Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23./24. August 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 23. August 1909.
Liebe Freundin!
Es tut mir herzlich leid, daß der böse Hals sich wieder bemerkbar gemacht hat. Etwa zu lange des Abends im Freien gesessen? Und dies trotz der guten Bewachung? Nun, hoffentlich haben Sie das oben auf der Höhe gelassen und merken am Neckar nichts mehr davon! Bitte um baldige Nachricht über das Befinden. Der Spirituskocher produciert inzwischen heiße Wünsche.
Ja aber - was für einen Casseler Plan entwerfen Sie mir da plötzlich? Es war durchaus mein Ernst, wenn ich immer wieder betonen mußte, wie wenig ich hier fortkann. An 8 - 10 Tage ist (leider!) unter keinen Umständen zu denken. Es wäre unverantwortlich, wenn ich meinen Vater so viele Abende und Nächte sich allein überließe. Wie wenig das geht, habe ich erst in den letzten Tagen wieder gesehen, wo er
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| sich nicht ganz wohl fühlte. Ich würde überdies durch den Gedanken an ihn mich beständig beunruhigt u. so ganz unfrei fühlen. Sie kennen ja mein eigentümliches moralisches Abhängigkeitsgefühl. Der ganze Gedanke unterliegt jetzt den großen Schwierigkeiten, die Sie kennen. Ein Genuß für uns beide würde sich kaum ergeben. Nur der Gedanke und der Wunsch, Ihre verehrte Tante kennen zu lernen, würde, wenn Sie die Lage in diesem Sinne (Sie verstehen mich) auffassen, veranlassen, auf 24 Stunden zu kommen, d. h. heute. Hinreise und am nächsten Tage Abreise. Diesen Entschluß würde zwar mein Vater kaum verstehen, und um so weniger, als ich ihm direkt sagen müßte, daß Sie die Mittel dazu hergeben. Ich stehe damit bei meiner mir durch und durch überdrüssigen Lage vor neuen Verwicklungen, die mir um so unwillkommener sind, als ich gern, herzlich gern jede Gelegenheit benützte, Ihnen meine große Liebe durch die Tat zu beweisen und mir selbst die Freude des schönsten Zusammenseins zu bereiten, das ich mir denken
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| kann. Andrerseits aber möchte ich mich bei meinem Vater auch nicht in den Schein eines rücksichtslosen Egoismus setzen.
Ich bin so gewöhnt, jeden freien Ausblick sogleich durch Nebel verhüllt zu sehen, daß ich im ganzen apathisch geworden bin. Wie ich mir die Sache zurechtgelegt habe, habe ich Ihnen schon geschrieben: Ich kann nur disponieren, wenn ich eigne Mittel habe. In dieser materiellen Richtung geht mein ganzes Denken jetzt. Sehr zur Unzeit legt mich nun, wo ich in bescheidenem Rahmen mich hier ausruhen müßte, Dilthey auf seinen Schleiermacher fest. Man reißt und zerrt von allen Seiten an mir, daß ich mich nur mit Mühe selbst behaupte. Ich möchte Sie daher auch herzlich bitten, mir nicht immer zu suggerieren, es könnte ohne Reise nicht gehen. Wie schwer es ist, fühle ich selbst. Leider aber muß es gehen, und ich muß mir diese Möglichkeit mit aller Gewalt einreden.
Mein Plan ist folgender: Ich ergreife, wenn sie zustande kommt, die Sache in der Invalidenstr. als ein Geldobjekt. Denn mit Knauer habe ich eine freundschaftliche Unterredung gehabt, woraus hervorging, daß er selbst für mich nichts Bestimmtes hat. Auf das Resultat seiner versprochenen Vermittlungen kann ich nicht warten. Realisiert sich die andre Sache, so muß ich Ostern spätestens reisen, weil ich keine großen Ferien habe. (½ Universität ½ Schule) Ostern also könnte ich 14 Tage ganz nach Ihrem Wunsch in Cassel oder Heidelberg verleben, vielleicht auch 8 Tage hier und 8 dort. Wenn die Vorlesung etwas einträgt, kann ich vielleicht auch schon zu Weihnachten auf einige Tage nach Cassel kommen. Jetzt geht es jedenfalls nur unter einer Vermehrung der Verwicklungen.
Dilthey ergreift mit einer mir fatalen Energie die Schleiermacheridee. Ein Stoß v. Büchern würde mir von s. Diener ins Haus gebracht. Sie sehen: es ist alles gegen mich verschworen.
Weiter kann und brauche ich mich nicht auszusprechen. Ich rechne auch hierin auf Ihr liebevolles Verständnis und auf Ihr Gefühl dafür, wie schwer mir das Schicksal das Dasein macht. Oder glauben Sie, daß mich irgend eine Freude an das kettete, was hier ist und kommen wird?
Mit herzlichen Wünschen für Ihre Gesundheit und herzlichen Grüßen den beiden Hermersbergerinnen
Ihr Eduard.

[re. Rand,S.1] 24.VIII. Eben erhalte ich Ihre liebe Karte; freue mich, daß Sie den Reiseplan durchführen konnten. Viele Empfehlungen an Ihrer verehrte Tante.
[li. Rand,S.1] Grüße an alle Bekannten, besonders auch Herrn Referendar Walther Hadlich.