Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Juli 1909 (Charlottenburg 2)


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Charlottenburg 2, den 29. Juli 09.
Liebe Freundin!
Soeben habe ich den letzten Pfirsich verspeist. Wenn ich jetzt erst Dank für Ihre köstliche Sendung finde, so fassen Sie das bitte nicht als ein Zeichen "arg" materieller Gesinnung auf. Ich habe mich unendlich über diese Gabe der beiden lieben Freundinnen gefreut. Sie erinnerte mich daran, wie ich beim gemeinschaftlichen Einkauf ähnlicher Früchte auf dem Markt zugegen war; sie erinnerte mich an ein erstes Frühstück auf dem Schloß; dann an das Gericht von Pfirsichen und Schloßbiskuit, das wir auf einem Chausseestein zwischen Eberbach und Zwingenberg einnahmen. Aber so wundervolles Obst, wie diese Sendung es enthielt, glaube ich trotz allem noch nicht genossen zu haben. Also nochmals vielen Dank. Habe ich recht mit der Vermutung, daß die freundliche Urheberin dieser Idee, dem
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| hungernden Philosophen reife Früchte in den Schoß zu werfen, Frl. Knaps war?
Soeben habe ich eine große Dummheit gemacht. Ich habe den kl. Scholz über Heidelberg dirigiert und ihm dabei nahegelegt, Ihnen seine Visite zu machen. Es wäre am 4. August gegen 12 Uhr, also glücklich einen [über der Zeile] 2 Tage, nachdem Sie verreist sind. Zu dieser Reise wünsche ich Ihnen von Herzen das bislang noch fehlende Sommerwetter. Seit gestern ist es hier geradezu unerträglich. Meine Nerven leiden erheblich darunter.
Was meine (Laien-)Stellung zum modernen Zeichenunterricht betrifft, so scheint er mir nach der Richtung hin einseitig, daß er die latente individuelle Begabung, Phantasie und Genialität weckt, daß er zwar alle Hindernisse und schematische Fesseln beseitigt, aber keine eigentliche Schulung gibt. Die Gefahr, daß Ungenauigkeit, Flüchtigkeit im Sehen und Unreinlichkeit als Zeichen naiver Geni
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|alität angesehen werden, liegt nahe. Es ist jetzt allgemein so im Unterricht: man betet das Kind an und läßt ihm Freiheit. Es handelt sich doch aber auch darum, es zu Leistungen zu erziehen, zu Treue und Pflichterfüllung. Zeichnerische Begabung ist relativ selten; die Schule will keine Künstler machen. Aber auch das wenige Vorhandene auszubilden, Treue in der Beobachtung, Auffassung der Teile und Einzelheiten, Einführung in die Gesetze der Perspektive, [über der Zeile] das kann sie sich zum Ziel machen. So wenigstens scheint es mir, und ich glaube, daß eine echte, große Begabung durch die Fesseln pedantischer Schulung nicht ge erstickt, ja nicht einmal geschwächt werden kann. -
Ihr Geheimnis ist bei mir gut bewahrt. Ich hoffe Hermann nächste Woche zu sehen, werde aber auch ihm keine leise Andeutung machen, daß ich Mitwisser bin.
Unseren Casseler Plan wollen wir im Auge behalten, aber dem Schicksal nicht mit definitiven Bestimmungen vorgreifen.
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| Für mich wird Ihre eigne Abreise nach Cassel ein Signal sein, meinerseits Vorbereitungen zu treffen. Hoffentlich ist die verehrte Tante dann wieder auf dem Posten.
Ich bin schrecklich nervös. Das Thema der 2. Vorlesung habe ich unterschätzt; es ist leicht, mutet mir aber eine Parforce-Lektüre zu. Zahllose Briefe, Besuche etc. zerreißen meine Zeit. Morgen Abend bin ich bei Dilthey eingeladen.
Es ist mein fester Entschluß, liebe Freundin, eine Aussprache über finanzielle Dinge hier nicht herbeizuführen. Es würde heute so sein wie früher: ich würde mich nervös dadurch ruinieren und wohl alles zerstören. Stattdessen bin ich auf Vermehrung meiner Einnahmen bedacht. Die Schritte, die ich augenblicklich zu diesem Zweck tue, kann ich Ihnen ausführlicher nicht schreiben. Es ist noch zu unbestimmt, kann sich aber nur um Unterricht handeln, da das Schriftstellern nichts einbringt. (Für den Beethoven erhielt ich nach drei
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|maliger Mahnung - 60 M.) Es handelt sich zunächst um Auseinandersetzung mit Knauer, der seine Krankheit doch noch lange nicht überwunden hat. Mit ihr werde ich mich kaum verständigen, da die Billigkeit ihre Devise ist.
Alles, was Sie von Scholz schreiben, hat mich unendlich interessiert. Ich bin ungeduldig darauf, ihn nun hier einmal wiederzusehen. Er muß doch jetzt endlich unsre Verbindung begriffen haben, und ohne diese begreift er uns alle beide nicht. Wundt hätte ich ein so schönes Wort garnicht zugetraut, doch ist es unbestreitbar wahr.
Wenn Sie auf dem Hermersberger sind, schreibe ich Ihnen in größerer Ruhe. Auch will ich mancherlei Handschriftliches beilegen, wofür Sie dann vielleicht Zeit haben. Heut ist ein unglaublich unruhiger Tag, mein Kopf wüst. Verzeihen Sie diese konfusen Zeilen. Mit herzlichen Reisewünschen für Sie beide stets Ihr dankbarer Bruder Eduard.

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Liebe Freundin!
An dem beiliegenden Blatt nehmen Sie keinen Anstoß; es gilt nicht zwischen uns, sondern für Gestaltungen und Wendungen des Schicksals, die der Mensch niemals voraussehen kann. Eigentlich müßte der Schein gestempelt werden. Dies allerdings
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| bitte ich Sie zu unterlassen. Solange mein Vater lebt, erfüllt er auch ungestempelt seinen Zweck. Nach seinem und meinem Tode trügen Sie die ev. Strafe als ein letztes Opfer für mich nach so vielen.
In treuer Liebe
Ihr
E.
29. Juli 1909.