Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Juni 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 23. Juni 1909.
Liebe Freundin!
Beifolgend sende ich Ihnen die beiden Briefe der Schwester, die nun den Glanz der medicinischen Fakultät vermehren werden, zurück. Ich habe sie mit großem Interesse gelesen; trotz aller Ähnlichkeit in der Sache sind sie grundverschieden. Frau Geheimrat war in der Tat schon in Cassel im Auftreten ganz grande Dame. Man sieht sie bemüht, der Position gerecht zu werden. Eben deshalb finde ich den Brief etwas äußerlich, und von dem Ton eines eigentlichen Glücks klingt leider nichts hindurch. - Ganz anders der zweite. Wie viel Innigkeit und doch - wie viel Vernunft! Ich kann mich in dieses Empfinden ganz hineinfühlen und rechne es mir überhaupt als ein von Natur und Schicksal gegebenes Glück zu, daß ich für weibliche Denkart mehr Sinn habe, als die Mehrzahl meiner Brüder. Möge die Zukunft Ihrer Schwester all die schönen Träume erfüllen, die sie heute beseligen! - Wie steht's aber
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| mit Herrn Kurt?
Mit Ihrem Vetter bin ich gestern von Müggelsee über die Bismarckwarte nach Grünau marschiert, unter angeregten Gesprächen, aber bei viel Hitze, Staub und Trubel. Leider mußte ich schon kurz nach 8 zurücksein. Ich hoffe aber auf ein längeres und häufigeres Sehen später. Übrigens ist die (geistige) Familienähnlichkeit ganz enorm.
Ich komme auf das Finanzielle: die 4% 1000 M Rhein. Hypothekenpfandbriefe mit Zins- und Erneuerungsscheinen habe ich erhalten. Sie werden (wenigstens diese Serie) nur in Mannheim gehandelt. Dort lasse ich sie durch Vermittlung der Dresdner Bank verkaufen. Dieses Geschäft ist am Freitag erledigt. Sie werden mir dann erlauben - bitte ohne Widerspruch - daß ich Ihnen einen Schein über den Gesamtbetrag (ohne alle Rückzahlungsbedingungen) zusende, der für den Fall meines Todes um so wichtiger ist, als hier niemand etwas über das Wie und Wo weiß. Meinem Vater werde ich freilich sagen, daß Sie zu meiner Habilitation den Frack gestiftet hätten, der aus dem Stoff von Professorentalaren verfertigt würde; mehr nicht. Übrigens
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| schreibt die Dresdener Bank mehrere Briefe. Ich habe gerade sie gewählt, damit der Registrator als [unter der Zeile] angeblicher Absender fungieren kann.
Am Sonnabend opponiere ich dem kl. Scholz gegen 2 Thesen, die mir in der Tat sehr oppositionswürdig erscheinen: "der Gottesglaube des Christentums ist über den Gegensatz von Personalismus und Pantheismus hinausgehoben." Und: "der Protestantismus des 20. Jahrhunderts darf Goethes Christentum (sic!) als Paradigma aufstellen." Nachher soll ein Frühstück stattfinden, an dem möglicherweise Harnack, Kaftan u. Riehl außer dem nach Heidelberg zu dirigierenden Vater Scholz teilnehmen werden.
Sie haben Ihr Geld an einen Unwürdigen verschwendet. Ich bin selten so untätig gewesen wie jetzt. Diese Art Arbeit und Vorbereitung ist mir zuwider: man ist nicht frei, man redet nicht als Gelehrter, sondern als Politiker. - Übrigens so selten ich Nieschling sehe - eine Leutnantstugend habe ich ihm, wie Sie wissen, jetzt abgelernt.
Hoffentlich kann ich noch für das nächste Quartal in eine unterrichtliche Tätigkeit eintreten. Am liebsten wäre es mir, wenn ich
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| zum Reorganisator des NO. bestellt würde. Leider ist das ja ausgeschlossen. Die Krankheit zeigt gar keine Wendung zum Besseren; es ist wirklich zu tragisch.
Den Rest der Seite sollte ich eigentlich mit Dankesversicherungen bedecken. Aber ich lasse lieber diese unnützen Beteuerungen und werde mich der Tat befleißigen. Wie ist's in Heidelberg; heiß? Gewitter wie hier (Persien)? Ich bin stets mit Wünschen und Gedanken bei Ihnen; wäre es doch auch in Wirklichkeit!
Mit herzlichen Grüßen von uns beiden auch an Frl. Knaps
stets Ihr
Eduard.