Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. August 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 10. August 09.
Liebe Freundin!
Heute kam Ihr lieber Brief vom Hermersberger Hof, und da ich nun so ganz in Gedanken bei Ihnen bin, so sende ich Ihnen sogleich diesen dicken Packen, der Ihnen in der Einsamkeit von mir erzählen sollen. Wie schön denke ich mir diese Ferientage, in Seelenfrieden und Freundschaft hoch über der staubigen Welt zu zweien verlebt! Daß ich gern dabei wäre, ist ja selbstverständlich; aber auch so freue ich mich, daß Sie Schönes genießen, nach langen Zeiten der Arbeit, der Aufregung, und nachdem Sie andren so viel Schönes bereitet haben!
Als ich neulich von Grünheide-Rüdersdorf, wo ich mit Ludwig gewesen war, zurückkam, fand ich schon Ihre liebe gemeinsame Karte. Dann kam die Druck
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|sache, in der Heusel so zeitgemäß mein jetziges und künftiges Elend abmalt, und die Todesanzeige von Merx, die ich schon von Ruska direkt erhalten hatte. Übrigens schickte mir die Frankfurter Zeitung ihre Nummer vom 6.VIII; anscheinend, um mir mitzuteilen, daß ich mich habilitiert habe.
Augenblicklich mache ich den Versuch, hier ein paar Tage Ferien zu halten, und bei allem, was ich für mich tue, erfreut mich der stille Gedanke, daß Sie es für mich tun. Der Versuch selbst ist übrigens undurchführbar. Ich bin in den letzten Tagen öfter in der "frischen Luft" gewesen, mußte mir aber bei der Rückfahrt schon immer sagen, daß ich eigentlich nur Staub und Menschenduft eingeatmet hatte. Des Abends kann ich nicht ausbleiben, ohne meinem Vater Unbequemlichkeiten zu machen; des Mittags vor 3, ½ 4 nicht fort, aus demselben Grunde. Das geringe häusliche Behagen ist nun ganz fort, seitdem die unzureichende
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| Bedienung durch eine noch unzureichendere Aushilfe vertreten wird. Ich kann an diesem Bau nicht mitbauen. Es ist so, wie Sie sagen: ich muß die Katastrophe direkt abwarten, schon deshalb, weil ich unser Geheimnis nicht verraten will. Das einzige, was ich tun kann, was ich aber doch auch nur mit einigermaßen erholten Kräften tun kann, ist, daß ich größere Einnahmen schaffe, über deren Verwendung ich dann mitdisponieren kann. Mit bloßer Liebe kann man einen Haushalt nicht regieren; ein Rat, eine ruhige Besprechung meiner Pläne wäre mir oft erwünscht; so aber hört meinerseits die Mißstimmung nicht auf, obwohl alles mögliche getan wird. Mir scheint aber jede Maßregel falsch. Ich bitte Sie übrigens, zu berücksichtigen, daß ich trotz aller Arbeit für die Habilitation in diesem Jahr schon 600 M eingenommen habe, weiteres zu erwarten habe, und für neue Quellen unausgesetzt sorge.
Mit Ihrem Urteil über die Knauersche
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| Schule haben Sie durchaus recht. Ich habe jetzt eine Annonce aufgegeben, betr. Lehrerinnenseminar oder Lyceum. Aber ich verspreche mir von diesem Schritt nicht viel Erfolg. Meine Verlegerkontrakte gehen in die Tausende; leider aber schreibt man ein Buch nicht in ¼ Jahr.
Verzeihen Sie, daß ich mit diesen geschäftlichen Dingen in Ihr sommerliches Eldorado trete. Vor einem sind Sie dort aber sicher, was hier jede Freiheit unmöglich macht, nämlich 6 mal in der Woche eingeladen zu werden. Es ist oft unerträglich, dieses Abschreiben und Ausreden.
Ihre Maßregel mit dem Vorschullehrer ist hoffentlich vom besten Erfolg begleitet. Ich habe die Idee, in ähnlichem Sinne einmal an Ruska zu schreiben. Aber ich wollte es nicht tun, ohne Sie vorher zu fragen, ob Sie damit einverstanden sind. Übrigens braucht Ruska gewiß selbst eine künstlerische Hilfe. Er illustriert
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| seine Bücher selbst, und wie mir scheint, nicht gerade besonders glücklich. Das gäbe doch schon einen Anknüpfungspunkt.
Die beiliegenden Briefe und Drucksachen - eine Auswahl, erbitte ich gelegentlich zurück. Von Hermann habe ich seit seiner Durchreise schon 2 sehr liebe Karten. Er ladet mich nach Greifswald ein, Nieschling nach Sondershausen, Vierecke nach Eisenach. Aber an meinen Füßen liegen Ketten, die selbst eine Tagestour ungeheuer erschweren. Ich mag nicht immer lamentieren: nur dies muß ich versichern: ich habe mich selten in so beengter Lage befunden. Alles, was ich wollte, habe ich erreicht. Nur das nicht, denen, die ich liebe, eine Freude bereiten zu können, und dies ist doch alles.
Zu meinem Staunen bemerkte ich, daß ich seit diesem Jahr ein echtes Stück Pessimismus in meine Lebensanschauung aufgenommen habe, nämlich insofern, als
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| ich behaupte: nicht der Mensch ist an der Schwierigkeit der sittlichen Situation schuld, in die er gelangt, sondern die mangelhafte, minderwertige Konstitution der tatsächlichen Verhältnisse selbst. Bisher war ich in dem christlichen Dogma befangen, all diese Nöte mir als Ausfluß des Reichs der Sünde zu betrachten, das im Grunde selbstverschuldet ist. Das aber ist nicht mehr; ich habe meinen Kopf freier und beschwere mich über die Jämmerlichkeit des Lebens selbst, für die ich nichts kann. Diese Linie führt zuletzt in die Stumpfheit des Stoicismus: man wird empfindungslos.
Es ist sehr heiß und schreibt sich schwer. Frl Knaps überschätzt meine geistige Frische bedeutend, wenn sie glaubt, daß ich noch einen echten Goethe von einem modifizierten unterscheiden kann. Es ist mir schon unbegreiflich, wie man überhaupt in Verstimmung sein kann.
Den beiden Freundinnen auf freier Höhe sendet herzlichste Grüße
Ihr dankbarer
Eduard Sp.

[re. Rand] Es fehlt hier noch ein Brief v. Münch, in dem er mir die besten Erfolge prophezeit, <li. Rand> und mit Freude konstatiert, daß auch Riehl sich so geäußert habe.
[re. Rand,S.5] Von übermorgen an arbeite ich wieder im Ministerium.