Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. August 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 18. August 09.
Liebe Freundin!
Ich will doch versuchen, ob ich Sie noch auf dem Hermersberger Hof erreiche. Hoffentlich ist alles so schön geblieben, wie Sie und Frl. Knaps es in Ihren lieben Briefen beschreiben, die ich mit Freude und Erfrischung gelesen habe. Sie müssen gefühlt haben, daß ich Ihnen da nahe war, mit Ihnen im Walde saß (nicht wahr, Sie rochen den Cigarrenduft?) oder am Kaffeetisch. Das alles haben Sie und unsre Freundin mir so lebhaft geschildert, daß ich garnicht zu reisen brauche. Den Brief von Frl. Knaps beantworte ich gewiß; heute bitte ich Sie nur, ihr zu sagen, wie sehr ich mich darüber gefreut habe.
Eine besondere Freude haben Sie mir damit bereitet, daß Sie den "Humboldt" Ihr Buch nennen. Damit haben Sie ihn
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| in der Tat ganz verstanden. Und wie Bettina von Arnim ausrief: "Dies Buch gehört dem Könige", so kann ich schreiben: "Dies Buch gehört meiner Freundin."
Es muß doch etwas an den 500 S. dran sein. Das beweisen meine neuesten Schicksale mit Dilthey. Zum Mittwoch lud er mich ein; ich mußte absagen, weil ich bei Bocks eine Einladung angenommen hatte. Sonnabend lud er mich wieder ein. Er hatte einen langen Strumpf um den Hals und den Rheumatismus im Nacken. Wir drei (auch "Leni") disputierten über die Frauenfrage, dann las ich das Tageblatt, und endlich, während er sich einen Umschlag machen ließ, auf dem Sofa lag und erheblich schnarchte, mußte ich Unseliger Lyrik von Moerike vorlesen. Trotz allem war er sehr heiter und gemütlich u. kam wieder mit der Schleiermacheridee: ich sollte die 2. Aufl. vom 1. Bd
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| allein besorgen, nachher am 2. Bd mitarbeiten. Mit ein paar Worten deutete er die am 1. Bd nötige Arbeit an u. gab mir - lange zögernd - sein Handexemplar mit, worin übrigens auch einige Recensionen von mir (August 1908) notiert waren. Am nächsten Tage schrieb er mir einen eigenhändigen Brief, weich und poetisch: sein Zustand sei so elend gewesen, daß er sich nicht genau genug ausgedrückt habe; er wolle mir nur "innigen Dank sagen, daß ich mich des Buches seiner Jugend annehmen wolle" etc.
Ich habe nun in der Tat einige Punkte durchgesehen, weil ihn die Idee jetzt angenehm beschäftigt. Zur Durchführung kommt es ja doch nie; denn die Arbeit fordert eine große Energie; diese hätte ich wohl; aber zugleich noch seine Widerstände zu überwinden, habe ich weder genügend Zeit noch - bis jetzt infolge der Aussichtslosigkeit - genügende Lust.
Inzwischen haben sich nun neue Verwicklungen ergeben, die mir wichtiger sind u. von denen ich Ihnen doch sogleich schreiben will. Gestern war ich im Friedrichshain zum Spielen. Da stellte mir Frl. Ströhmann mit großer Ein
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|dringlichkeit vor: wenn ich doch wieder Stunden übernehmen wollte, warum nicht an St. Georg? Ich wiederhole Ihnen hier die Gründe, die ich angab, weil ich gern Ihren Rat in diesen Dingen haben möchte:
1) wird die Sache für die Schule, deren Besuchsziffer sehr heruntergegangen ist, zu teuer. Denn ich brauche für 4 Wochenstunden statt 45 M wie früher 50 M. Also pro Jahr statt 540 - 600 M. Außerdem wären mir 8 Stunden erwünscht.
2) konnte ich mit dem Direktor wegen s. Krankheit nicht offen reden, und wollte es nicht, um m. häufigen Besuche nicht anders motiviert erscheinen zu lassen, als sie in der Tat sind. Nicht K. selbst, aber Nahe- u. Fernerstehende könnten so urteilen.
3) besteht zwischen Frl. Beckmann u. mir ein Antagonismus, der jetzt um so übler wäre, als sie sowohl wie Frl. Ebel über mein Wiederkommen sehr pikiert wären.
4) [nicht ausgesprochen: gäbe ich gern Pädagogik]
Die Frage blieb in der Schwebe.
Nun meldet sich heute auf m. Annonce ein Schulvorsteher Böhm (Töchterschule u. Seminar) Invalidenstr. 11. Ich ging sogleich zu ihm hin.
