Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Juli 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 20. Juli 1909.
Liebe Freundin!
Nach der gestrigen Turnierdepesche, auf die ich schon 2 liebe Antworten von Ihnen erhielt, folgt nunmehr ein eingehenderer Bericht. Der Tag verlief ungetrübt, ja schön - so viel sei dem Einzelnen vorangeschickt.
Allerdings die Nerven, die sehr standhaft geblieben waren, wurden gestern im Laufe des Tages immer rebellischer. Es ist furchtbar, wenn man mit allem fertig ist und tatenlos auf die entscheidende Stunde warten muß. Mein Vater, innerlich noch viel aufgeregter, redet dann immer sehr wortreich zu und behauptet zuletzt aufbrausend, ich bauschte die Sache auf.
Punkt ¾ 6 befand ich mich in Gesellschaft eines Kleiderständers in der großen leeren Aula. Rapport der Subalternen: bisher nur 5 Herren anwesend. - Endlich öffnet sich die Tür: herein treten Dilthey und Riehl, um nach dem Senatssaal
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| durchzugehen. Dilthey blühend, über das ganze Gesicht lächelnd, schüttelt mir die Hand: "Wie geht es Ihnen." Riehl ebenso, sehr verbindlich: "Es ist nicht sehr feierlich bei unsern Antrittsvorlesungen, weil immer nur wenige Herren kommen. Aber wir interessieren uns sehr." Ab in den Sitzungssaal. - Dann erscheint der Dekan und erklärt mir unter Händedruck, ich werde anfangs vor sehr wenigen Herren lesen müssen; die andern kämen erst allmählich. (In der Tat war es wie bei Löser und Wolff.)
Nach wenigen Minuten ruft mich der Dekan herein. Ich verneige mich an der Tür. Mein Blick fällt zuerst auf Erich Schmidts ernst-freundliches, schönes Gesicht - ein Freund. Ich setze mich. Der Dekan fordert mich auf zu beginnen, und ersucht mich, als ich im Stehen sprechen will, Platz zu behalten. Ich beginne: "Erlauchte Fakultät", - und laut, prononciert und ruhig lese ich meine 33 Quartseiten Text. Tobler, dessen Interesse mir unbekannte Gründe hat, sitzt immer hinter mir, ja der 75jährige will mir sogar ein
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| herunterfallendes Blatt aufheben. Der Anblick des alten Förster, der ebenso wie Schwendener mit sichtlichem Interesse zuhört, erfreut mich innerlich. Um 6 Uhr 20 geht Erich Schmidt und raunt mir zu: "Ich muß in die Vorlesung." Um dieselbe Zeit (es krabbelte immerzu um mich rum) erscheint Wilamowitz, an den ich von jetzt an meine Rede ausdrücklich wende. Diltheys Gesicht legt sich in 500000 Falten; Riehl schreibt, als wollte er's in die Zeitung setzen. Plötzlich, gegen Mitte, sitzt Stumpf hinter dem Dekan. Gegen Schluß belebt sich das Geschäft. Ich lese reichlich 40 Minuten; als ich zum Schluß sage: "Die wissenschaftlichen Aussichten der Pädagogik sind gering" lächelt Wilamowitz. Nachdem ich geendet habe, fordert der Dekan Dilthey auf, das Colloquium zu beginnen. Er knüpft an den Schluß an und wünscht, mühsam mit dem Ausdruck ringend, eine Erklärung, weshalb ich das Schaffen eines Bildungsideals einen künstlerischen Vorgang nenne. Ich expliziere mich, wie ich glaube, scharf und glücklich näher darüber. In dem Augenblick, wo das Wort "Analogie" fällt, fährt ein glückliches
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| Lächeln über Diltheys Gesicht und er sagt, was ich von ihm noch nie gehört habe: "Dann sind wir einig." Eine zweite Frage, nach der pragmatischen Geschichtschreibung des 18. Jhrhrdts, bemüht er sich vergeblich so zu formulieren, daß mir klar wird, worauf ich zu antworten habe. Er verspricht sich bei jedem 2. Wort. Wilamowitz schüttelt den Kopf. Ich, nicht faul, halte eine längere Rede über das Naturrecht. Dilthey antwortet. Wilamowitz nickt während meiner Rede lebhaft Beifall. Ich rede dann - ad libitum, über Guicciardini, Machhiavelli, Hume. Dilthey lächelt glücklich: "Ja dann verstehen wir uns" und tritt das Wort an Riehl ab. Dieser greift einige Einzelheiten heraus, erwartet aber von mir keine Antwort, stellt dann s. Auffassung der ganzen historischen entgegen, wobei er kaum einen Partner gefunden haben mag, läßt es aber im ganzen weder zur Frage noch Antwort kommen, und betont den künstlerischen Aufbau meines Vortrages. Jeden Satz beginnt er mit der Bemerkung, daß ihm die Zeit eigentlich nicht gestatte, ihn zu Ende zu führen. - Der Dekan
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| fragt: "Wünscht noch jemand mit dem Herrn Habilitanden zu diskutieren?" - Hier erwartete ich Stumpfs Eingreifen, dessen Anschauungen ich verschiedentlich berührt hatte. Alle schweigen. Ich werde ersucht, mich zurückzuziehen. In der Aula sitzt das nächste Opfer, das ich gerade begrüßen kann; dann werde ich hereingerufen. Der Dekan erklärt: "Die Fakultät erteilt Ihnen die venia legendi für Philosophie; Ich spreche Ihnen die Glückwünsche der Fakultät aus. Darauf eilt die ganze Rotte auf mich zu: der erste, der mir gratuliert - ist Stumpf. Erich Schmidt: "Ich habe leider der Vorlesung wegen gehen müssen." Wilamowitz: "Es hat mir viel Spaß gemacht." Dann Riehl, dann der Dekan, hinter dem sich der kleine Geheimrat verbirgt. Ich danke ihm mit besonderen Worten: er strahlt über das ganze Gesicht: "Sie haben es sehr nett gemacht."
