Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. September 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 25.9.09.
Liebe Freundin!
Ich muß Sie vorweg bitten, diesen Brief, nachdem Sie ihn gelesen haben, zu vernichten.
Die von Ihnen gewünschte Aussprache hat heute stattgefunden, da die Entscheidung über die Wohnung getroffen werden mußte. Ihr Vorschlag bezüglich der Leibrente erledigt sich dadurch, daß garnichts mehr vorhanden, vielmehr ein Minus eröffnet worden ist. Ob es recht und klug war, es ohne mein Wissen dahin kommen zu lassen, hat gar keinen Sinn zu erörtern; genug, daß es aus den edelsten Motiven geschehen ist. Heute handelt es sich um die Zukunft. Ich empfinde, obwohl ich im ganzen nur dumpf empfinden kann, daß diese Privatdocentur teuer erkauft ist, um so mehr, als sie mir nicht nur allen Seelenfrieden, sondern auch das beste Teil meiner Gesundheit
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| gekostet hat. In diesem Zustande für einen ganzen Hausstand und Passiva allein sorgen zu sollen, ist eine fast hoffnungslose Aufgabe. Trotzdem ist sie die einzige, die ich jetzt habe. Es darf mich kein wissenschaftliches Motiv mehr bestimmen, sondern nur ein ökonomisches.
Ich möchte Sie bitten, mir, wenn möglich, gleich nach Empfang Ihre Meinung zu den folgenden Ver Punkten zu äußern.
Es ist undenkbar, daß ich eine Wohnung für 928 M halten kann; dazu kommen 110 M Stadtbahnabonnement. Der letztere wird kaum zu vermeiden sein; eine Wohnung unter 700 M ist ebenfalls nicht denkbar; da aber der Umzug 100 M kosten würde, so wäre es im ersten Jahr höchstens 1 Ersparnis von 100 M. Nun aber will mein Vater doch noch auf 1 Jahr Kontrakt machen; er spricht (was gar keine Art zu rechnen ist) von seinem baldigen Tode. Ich sehe darin das Gemütsbedürfnis, die Wohnung zu behalten; und wennschon ich den Entschluß für falsch halte, so würde ich dem gern nachgeben.
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| Denn die Lage ist in der Tat so, daß 100 M im nächsten Jahr den Kohl nicht fett machen. Haben Sie hiergegen ernste Bedenken?
Anders steht es mit den zahlreichen Lotterielosen, die mein Vater seit Jahren erfolglos spielt; die müssen fallen. Weitere Ersparungen sind kaum zu machen. Die Lebensweise meines Vaters muß unverändert bleiben; meine kostet im Winter nicht mehr, als das bißchen gesellsch. Repräsentation, das ich beibehalten muß, um mit meinen Kreisen in Verbindung zu bleiben. Das tägliche Quantum Bier und Cigarren kann verringert werden, doch nicht ohne Schädigung des Restes von Stimmung, den ich noch habe. Unter 4000 M wird kaum zu leben sein.
Meine nächsten Pläne sind nun folgende: Ich muß im Winter das 2. Kolleg, das ich ev. privatim lesen wollte, fallen lassen. Denn es bringt im besten Falle ca 200 M und kostet mir Kraft und Mühe. Stattdessen will ich auf Grund der gesammelten Akten das Buch für R. u. R. schreiben. [über der Zeile] (s. beil. Brief.) Zu bedenken ist dabei, daß meine akademische Carriere dadurch
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| verzögert wird. Aber das Buch liegt jetzt im Kopf fertig u. wird infolge der Konjunktur besser bezahlt. So sorge ich für den Winter. Im April findet sich dann vielleicht Rat. Mein Anschlag für den Winter ab heute ist dann folgender.
Minimum     Maximum.
Böhm600 M.600 M
Humboldt als Pädagoge.500.700.
Druck der Habilitationsvorl. in Hist. Zeitschr.150.200.
Frankfurter Zeitung.50.60.
Historische Zeitschrift40.50.
Heute bereits ausstehende Honorare20.20.
Auszahlung für die Diss.30.50.
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1390.1680.
Akademie min. 100 max. 150.1490.1830.
Das sind für einen nicht lesenden Privatdocenten bedeutende Posten. Aber natürlich kann ich eine große Vorlesung daneben nicht vorbereiten. Sie glauben garnicht, wie sehr mir zur wissenschaftlichen Arbeit Ruhe u. Gesundheit fehlt. Am meisten kränkt mich, daß sich mein Vater an seine Schwester gewandt, hat, die ich nicht lieben kann. Im nächsten Jahr hilft mir vielleicht auch das Ministerium durch eine Gratifikation. Denn
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| es war der einzige kluge Schritt meines Lebens, daß ich mein Buch dorthin sandte und diese Verbindung suchte. Ich bin jetzt dort an den höchsten Stellen schon ausgezeichnet bekannt. Dies beweist z. B., daß mir neulich Abends, als ich bei Paulsens war, der Ministerialdirektor Schmidt - er kam mit seiner Frau ins Nebenzimmer - etwas Geschäftliches bestellen ließ; persönlich kenne ich ihn garnicht.
Wenn ich dies erwäge und auf die geleistete treue Arbeit zurückblicke, so kann ich meine Wahl nicht bereuen. Aber glauben Sie mir: das Bewußtsein ist nicht leicht, mein Elternhaus durch diesen Entschluß zerstört zu haben. Ich kann kaum glauben, daß meine Mutter die Sachlage ganz gekannt hat. Sie hätte mich doch einmal so deutlich gewarnt, daß ich es hätte verstehen müssen. Freude kann ich an dem neuen Beruf, den ich gesellschaftlich garnicht realisieren kann, unmöglich haben. Jeder Kaufmannsgehilfe scheint mir seiner Unabhängigkeit wegen beneidenswert.
Verzeihen Sie diesen rein geschäftlichen
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| Brief. So wenig erfreulich er ist, so bedeutet er doch eine Klärung und eine Feststeckung des Ziels.
Ich wollte Sie dann noch bitten, denen, die Ihnen gegenüber etwa über meine Zurückhaltung im Schreiben oder Besuchen o. ä. klagen, anzudeuten, daß ich wohl mit inneren o. and. Schwierigkeiten zu tun hätte, u. mich dadurch zu entschuldigen. So z.B. bei Hermann, dem ich lange einen Brief u. eine nähere Erklärung schuldig bin. Sie werden schon einen Modus finden. Denn ich muß in der Tat mit der Zeit noch geiziger werden und kann Recepte, meinem Herzen zu folgen, jetzt weniger als je brauchen.
Herzliche Grüße auch an Frl. Knaps
stets Ihr treuer Bruder,
dem Sie unendlich viel sind und geben.

Herzlichen Dank für die beiden schönen Bilder!