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| Mein Gefühlseindruck war nicht sonderlich günstig. Ein altes häßliches Haus, ohne jeden Schmuck. Traurige Höhe. Er selbst ein weiß köpfiger Herr; Benehmen normal; aber die Jacke gefiel mir nicht. Das alles fiel mir natürlich nur deshalb auf, weil ich Knauers schöne Erscheinung, sein seelenvolles Wesen u. sein schönes Haus gewöhnt war. Außerdem kam es mir so vor, als wenn hier sehr ehrlich und sehr reglementsmäßig gearbeitet würde. Es war von Kräften die Rede, die lange Zeit da wären. Ob man da Freiheit finden würde? Meine Verhältnisse gefielen dem Mann sonst gut. 2 Kurse Geschichte und 1 Pädagogik käme wohl in Betracht. Deutsch nicht (hat der Sohn!!), ev. nur an der Schule. Festes wurde nicht verabredet. Die Sache ist also sehr fraglich; ich selbst habe gar nicht gedrängt oder mich bemüht; schließlich riskiere ich heute mehr als der betr. Direktor.
Ich denke nun doch mit Knauer offen zu reden. Sie begreifen, wie verwickelt für mich die Situation ist; bei K. hätte ich wohl weniger Arbeit, aber den gleichen
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| Zeitverlust. Hingegen griechische Geschichte am Seminar zu geben, wäre gerade nicht einfach. Auch die Pädagogik könnte an einem altmodischen Institut zur Zwangsjacke werden. Ich glaube aber, wenn mich Knauer Mo. Die. Do. Fr. 9-11 beschäftigen könnte, z. B. Deutsch u. Geschichte in I, Religion od. Rechnen in III, so würde ich das doch der mühseligen Ein- u. Unterordnung an fremder Stelle vorziehen.
Heute Nachmittag muß ich zur Beerdigung; der Bruder v. Käthe Ihlefeldt (33 J.) ist gestorben.
Gewiß hat sich mein Vater sehr über die Habilitation gefreut. Und den Stolz, zu dem er wohl Anlaß hatte, hat er auch gehörig herumgetragen. Jetzt aber hat er meistens die Stuben gescheuert, um die Portierfrau zu unterstützen. Sagen Sie mir doch, ob das eine normale Besoldung ist: der Aufwartung für täglich 8 - 12, gelegentl. - 1 monatlich 24 M, der Portierfrau für Kaffeekochen 2 M - = 26 M für Bedienung, wo wir das meiste dann allein besorgen, resp.
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| jeden angenähten Knopf extra bezahlen - ist das eine Ersparnis gegen über den Kosten eines Mädchens, das bei uns wohnt? Ich glaube es nicht. Daher mein Dissensus.
Können Sie mir nicht bei Gelegenheit Adresse u. Titel des Direktors der Frankfurter Stadtbibliothek mitteilen - Oberkonsistorialrat Ebrand oder so ähnlich? Ich will ihm auf den Leib rücken.
Das Wetter ist hier garnicht angenehm; immer gewittrig, dabei selten angenehm sonnig u. warm. Ich bin viel herumgestreift, meist ohne Genuß. Es sitzt noch etwas in meiner Stimmung, was mich lähmt u. gedankenarm macht. Dabei habe ich jetzt ein solches Ragout v. Arbeitsplänen, daß ich neugierig bin, ob je einer sich verwirklicht. Das Lehrbuch d. Päd. ist das schwerste, aber auch das Notwendigste. Als Vorlesung plane ich jetzt privatim 2 stünd. Der deutsche Idealismus von Kant bis Hegel 1781 - 1817. Als Publikum vielleicht: Geschichte des [über der Zeile] deutschen (höheren?) Schulwesens im 19. Jahrhdt. Es ist aber noch nicht fest, u. Sie würden mir eine Freude machen, wenn Sie
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| mir einige Themata nennen könnten, über die Sie mich gerne lesen hörten.
Kügelgen habe ich schreiben müssen, daß ich ihn nach Berlin nicht einladen könnte. Er hat mir darauf zwar äußerlich unverstimmt geantwortet, aber ohne ein Wort der Gratulation zum P. D. Seltsamer Mann!
Reisen Sie über Heidelberg zurück? Wann, wie, wohin? Bitte bald eine Karte darüber. Und von mir die herzlichsten Reisewünsche für Sie beide! Mögen Sie in Cassel Ihre Tante recht wesentlich besser finden! Wie lauten die letzten Nachrichten?
Für heute nun endlich Schluß.
Ihr treuer, dankbarer Bruder
Eduard.