Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. September 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 20. September 09.
Liebe Freundin!
Ich hätte Ihnen längst schreiben sollen; aber Sie haben mich mit dem Ochsenwagen so gekränkt, daß ich gemault habe. Nachdem ich aber konstatiert habe, daß es wirklich ein Kuhwagen ist, regt sich in mir wieder der Mu - t. Nun will das Malheur, daß Ihre letzte liebe Karte unter meinen Papieren hoffnungslos verschüttet worden ist, so daß ich die genauen Reisetermine nicht mehr nachsehen kann. Wenn morgen früh keine Nachricht kommt, schreibe ich über Cassel. Meine letzte Karte dorthin werden Sie erhalten haben.
Mein Urteil über die Bilder, zunächst die Qualität der Abzüge, ersehen Sie aus dem, was ich behalten habe. Es steht Ihnen frei, dagegen innerhalb 14 Tagen zu protestieren. Sonst verjährt die Sache. 2 andre hoffe ich noch zu bekommen.
Seit Sonntag vor 8 Tagen ist der Herbst hier garnicht mehr schön. Ich war noch oft draußen, Sonntags immer mit dem treuen Registrator; wir laufen dann parforce nach der
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| Uhr. Es ist nicht das richtige System, aber bitte schreiben Sie keinen Strafbrief. Das Wetter im ganzen wirkt auf mich ebenso wie auf Sie (allgemeine innere Verwandtschaft): ich schlafe gesegnete 9 - 10 Stunden ausgezeichnet, arbeite 3, laufe 2 und bin die übrige Zeit zum Umfallen müde, ohne Unternehmungslust, selbst ohne Freude an der Arbeit. Dabei waren doch immer auch Aufregungen. Als ich zuletzt bei Knauer war, erzählte Frau Direktor von ihrem Besuch bei Heubaum (dem für sie und Böhm zuständigen Provinzialschulkollegiumshilfsarbeiter, Prof. Dr., Schüler von Dilthey, tüchtiger Gelehrter) Die Bemerkungen über mich und Böhm waren etwas rätselhaft, vielleicht nicht ganz zutreffend. Ich mußte an der Genehmigung zweifeln. Gleichzeitig war Frl. Dörstling, die bestangesehene Schulvorsteherin, bei m. Vater und bot mir die gewünschten Stunden an. Natürlich war ich durch Böhm gebunden u. mußte absagen. Am nächsten Tage bekam sie - Ludwig. Ich schrieb an Böhm betr. seiner Resultate bei Heubaum, keine Antwort. Dann ging ich selbst hin. Dort keine Besorgnisse: ich sollte ihn selbst besuchen. Am nächsten Tage 1 Stunde vergebens gewartet. Heute endlich
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| traf ich ihn. Er war sehr liebenswürdig, freute sich, mich kennen zu lernen, und meinte, daß vorläufig die Sache keine Schwierigkeiten hätte. Nur zweifelte er an der Anstalt, da B. den Bedingungen kaum wird genügen können, u. nannte wieder Frl. Dörstling als das Musterbild. Böhms Sache geht an den Minister (daher wohl sein Interesse an mir). Sei's wie's sei: ich ziehe in ein Haus ein, das am 1. April 1910 abgerissen wird, und das ist kein schönes Gefühl.
Sie begreifen, wieviel Zeit mir das gekostet hat. Gleichzeitig nämlich arbeitete ich auf dem Centralbureau des Ministeriums, wo ich aufsehenerregende Funde an Denkschriften Humboldts gemacht habe. Da aber die Akten aus dem Bureau nicht herausdürfen, konnte ich mein schönes Zimmer [über der Zeile] Nr. 18 nicht benutzen und mußte Tag für Tag 8 - 10 Folioseiten abschmieren, in unbequemster Situation.
Das Interesse der Sache forderte nun eigentlich, solange ich so im Zssg bin, die Aktenstudien zu verwerten für die Humboldtmonographie bei Reuther u. Reichard, die Paulsen mir vererbt hat. Ich hätte hier im Winter die 500 M, die
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| Böhm für Oktober - Februar gibt, ebenso leicht verdient, und träte mit in die Konjunktur des Jubiläums ein, was R. u. R. sehr wünschen und vielleicht noch durch höheres Honorar belohnen würden. Das ist nun wohl unmöglich.
