Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. August 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 6. August 1909.
Liebe Freundin!
Jetzt folge ich Ihnen in die Einsamkeit auf dem Hermerberger Hof - leider nur in Gedanken.
Ich habe Ihre Berichte über das Befinden Ihrer verehrten Tante mit Hermanns Erzählungen verglichen und habe danach den Eindruck, daß es für die alte Dame besser ist, nicht zu reisen. Erst dachte ich, daß Sie die Tante vielleicht ein paar Wochen mit nach Heidelberg nehmen sollten, wo doch die Luft milder und der Sommer länger ist. Aber es scheint, daß sie sich zu Hause am wohlsten fühlt, und wenn Sie nicht gerade zusammen an die Riviera gehen wollen, so wird auch kein Kurort die daheim allein mögliche Behaglichkeit durch seine Wirkungen aufwiegen. Sorgen Sie nur für eine recht zweckentsprechende Ernährung und für möglichste Schonung des Herzens. Wer die Krisis in diesenJahren übersteht, ist wohl gefeit für lange
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| Zeiten. Lassen Sie mich hoffen, liebe Schwester - wenn ich das einmal klar aussprechen darf: daß es dem Schicksal mit einem Opfer genug sein wird, und daß die gute Tante sich in dem jetzt hoffentlich kommenden beständigen Wetter wieder gründlich erholt. Sie wissen, wie ich das alles jetzt doppelt mit Ihnen fühle und durchlebe.
Mit Hermann hatte ich eine schöne, freundschaftliche Stunde. Wir verstehen uns jetzt ausgezeichnet, wo wir von einander nicht fordern, was man wohl in ganz jungen Jahren für möglich hält - gegenseitige Bekehrung - sondern uns freuen an dem, was wir sind und wie sich in jedem von uns die Welt spiegelt. Ein längeres Zusammensein war leider nicht möglich, weil ich noch nicht ganz mit meiner Vorlesung fertig war. Ich schrieb Ihnen schon aus Alt-Buchhorst, wie plötzlich und gänzlich ich zusammenbrach. Ich konnte nicht 1 Stunde am Tage mehr neuen Lesestoff in mich aufnehmen. Stattdessen nahm ich Chinin und Baldrian in Massen. Außerdem pausierte ich über 2 Tage ganz .Mein schönes Thema kam dabei
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| natürlich zu kurz. Mit großer Vorsicht konnte ich vom Montag bis Mittwoch gerade die 40 Quartseiten niederschreiben, ohne die volle Abrundung, die ich der Sache geben wollte, aber doch scharf und streng wissenschaftlich. An Freisprechen aber war nicht zu denken.
Um ¾ 12 war ich im Senatssaal. Schon vorher hatte ich Münch getroffen, der mich mit seiner Anwesenheit beehrte und sehr liebenswürdig war. Durch die Familien Runge und Helene Schulze wand ich mich in den hehren Raum, wo ich am 19. sprach. Bald nach 12 kam der Dekan; mit ihm Riehl, der seinen schönen Landaufenthalt in Babelsberg opferte, während Dilthey fernblieb. Der Dekan, ein reizender Herr, warf sich ins Ornat; es entstand nun unter uns ein edler Dissensus, wie wir in die Aula gehen wollten. Der Dekan wollte mich rechts nehmen, ich wollte links von ihm gehen, Riehl wollte mich in der Mitte haben. Der Erfolg war, daß wir alle einzeln liefen. So kam ich an Frau Direktor und dem treuen Teil des Knauerschen Kollegiums vorüber, bestieg das obere Katheder und begann mit einer
