraschte uns ein Gewitterregen. Während die jungen Mädchen Unterkunft suchten, erbot ich mich, mich am Bhf nach 2 Nachzüglerinnern umzusehen. Diese waren sehr glücklich, als Sie mich fanden. Wir verabredeten zum Scherz, an der übrigen Gesellschaft wie fremd vorüberzugehen. Unter großer Heiterkeit vollführten wir diesen Plan; täuschten uns aber insofern, als die anderen nicht nachkamen. Endlich mußte ich wieder umkehren u. fand die Gesellschaft sehr verstimmt, einsilbig. Martha Roding, der kleine Trotzkopf, schmollte besonders. Ich und die beiden Nachkgekommenen (darunter die Heidelbergerin M. Jacobowitz) suchten die gute Stimmung wiederzubringen. Ohne Erfolg. Endlilch sagte ich ihr ganz offen meine Meinung, daß ich zum Frohsein gekommen wäre u. kein Verbrechen darin sähe. Keine Antwort. Das Gespräch kam auf den "Faust." Ich entwickelte meine Anschauungen unter allgemeiner Andacht. Das Gefühl regte sich wohl, daß ich doch etwas andres wäre als homme galant. Selbst Martha Roding gab "vom fernen Stuhl träumend ein halb Gehör." So renkte sich alles wieder ein. Auf der Rückfahrt sprachen wir - so wahr ich lebe - von mathematischen Problemen, eine Stunde lang!! - - Der Stachel freilich blieb in mir, daß diese Menschlein nicht empfinden: er sucht in diesem Kreise ein kurzes Glück, eine schöne Vergangenheit. Wir wollen sie ihm bereiten. Denn weshalb käme er sonst mit?*) [Fuß] *) Es war keine Lehrerin dabei. - Ja ich fühle es, liebe Freundin, wie auch diese schöne Welt versinkt. Sie muß es; wer dürfte drum weinen? Ich habe ja ganz anderes ohne Träne begraben.