Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12./13. Juli 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 12. Juli 1909.
Liebe Freundin!
Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen hier eine eigentliche Antwortauf Ihren lieben Brief zu geben. Doch füge ich das Notizblatt, das Ihnen eine heilige Erinnerung sein wird, hier wieder bei, und ebenso die Bilder und Karten, über die ich mich sehr gefreut habe, besonders über die des kriegerischen Geburtstagskindes. Ebenso schicke ich Ihnen einen Brief vom kleinen Scholz, der sich - wie ich Ihnen als meiner Schwester wohl mitteilen darf - auf seine Werbung um Lisbeth Harnack bezieht; da Sie Prof. Scholz jetzt sehen (und bitte von mir grüßen), so sind Sie vielleicht besser im Zusammenhange mit Kenntnis dieser Epistel.
Es tut mir leid, daß ich Ihnen kurz vor der Schlacht immer ungünstige Nachrichten geben muß. Ich war heut bei Dilthey, wie
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| meine Pflicht war. Ich fand ihn in sehr schlechter Stimmung. Er empfing mich in der unliebenswürdigsten Weise, in einer Weise, die mich als Menschen und Gelehrten in gleichem Maße verletzt. Ich bin zu alt und zu selbständig, um dergleichen Launen auch wichtiger Zwecke willen mit Schweigen zu ertragen. Mühsam nötige ich mich zur Ignorierung bis zum Entscheidungstage.
Ich sollte ihm die Grundzüge der Antrittsvorlesung sagen. Abgesehen davon, daß ich bei einem Privatbesuch keine auswendiggelernten Definitionen des historischen Bewußtseins in der Tasche trage, hatte er selbst keine Sammlung zum Anhören (er erwartete Besuch). Was ich ihm sagte, hatte das Fundament eines Nachdenkens, dem ich seit Jahren hingegeben bin. In der Formulierung war es eben Gesprächssache. Alles war mindestens diskutierbar. Er lehnte alles ab unmittelbar, nachdem es ausgesprochen war, mit sichtlicher Schadenfreude.
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| Dann wiederholte er mehrmals: "Sie müssen noch eine ganz ungeheure Anstrengung aufwenden. Sie müssen das noch viel schärfer durchdenken etc." Definitionen, in denen er seit Jahrzehnten der Schwächste der Lebenden ist, waren nun sein Trumpf. Und da ich ihm fast nichts brachte, als das, was in seinen eignen Schriften liegt, so fand er alles unzulänglich. Fragen, die unlösbar sind, deren ganze Konsequenzen er noch nicht einmal so übersieht, wie ich sie bei der Kenntnis der modernsten Literatur übersehe, wollte er nun gelöst und definiert haben.
Eine Eiseskälte ist über mich gekommen. Ich werde, wie 1905, um meine Überzeugungen kämpfen mit aller Macht. Wenn ich ein so trostloser Kopf bin, warum hat man mich zugelassen? Was für eine Konsequenz, wenn schon das Buch unhaltbar war, für mich bei der Fakultät einzutreten, um dann in 10 Minuten jede geäußerte Anschauung indiskutabel zu finden? Ich stehe jetzt als Mann und
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| nicht als Examinand für meine Anschauungen. Komme was da wolle, über mein Vermögen kann ich so wenig wie Dilthey.
Sie sehen, die Götter werfen mir nichts leicht in den Schoß. Auch jetzt noch, abgearbeitet, vom Schicksal zerrieben, soll ich eine "ungeheure Anstrengung" aufwenden. Es liegt etwas in meiner Lebensauffassung und -erfahrung, was mich darauf nur mit einem Lächeln antworten läßt. Ist dies die Wissenschaft, so war meine Liebe zu ihr eine Posse, über die ich hohnlache. Philosophie ist doch keine Chemie und Experimentalwissenschaft.
In Ihrem Brief überrascht mich, daß Ihre verehrte Tante in Sooden ist. Davon haben Sie mir noch garnichts gesagt. Habe ich Sie recht verstanden? Lassen Sie mich hören, wie es dort geht.
Es ist ein Lebensschicksal, dem ich entgegengehe. Ich hatte geglaubt, daß es in einer würdigeren Form geschehen würde, als freier Diener der Wissenschaft. Wies es auch ende - als freier Mann gehe ich daraus hervor, vielleicht als ewiger Feind der Universitäten.
Herzlichst und dankbar Ihr Bruder Eduard.

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13.VII.09. Soeben ausgezeichnete Recension d. Humboldt v. R. M. Meyer (Goethemeyer.)
Je mehr ich mir den gestrigen Vorfall überlege, um so weniger begreife ich ihn. Ich fühle mich wissenschaftlich so sicher, daß ich mit der Zeit durchaus reiche. Es handelt sich nur um die Formgebung. Jedenfalls behandle ich das Thema mindestens ebenso scharf, wie D. selbst 1888 in der Akademie!! Herzlichst E.