Lesen aber werde ich publice über "Geschichte des höheren deutschen Schulwesens im 19. Jhrhdt", wo ich für die ersten 4 Stunden diesen Stoff verwerte. Außerdem "Deutschen Idealismus v. Kant bis Hegel", doch werden m. Kräfte wohl nur gestatten, auch dies 1stündig publice statt 2stündig privatim zu lesen.
Die beiden Antrittsvorlesungen kann ich heute leider noch nicht schicken. Die 1. hat Knauer, von dem ich sie jedoch bald zurückfordern werde, die zweite will Meinecke bis zum 15. Oktober für die Hist. Zeitschrift ausgearbeitet haben (ein Objekt von 150 M.)
Es ist sehr viel Arbeit was auf mir liegt, und deshalb ist es mir angenehm, daß die Sache der Gertrud Bäumer vertagt wird. Viele Menschen mögen mein Schweigen u. Fernbleiben als Gleichgiltigkeit oder Egoismus auslegen; es ist einfach Notwehr gegenüber dem vielen, was
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| von mir gefordert wird. Denn am Schleiermacher arbeite ich auch noch.
Mir ist heute eine schwere Kränkung widerfahren, über die ich kurz hinwegkommen muß, um mich nicht von neuem aufzuregen. Hahn sandte mir einen Roman: "Mac Orner, das Ende eines Verbrechens." Ich schrieb ihm hierauf u. auf die Zusendung v. Bonfels' Epos "Don Juans Tod", was ich als ehrlicher Mensch lange sagen mußte: daß die sittliche Weltanschauung dieses Romans (wie der Aimée) mir unwürdig erschiene. Dies geschah im Tone warmer Freundschaft, und törichter Weise knüpfte ich persönliche Bekenntnisse über gegenwärtige Stimmungen daran an. Ich habe mein Vertrauen an einen Unwürdigen verschwendet, an einen Menschen, der seinen Maßstab in freundschaftlichen Dingen von einem Dritten nimmt. Sie ersehen den Verlauf aus den Briefen I. und II. Dem Brief II lag ein Originalschreiben [über der Zeile] cf. Abschrift v. Bonfels bei, das ich ohne ein Wort der Begleitung sofort zurückgesandt habe. Meine Seele schaudert
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| davor, jemals mit diesen Menschen Gemeinschaft gehabt zu haben. Daß meine Geduld mit einer blutigen Beleidigung belohnt wurde, werde ich wohl morgen auch verwunden haben. Damit genug davon.
Hoffentlich höre ich bald, ob und wie Sie in Heidelberg angelangt sind. Nicht wahr, Sie haben doch Geduld mit meiner jetzt so ungeklärten und inhaltslosen Verfassung? Ich empfinde es fast wie ein Unrecht, wenn ich meine Sorgen und Zweifel jemandem enthülle; aber ich weiß von Ihnen doch auch, daß ich sie der edelsten Seele der Welt ans Herz lege. Ich will vor Ihnen nichts scheinen, was ich nicht bin. Sie kennen mich mit allen meinen Fehlern. Aber Ihre Güte spricht mich los; ich wüßte nicht, wohin ich sonst flüchten sollte. Ihre Worte sind mir die Offenbarung einer besseren Welt; an Ihnen hängt für mich das Vertrauen auf seelische Gemeinschaft überhaupt. Sie behüten mich davor, daß mich die groß einherschreitende Gemeinheit zur Verzweiflung treibt. Man kann nicht jeden Augenblick des
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| Daseins Prophet und Philosoph sein. Daß ich trotzdem auch im Kleinen von Ihnen verstanden werde, ist mein Trost und mein ganzes, einziges Glück.
Mit innigen Grüßen, auch von meinem Vater,
Ihr kämpfender Bruder
Eduard.

N.B. Das Haarmittel habe ich vergessen. Bei mir ist dieses Leiden z. Z. erträglich; es hängt immer mit nachweislicher Überanstrengung der Kopfnerven zusammen. Dann benutze ich eine Mischung von Bay-Rum und Franzbranntwein, die sehr gute Dienste tut, und noch besser täte, wenn ich sie häufiger nähme. Sollte sich das Übel wieder stärker einstellen, werde ich Sie um das Recept bitten, das Ihnen inzwischen hoffentlich Befreiung von dieser Plage gebracht hat. Es gibt endlose Sorten von Quälerei!
Um die Beilagen bitte ich recht bald, damit die Sache aus der Welt kommt.
Herzlich
D.O.

[re. Rand] Herzliche Grüße ev. an die verehrte Tante!