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| Stimme zu lesen, die den ganzen Raum beherrschte. Es ging alles glatt, bloß Adam Müller stellte mir eine Falle u. kam mir in den Mund, als von Gentz die Rede sein sollte. Im ganzen sprach ich ¾ Stunden - 50 Minuten unter sichtlich steigender Teilnahme.*) [li. Rand] *) Der Schluß handelte v. d. Universität Berlin, von der Philosophie als pädagogischer u. politischer Macht. Dann stieg ich herunter; der Dekan, Riehl, Münch waren sehr entzückt. Münch sprach sogleich vom Drucken. Frau Professor Paulsen mit Tränen in den Augen (ich hatte auf P.s Werk verwiesen und hinzugefügt: dessen ich in dieser Stunde mit schmerzlicher Wehmut gedenke.) Darauf entspann sich ein Wetteifer der geladenen Freunde etc. (es waren nur ca 6-10 Fremde unter 50), mir die weißen Handschuhe zu verderben. Vor diesen Insulten rettete ich mich in den Senatssaal, wo Dekan und Riehl sich sehr enthusiasmiert äußerten, besonders der letztere: ("Sie haben große historische Kenntnisse. Sie werden aus dem Vollen schöpfen; ich stelle Ihrer jungen Kraft die glücklichste Prognose.") Diesen Moment benutzte der Dekan, um sich in meinem Überzieher zu entfernen. Nachdem es mir gelungen war, mit Hilfe der Amtsgewalt des Pedells wieder in seinen Besitz zu gelangen, fanden wir uns bei Siechen zusammen: Mein Vater u. einige [über der Zeile] ihm befreundete Herren,
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| Onkel Paul (ein gemütlicher Zechbruder), Ludwig, Havenstein. [über der Zeile] 9 Personen. Es gereicht mir zur Genugtuung, daß ich mit Onkel Paul und Ludwig alle anderen "überdauerte"; die übrigen entfernten sich, als Ludwig eine Rede begann, bei der sich Luthers Schicksale unklar mit meiner Habilitation vermengten, und als ich in das Nonnenkloster zu St. Georg eintrat, weil ich meinen Freund Fridericus hatte unter dem Tisch liegen sehen.
Heute schreibt mir der Kollege Ruthe einen rührenden, enthusiastischen Brief; Gratulationen in Fülle, auch von Misch, Diltheys Schwiegersohn.
Sonst nichts Erfreuliches, sondern Ärger und nervöse Reizungen. Unsre Wirtschaftsfrau nimmt sich 8 Tage Urlaub; wir sind in Verlegenheit. Mißverständnisse, Mangelndes häusliches Behagen, Unausgefülltheit des inneren Menschen, der einfach nichts weiter will als - lachen Sie - Schulkinder vor sich. Bei Knauer wird das nichts werden. Meine sehr häufigen Besuche kämen in ein ganz falsches Licht, wenn ich mit einem solchen Vorschlag herauskäme. Ich muß
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| suchen, bei einem Seminar anzukommen.
Am Sonntag war ich bei [über der Zeile] Dr.! Gertrud Bäumer. Sie wünscht einen Mitarbeiter für ein pädagogisches Lehrbuch für Lehrerinnenseminare. Interessante Dame; Empfehlung von Münch. Selten habe ich so hohes Entree bezahlt. Eigentlich wollte ich bloß mal so eine "führende Frau" aus der Nähe sehen. Muß dafür pädagogisches Lehrbuch schreiben, eine tolle Idee. Es soll eine Fortsetzung ihres Buches "von der Kindesseele" sein, das Ludwig als "Proben kindischer Seelenbetrachtung" bezeichnete. Wer weiß, ob je was daraus wird.
Morgen will ich mit Ludwig eine Tagestour machen. Ich will versuchen, hier eine Art Ferien zu halten. An Reisen ist absolut nicht zu denken. Natürlich wird aus dem Ausruhen hier nichts. Schon die Erledigung der täglichen Post ist anstrengend. Von Arnold Ruge erhielt ich Prospekt eines Unternehmens, das Hermann und ich sehr überflüssig finden. Ich will ihm die Notiz gern senden; aber unphilosophisch scheint mir die ganze Idee.
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Wie haben Sie unsre Freundin auf dem H. H. gefunden? Hoffentlich nicht auf dem Eise?
Ich schreibe bald wieder, augenblicklich bin ich zu erschöpft.
Herzlichste Grüße
in treuem Gedenken
Ihr Bruder
E.
[] Ganz besondere Grüße auch Frl. Knaps.