Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Juni 1909 (Charlottenburg 2)


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Charlottenburg 2, den 28.VI.09.
Liebe Freundin!
Heute morgen erhielt ich Ihr großes Packet, und ich muß Ihnen gleich in der ersten Freude dafür danken. Daß Sie zu viel geben, sich zu viel Mühe machen, bin ich nun schon seit langen Jahren gewöhnt. Aber ich weiß ja ebensogut, daß dies nicht eine angehäufte Gewohnheit ist, sondern daß gegenseitige warme und volle Empfindung alles trägt, was Sie für mich tun und ich mit innigem Verständnis bis ins Kleinste empfange. Das Schicksal hat Sie nun einmal an meinen Weg gestellt als Samenspenderin. Vielleicht wußten Sie damals bei den einsamen Kiefern noch nicht, wie tot und leer es in mir aussah. Seitdem haben Sie jede Falte meiner Seele kennen gelernt, und wie damals gehen Sie an meiner Seite, belebend und tröstend, so daß auch wir wie damals zwei Einsame sind, auf der Höhe, aber ohne die Kälte und den Stolz der in sich verschlossenen Einsamkeit.
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| Gewiß haben wir damals bei den Kiefern davon gesprochen, daß dies ein märkisches Bild sein könnte, ein echter Leistikow- Stoff. Ihr herrliches Aquarell beweist mir, daß wir über Leistikow ebenso weit hinaus sind wie über Häckel. Denn über dieser Heide liegt wirklich der heitere südliche Glanz, den ich an meiner zweiten Heimat so sehnsüchtig liebe; ja noch mehr: diese metaphysische Armut der Landschaft ist zu einem jubelnden Licht verklärt. Es ist meine ernsteste Überzeugung, wenn ich noch einmal sage, daß Ihre künstlerische Ausdrucksfähigkeit mir seit 2 Jahren unendlich gesteigert erscheint. Sie sind dem Modernismus entronnen und zu jenem vollen Menschentum gelangt, das dem Maler sonst nur in Italien reift. Deshalb war er mein erster Gedanke beim Anblick des wundervollen Bildes: "Wir beide einmal in Italien!! "
Aber ich ergriff sogleich die "Pätze", kniff sie mir ins Ohr und sagte: Humanismus
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| und Realismus; auch dies wird einmal kommen. Zunächst wandern wir noch die Straße gemeinsam bergan. Vielleicht, wenn wir oben sind, muß Italien - "nun Italien wird schon irgendwo sein." Fürchten Sie also nicht, daß die hübsche Zwicke unbenützt bleibt. Sie wird mich beim Ohr zupfen und mir Kalendersprüche zurufen, wenn ich einmal wieder dem Ungenügen und der Ungeduld verfalle. Geht doch der Weg von der Hölle durch das Fegefeuer allmählich zum Himmel. Sie sehen, alle Ihre Gaben haben eine so hübsche Symbolik, und es hört sich so monoton an, wenn [über der Zeile] man auf alles - schriftlich - nur dies eine zu sagen weiß: Innigsten Dank!" Erinnert doch Ihre Sendung schon dadurch an das Schlaraffenland, daß Sie Schloßbiskuits als Emballage verwenden! -
Der gestrige Tag hatte mit seinem Besuchstrubel einen humoristischen Anfang. Ich schrieb Ihnen schon. Der arme Oesterreich, der mit reellen Gratulationsabsichten kam, fand dann nicht einmal Einlaß. Als ich nach dem Kirchhof
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| kam, konnte ich gerade noch meinen Topf einpflanzen. Dann begann ein langer Gewitterguß und störte alle Andacht. Aber eine große Geburtstagsfreude hatte ich doch noch: Ich fuhr von dort gleich zum Alexanderplatz und wurde zum ersten Mal - wohl auch als erster - bei Knauer vorgelassen. Er lag auf dem Balkon, sah garnicht so leidend aus, wie es zu erwarten gewesen wäre; nur die Stimme war schwach und die Stimmung ernst. Ich erzählte ihm mancherlei - gleichgiltiges natürlich, hoffe aber, ihn nun alle 2 Tage zu sehen. Tags zuvor waren schon die Kinder unter s. Balkon vorbeidefiliert. Es geht doch jetzt schneller vorwärts, wenn auch das Bein noch eine dunkle Zukunftssache ist.
Es ist hübsch, daß Sie die Humboldtbriefe so aufmerksam lesen; gewiß wirkt die Lektüre hintereinander etwas ermüdend. Aber zum Schluß des 3. Bandes kommt doch eine große Bewegung hinein.
Die Familienähnlichkeit meinte ich ganz im geistigen Sinne: zunächst auch einen gewissen Klang der Sprache, das melodisch-scherzende, wie es auch Hermann u. Kurt haben; dann aber die Neigung
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| zu Problemen, den Gegensatz zur Kirche, und gelegentlich überraschende Paradoxa.
Wie war's in Karlsruhe? Hat's dort gute Bilder? - Drews wurde neulich beim Diner sehr heruntergemacht. - In Weinheim war ich auch, oben auf der Burg und unten in einem hübschen Garten. Es ist nicht viel dort los, aber es ist niedlich.
Scholz in der hochwissenschaftlichen Umgebung wirkte weniger günstig. Er war den ganzen Tag sehr unpersönlich. Angenehm ist überhaupt so eine Redenschwingende Professorengesellschaft wenig. Zum Überfluß habe ich tatsächlich Hunger gelitten, weil im selben Augenblick, wo serviert war, immer einer ans Glas klopfte. Viel Gutes wurde auch nicht vorgebracht. Doch habe ich manches Wichtige (z.B. die Mißstimmung gegen Erdmann) und manches Humoristische erlauscht.
Ich füge Ihnen einen Brief von Helene Scholz, der resoluten Jugend, bei.*) [re. Rand] *)Anderes folgt. Es ist eine Stelle drin, die Ihnen in ihrer unbewußten Wahrheit Spaß machen wird.
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Verzeihen Sie, wenn ich heute nicht mehr schreibe. Ich habe wieder den ganzen Vormittag verbummeln müssen. Ed. Havenstein war gestern, ohne mich zu treffen, in größter Examensnot bei mir. Heute bekam ich einen Brief v. s. Tante, doch sogleich nach Schmargendorf zu kommen, um ihm Mut zuzusprechen. Da ich ihn erst nicht vorfand, mußte ich zweimal fahren. Ich bin auch um den Ausgang (heute u. morgen) besorgt. So geht es nun seit Tagen: ich komme nicht zu ernstem Denken u. zur Vorbereitung auf das Thema. Dilthey hat inzwischen nichts hören lassen. Riehl aber erklärte sich wieder mehr für das erste Thema. Jedenfalls rückt der Termin näher u. näher. Ich vertraue nur, daß ich im entscheidenden Augenblick wieder viel schaffe. - Heut Abend Geburtstag meiner Cousine (leider), Mittwoch reist Nieschling (ohne daß ich ihn intimer gesprochen hätte, wie meist), und so geht es immerzu. - Kügelgen schickte mir hübsches Buch über Weimar, Ludwig über Potsdam.
Nun nochmals den herzlichsten Dank für Ihre treuen Wünsche und alle Zeichen der Liebe. In den nächsten K Tagen nur Kartenstafetten. Herzliche Grüße auch an unsre Freundin, ebenso v. m. Vater. Ihr reichbeschenkter Bruder E.