Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2./3. September 1909 (Charlottenburg 2, Kantstr. 140)


[1]
|
Charlottenburg 2, Kantstr. 140.
Den 2. September 1909.
Liebe Freundin!
Bei der Fülle des zu Beantwortenden dürfen Sie es mir nicht übelnehmen, wenn ich vielleicht diesen oder jenen Punkt vergessen sollte. Zunächst erlauben Sie mir vielleicht, Ihnen zu erklären, weshalb ich so lange nicht geschrieben habe, m .a. W. wieder einmal sehr ergiebig von mir zureden. Es lagen mancherlei entscheidende Fragen vor, die mich intensiv beschäftigt haben. Ihr Verlauf ist kurz in den Hauptpunkten folgender:
Böhm wünschte mündliche oder schriftliche Sicherstellung der Unterrichtsgenehmigung von maßgebender Seite. Ich wandte mich darauf an Matthias, vortragenden Rat im Ministerium f. höh. Knabenschulwesen, den ich durch Korrespondenz kannte und sehr verehre. Der persönliche Eindruck entsprach ganz meiner Vorstellung. Aus meinem Anliegen wurde eine fesselnde Unterhaltung. Schwierigkeiten sah er garnicht;
[2]
| wollte aber mit Geheimrat Meyer (Decernent f. höh. Mädchenschulwesen) reden, den ich ja früher schon in ähnlicher Sache aufgesucht hatte. 2 Tage danach schrieb mir Matthias beiliegenden Brief. Meyer war noch viel liebenswürdiger, ergriff die Sache mit Interesse u. wies auf die Frauenschule hin, wo es gar keiner Genehmigung bedarf. Er schrieb mir 7 Adressen selbst auf und gestattete mir Berufung auf sich. Ich war nun bei Frl. Köster (Dessauerstr.), die ich nicht antraf, u. die auch bis heute (seit Montag) nicht schrieb, und bei Frl. Dörstling, die die Sache ad notam nahm, aber ebenfalls nichts Bestimmtes versprach. Für den Fall Böhm wurde Meyer nicht warm; er dachte wohl nur an Prima Anstalten u. die Neugründungen; ich weiß nicht mal, ob hierfür Genehmigungsschwierigkeiten bestehen. Aber während die neuen Aussichten doch alle nebelhaft blieben, bot mir Böhm heute Morgen alle gewünschten Dinge an. Ich ging nun nach der Sedanfeier zu Knauer, der mich bis morgen mit Entscheidung zu warten bat, da er erst dann einen Überblick haben werde. Nachmittag u. Abend
[3]
| benutzte ich zu intensivster Beratung mit meinem Vater u. Ludwig. Das Resultat, das ich hier nicht bis ins letzte motivieren kann, war, daß ich eben Knauer schrieb, ich verzichtete definitiv, und an Böhm, daß ich ihn morgen besuchen würde. Da K. die gebotene Möglichkeit nicht bedingungslos ergriff, so mußte ich zweifeln, daß für ihn ein voller Vorteil darin läge; auch fürchtete ich Mißdeutungen u. die (gegenseitige) Animosität gewisser Kollegiumsmitglieder. Bei Böhm hätte ich jährlich 1200 M. [über der Zeile] 8 Stunden. Es könnte ja nun sein, daß von andrer Seite sich noch eingünstigeres Angebot fände. Aber ich verliere mit Warten u. Suchen zu viel Zeit, und die Sache muß jetzt entschieden werden. Direkte Versagung der Genehmigung fürchte ich nicht. Aber Sie wissen: die Anstalt selbst erfüllt mich mit einigem Zögern. Es heißt aber hier einmal praktisch denken und rechnen. Die bekannte Geschichte von den Tauben auf dem Dach und in der Hand. Weiteres füge ich morgen noch zu.
Die Bilder gefallen mir sämtlich sehr gut; die technisch weniger gelungenen haben doch für
[4]
| mich einen freundschaftliche Anziehungskraft. So könnte ich Sie also nur von dem Ochsenwagen gutwillig dispensieren. Nr. 3 ist unzweifelhaft (selbst ohne alle subjektive Beurteilung) das beste. Wollen Sie mir also vielleicht dies aufziehen und Nr. 6; die übrigen schicken Sie mir vielleicht auch zurück, wenn diese Bitte nicht zu unbescheiden ist. Sie werden mir eine Erinnerung an Ihre Fahrt in die weißblühende Heide sein, die ich in Gedanken mitgemacht habe. Willes Rede, die Sie inzwischen schon als Drucksache zurückerhalten haben, hat mir rechte Sehnsucht nach dem gemütlichen, weinfreudigen Heidelberg erweckt, wie ich es 1903 kennen lernte, vor nun 6 inhaltreichen Jahren. - Es war mir erst seltsam, daß Scholz, bei dem ich Sonntag, ohne den Sohn, als einziger Gast war, nichts davon erwähnte. Da ich aber deutlich genug antippte, so ist ein Vergessen ausgeschlossen, und ich muß sein Schweigen in dem Familienkreise dahin deuten, daß er zu feinfühlig ist, derartige individuelle Beziehungen exoterisch zu behandeln. Er nimmt gewiß an uns teil; aber in dem Bewußtsein, daß ihm das Letzte doch verschlossen ist, hält er sich ganz zurück, oder redet doch nur unter vier Augen, zu gegebener Stunde davon. Jedenfalls habe ich auf die Dilsbergfrage vergeblich gewartet.

