Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Juli 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 9. Juli 1909.
Liebe Freundin!
Sie haben mich so lange nichts über Cassel hören lassen, obwohl Sie wissen, wie sehr mich diese Angelegenheit beschäftigt. Darf ich das günstig deuten. Es wäre mir die größte Freude, wenn ich es dürfte. Bitte schreiben Sie mir doch ein Wort hierüber.
Meinerseits ist dieser Brief der letzte vor der Entscheidung. Mit der Bitte, den Termin niemandem zu nennen, teile ich Ihnen mit, daß die Probevorlesung am Montag, den 19. ds. 6 Uhr stattfindet, über das Thema: "Die Bedeutung des geschichtlichen Bewußtseins für die Pädagogik", und in dem neuen Frack, der, wenn auch innerlich ohne Seide, doch alles das repräsentiert, was ein so über
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| alle Begriffe unästhetisches Kleidungsstück darstellen kann. Sollte ich je zu Einfluß kommen, würde der Gehrock, allenfalls der Smoking obligatorisch.
So ist denn also wenigstens der 15. Juli vermieden. Ich glaube, ich sagte Ihnen schon, daß dies der 70. Geburtstag meines Vaters ist. Ich bitte Sie jedoch mit aller Dringlichkeit, dieses Tages allerhöchstens mit ein paar Zeilen zu gedenken. Bei der Gelegenheit muß ich Ihnen erzählen, wie die Frackauseinandersetzung erfolgte. Ich erwähnte auf Anfrage ganz beiläufig, daß Sie ihn mir zur Habilitation gestiftet hätten. Darauf momentane Empfindlichkeit, Bedenken, - dann aber jene vornehme Zurückhaltung von allen persönlichsten Angelegenheiten, die ich an meinem Vater ehre, wennschon ja die Teilnahme, wie meine Mutter sie bewies, wärmer berührte. Pedanterie und Liberalismus, Kleinlichkeit und Großzügigkeit sind da so eigenartig
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| gemischt, wie es nur bei einer etwas abnorm veranlagten Familie denkbar ist, deren Grundzüge mir sämtlich unsympathische sind, obwohl gerade die leichte Spur von Künstlertum und Lebenskunst in mir von dort stammt, während Intellekt und Gemüt anderwärts herkommen.
10 Tage werde ich ja noch mitmachen. Im ganzen fühle ich mich unproduktiv und unkonzentriert. Viel wird nicht herauskommen. Ein solcher Prüfungsakt ist für den Philosphen doppelt qualvoll, weil er Schritt für Schritt auf Probleme stößt, die einfach heute unlösbar sind, und andrerseits doch in der bloßen Belesenheit einen geringen Ruhm erblickt. Die Konstellation scheint günstig. Ich müßte sehr viel Pech haben, wenn ich abfiele; denn man will mich haben. Hoffentlich verfalle ich in der Diskussion nicht in einen "ungesitteten Ton".
Die Nerven plagen einen immer an einer neuen Stelle. Als Schwester müssen Sie schon diese kleinen Sorgen mit anhören:
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| Es ist ein schmerzloses, aber doch fatales Leiden, daß sich mir das Haar jetzt weit mehr lichtet als die Tiefen der Philosophie. - Überhaupt wäre es mir lieb, wenn ich jetzt Feuer speien könnte. Alle lieben Freunde, die sich sonst den Teufel um mich scheren, rennen mir gerade jetzt mit liebenswürdigen Einladungen das Haus ein. Ich bin ein Virtuos im Lügen; aber es geht über meine Kräfte. Ich muß mit mir allein sein, die Sache muß reifen. Sie wissen, daß man ihr die Reife nicht geben kann. Aber alles hat sich gegen mich verschworen. Heute lungerte ich im Grunewald. Da präsentieren sich allerhand Tiere so niedlich, daß ich immer zusehen mußte: Eichkätzchen und Reh und wilde Karnickel und Dompfaff - lauter Kobolde, die die Philosophie hassen. Hang up philosophy! Ich habe Ihnen mancherlei Persönliches noch mitzuteilen. Aber, nicht wahr, das darf ich bis nach dem 19. verschieben? Vermutlich ergibt sich noch Anlaß zu einer Karte. Jedenfalls erhalten Sie - bei jedem Ausgang, am 19. Abends Depesche.
Und für heute nur noch herzliche Grüße in bekannter Gesinnung
der in Ihrem Namen sich habilitierende
E.