Lenz hatte sich vorher bei mir wegen seines Ausbleibens entschuldigt. Gewundert hat mich nur Schmoller, der sich am letzten Tisch mit fremden Dingen beschäftigte. Gefreut hat mich Erich Schmidts Fahnenwacht, der gleich
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| von der Vorlesung wieder hereinstürmte. Ich glaube, er hätte mich aus dem ganzen Haufen herausgehauen.
Draußen warteten auf mich Ludwig, Oesterreich und Havenstein. Der erste sah, daß Dilthey in bester Stimmung herauskam. Mein erster Weg zur Post; dann nach Hause. Mein Onkel Ernst kam auch. Darauf bekam ich einen Hungeranfall, der bis jetzt noch anhält.
Diese Klippe also ist überwunden. Sie ist es - durch Sie. Der Gedanke an eine Tote und eine Lebende hat mich während dieser Stunde erfüllt. - Die sehr trockene Vorlesung werde ich Ihnen später zur Lektüre schicken.
Mein Blick wendet sich in die Zukunft. Es ist für den Winter jedes Fach mehrmals angezeigt. Für Pädagogik sind schwache Aussichten. Am besten wäre noch Religionsphilosophie. - Am 14.VIII. jedenfalls ist zunächst die öffentliche Vorlesung über: "Philosophie und Pädagogik der Stein- Hardenbergischen Reform."
Heute Vormittag war ich bei Reuther. Dort traf ich Rudolf Lehmann. Wir sprachen
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| mancherlei. Nachmittags war ich auf dem Kirchhof. Dann bei Knauer, der wieder viel Schmerzen hatte und in Weinen ausbrach. Seine Frau liegt auch. Dann ging ich auf den Marienfriedhof, wo ich in den letzten 14 Tagen dreimal war. Ich beobachte dort ein wunderbares Phänomen: Am Hügel Ihres Vaters sprießen unter dem Epheu rings Rosenstöcke hervor. Niemand hat sie gesät; es muß ein verborgener Segen sein.
Trotz allem bin ich nicht glücklich. Weshalb? Ich sage es Ihnen, weil Sie mich verstehen. Lesen Sie den beiliegenden Brief, den ich bald zurückerbitte. Über das Andenken habe ich mit m. Vater bisher nicht gesprochen, weil ich keine Aufregung haben wollte. Heute endlich kam ich darauf. Es wäre mir ein Herzenswunsch. Es soll nun zwar geschehen, aber "seiner Zeit". Ist das ein Vertrauensverhältnis? Ich leide unsäglich darunter, daß ich über solche Dinge zu reden zögern muß, und daß dann solche kleinen Wünsche unerfüllt bleiben. Was nützt alles Teilnehmen, wenn so viele Dinge einfach von der freien Aussprache ausge
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|schlossen sind? Es kann so kein reiner Sonnenschein werden, oder bin ich wirklich von Natur so reizbar und verdrießlich? Dazu diese Naivität. Es ist ja ganz gut so: aber daß bisher nicht einmal der Gedanke aufgetaucht ist, daß die Habilitation etwas kosten könnte, ist wunderbar. Ich würde jeden beliebigen Betrag bekommen. Aber lieber wäre mir's doch, ich hätte den Mut, darüber einmal frei zu reden. Der fehlt mir immer, weil jede Aussprache zur Verstimmung führt. So geht es seit Jahren. Meine Mutter war die Mittlerin. Jetzt sind Sie es; aber eben die Widersinnigkeit, daß ich eher jeden beliebigen Betrag erhalte, als eine ungetrübte Aussprache, lastet auf mir.
Mit m. Aufsätzen habe ich viel Unglück. Der "Beethoven" scheint gefährdet. Meine Mahnungen sind ohne Erfolg. Die "Tägl. Rundschau" sandte mir nach 33 Tagen ein Ms. zurück, worauf ich mit einem groben Brief reagierte. Der "Eckart" brauchte ganze 6 Wochen zur Ablehnung eines andern.
Nehmen Sie, meine Liebe, teure Schwester, für heute mit diesem Zeitungsbericht vorlieb. Der Brief soll noch in den Kasten; es ist sehr spät. Ich schreibe Ihnen bald persönlicher. Sie wissen ja doch, wie ich diese ganzen Vorgänge deute, als etwas, das uns betrifft, <li. Rand> als etwas, das mir um Ihretwillen lieb ist. Denn für Sie lebe ich. Sie allein verstehen mich. Und <Kopf> vom "Verstehen" habe ich vor der Fakultät geredet. Herzliche Grüße <re. Rand> auch an Frl. Knaps, der ich bald direkt schreibe. Von Hermann Brief. Bald mehr. Herzlichst Ihr Eduard.
[re. Rand,S.5] Nächstens schicke ich Ihnen auch die Rec. v. Meyer Goetheleben.
[Kopf,S.5] Herzliches Gedenken u. Wünsche nach Sooden.