[5]
|
3.IX.
Ihre praktischen Ratschläge habe ich mit herzlichstem Dank empfangen. Wenn ich darauf nur erwidern kann, daß in mir unüberwindliche Gegen[über der Zeile] Widerstände dagegen bestehen, diese Dinge zur Aussprache zu bringen, daß mir aller Rationalismus in solchen Fragen verschlossen ist, so werden Sie mich gewiß verstehen. Ich bitte Sie innig und dringend, sich durch solchemomentane Verschlossenheit meinerseits nicht in Ihrem Interesse für meine Angelegenheiten irre machen zu lassen. Ihr Wort ist für mich stets von höchster Bedeutung; aber der Mensch ist eine Rätselnatur, und so kann ich Ihnen eben weiter nichts sagen als: ich kann nicht. Sie nennen das energielos. Zugleich aber sehen Sie doch, wie ich an der Fundamentierung des neuen Baues arbeite, gewiß nicht ohne manche herben Leiden und Momente der Selbstüberwindung.
Die ganze letzte Zeit stand unter dem Zeichen des Kampfes um Knauer. Sie allein sehen in diesem maßlos verwickelten Fall bis in die letzten Falten meines Herzens. Hören Sie also bitte weiter.
Heute Vormittag tat ich den entscheidenden Schritt zu Böhm. Er gefiel mir diesmal
[6]
| recht gut, war jovial, sprach mit Liebe von seinem Lebenswerk, betonte, daß es ihm nicht nur auf nominelle Erfüllung der Bestimmungen ankomme, sondern daß er mit der Anstellung akademischer Kräfte seiner Schule dienen wolle, daß er sich freue, eine so große Umwälzung noch zu erleben, kurz alles - ohne meine individuelle Stimmung - sehr nett.
Wie ich nach Hause komme, zetert der Briefträger an meiner Tür: -- Rohrpostkarte von Frau Knauer: ihr Mann ließe mich herzlich bitten, noch heute zu kommen.
Ich wußte, daß dieser Gang schwer sein würde. Je länger ich darüber nachdenke, um so deutlicher wird mir: Es ist wider die Natur, daß ich zu einem andern gehe. Wie viel Liebe, wie viel Arbeit habe ich in diese Schule gesteckt; wie sehr braucht sie als ganzes einen Menschen wie mich. Ich habe bis gestern Mittag glühend auf das Wort gewartet: "Kommen Sie zu mir; für Sie habe ich unter allen Umständen Platz" Stattdessen "warten Sie bis morgen nur noch; dann kann ich Ihnen sagen, ob ich Sie brauchen kann." Und nun
[7]
| war er tief verletzt, mühsam sich zur gewohnten Herzlichkeit zwingend; jetzt hätte alles sich einrichten lassen. "Wir haben auf Sie gefahndet." Ja, ich bin so harthörig? Das ist K.'s alte Art: Um 10 Uhr: "Ach kommen Sie um 11," um 11 Uhr: "Nicht wahr, ich sehe Sie um 12" etc. Er wußte, daß es sich bei mir um eine Lebensfrage handelte. So kann er mir keinen Vorwurf machen. Aber er steht nun vor der Notwendigkeit, die er gestern noch nicht einsah, einen Akademiker zu beschaffen, und er wird keinen bekommen. Bei mir kannte er Charakter, Wissen, Stellung zum Ministerium u. Provinzialschulkollegium - und er sagt in der entscheidenden Minute nicht: "Kommen Sie." Ich muß noch dazu die ganze Schuld auf mich nehmen. Vergleichen Sie das Konzept meines gestrigen Briefes. -Dieser Ausgang der Sache, ich fühle es, ist für mich ein Schicksal.
Genug endlich von mir. - Sie schreiben mir leider nicht, wie es mit dem Halse geht, der die letzten Tage auf dem Hermersberger leider so trübte. Darf ich daraus schließen, daß Sie nichts
[8]
| mehr spüren? Hoffentlich!! Und wie geht es der Tante? Bitte empfehlen Sie mich ihr und versichern Sie sie meiner verehrungsvollsten Gesinnungen. Herrn Kurt viele Grüße, und ebenso all Ihren Verwandten, besonders Herrn Walther.
Hans Hahn schickt mir - einen selbst verfaßten Kriminalroman; "Mac Orner, das Ende eines Verbrechens." Oben drauf erschießt einer den geneigten Leser mit dem Revolver. O what a beauty mind is there's overthrown!
Mit Dilthey neulich Abends lange Konferenz. (er war am selben Tag Großvater geworden.) Seitdem langes Exposé, Brief. Er schenkt mir alle seine letzten Schriften. Meinem lieben Mitarbeiter etc.)
Kennen Sie von Dehmel "Zwei Menschen." Ich werde modern, merken Sie?
Indem ich diesen Brief schließe, empfinde ich noch viel, viel deutlicher als Sie, wie allein eine persönliche Aussprache die vielen schwebenden Dinge klären könnte. Aber ich ehre den Willen des Fatums, das mich tyrannisiert. - Am 1.IX. feierte ich im Forsthaus Briese in tiefer schöner Einsamkeit Erinnerungen. Ein herrlicher Tag, wenn man mit lieben Gedanken allein sein darf. Innig Ihr Eduard.
[re. Rand,S.5] Freudenstadt, wie hast du dir verändert! aber Bild liegt in der Sache: ich erkenne eine [Kopf] typisch Freudenstädter Landschaft durchaus wieder.