Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Oktober 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 1. Oktober 1909.
Meine liebe Freundin!
Sie ahnen nicht, welche Fülle von Trost und Ermutigung mir immer aus Ihren Worten quillt! Es ist eine große Tat des Schicksals, Sie an meinen Weg gestellt zu haben; es gab mir darin die einzige Garantie, daß das Leben lebenswert ist, einen Glauben, der sonst vielleicht unter dem Druck der Realität wanken würde. Ihre Blumen kamen mir wie ein symbolischer Gruß dieses verborgenen Weltwebens, an einem Tage, wo ich vieles begrub. Aber es lebt alles noch in mir, und wie ein Triumphlied gegen den Sturm jubelt in mir diese Gewißheit, dieses Glück, daß ich genieße, wie es kein andrer gleich mir genießen, verstehen und erleben kann.
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Was ist es auch andres, was ich durchmache, als ein praktischer Kursus in der Ethik und Religionsphilosophie, ein Erfahren, ohne das es keine Vertiefung des Daseins gibt. Mit Wonne empfinde ich in Momenten der Kraft die Gefahr, die mir um die Schläfen spielt, und den stählenden Hauch dieses Windes. Ich bin hartgeglüht, ich habe mein Herz, sofern es bloßes Herz war, überwunden, und gehe einen höheren Weg.
Noch weit stolzer würde ich diesen Weg gehen, wenn ich mich frischer fühlte. Aber das liegt nicht an den fehlenden Ferien. Ich habe jetzt fast 2 Monate kaum mit halber Kraft gearbeitet. Das müßte eine Reise aufwiegen, wenn ich inzwischen einen Tag seelischer Ruhe gehabt hätte. Aber ich glaube, daß die beginnende neue Wirksamkeit mich kräftig genug finden wird, um mich durch die in ihr liegende Befriedigung erheben zu lassen. Denn dies ist es doch, was
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| ich brauche: den Anblick meiner lebenweckenden Kraft. Ich war am Montag zum Abschiedsfest der I. Kl. bei Knauer; Sie begreifen, mit welchen innerlich zerrissenen Gefühlen. Und doch hätten sie nichts davon gemerkt, wenn Sie mit angesehen hätten, wie ich von Anfang bis Schluß die ganze Jugend in Stimmung hielt. Dies ist mein metaphysisches Lebenselement, daß muß ich haben.
Auch bei Böhm und in den paar Universitätsstunden wird sich das finden. Es besteht garkeine Gefahr für den Winter, wenn alles gesund bleibt. Sollte dies aber auch nicht der Fall sein, so habe ich doch das zwecklose Schuldgefühl von mir geworfen: ich bin es nicht, der diese Welt geschaffen hat, und ebensowenig habe ich diese Situation geschaffen.
Unbegreiflich ist es mir, wie mein Vater sich so entschließen konnte. Nur das eine weiß ich, und das müssen auch Sie glauben,
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| daß nicht der leiseste Funke eigentlichen Leichtsinns dabei ist. Er hat in ausgezeichneten Verhältnissen gelebt, und es ist begreiflich, daß er, wenn auch ganz bescheidene, Ansprüche an das Leben stellt. Er hat das Leben vornehm behandelt, und, weiß Gott, mich noch weit mehr. Aber unpraktisch ist er doch wohl noch mehr gewesen als meine Philosophenseele. Denn was soll mir heut dies Danaergeschenk! Nehmen Sie eine Krankheit wie im vorigen Jahr - sie würde mich in die unglaublichste Lage bringen. Dabei spielt eine Art Religiosität mit, die ich nicht verstehe, ein Lebensfrohsinn, der mir fehlt: er lebt seit Jahren des Glaubens, der liebe Gott müßte ihn durch die Lotterie alte unverschuldete Verluste zurückerstatten. Und bei diesem Glauben hat er so wenig einen Finger gerührt, daß er selbst über die Chancen meiner Carriere sich nie orientierte. Ich habe immer gewußt, daß es knapp war; aber daß Gefahr wäre, daran habe ich nie gedacht, und bewußt hätte ich diese Verantwortung
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| nie auf mich genommen.
Es wäre ja finanziell für mich das Beste, garnicht zu lesen. Aber das scheint mir wieder zu sehr in der Gegenwart gelebt; also will ich es doch 2 Stunden versuchen. Wenn Böhm pünktlich zahlt, was leider nicht ganz feststeht, so liegen die Verhältnisse ja erträglich. Denn R. u. R. bieten mir für das Buch als Minimum 600 M, es können sogar 800 werden. Von Ihrem Fonds habe ich z. Z. noch 790 M. Dieser muß für ernste Fälle im wesentlichen bestehen bleiben. Von nun an werde ich ja einen deutlichen Überblick über die Finanzen behalten. Aber eine Ketzerei möchte ich Ihnen noch vorschlagen: ich möchte mit Ihnen Lotterie spielen, ein Los der Wohlfahrtslotterie für 3 M. Wenn Sie einverstanden sind, werde ich es besorgen. Ich verbinde damit gar keine theologische oder metaphysische Spekulation; aber es ist so eine Idee, die mir das liebe Gefühl einer gemeinsamen Unternehmung
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| gibt. -
Ein neuer trauriger Fall hat mich betroffen: mein Onkel Körner ist gestorben, eine unvergleichlich treue, edle und liebevolle Seele, die auch mir jederzeit viel Schönes erwiesen hat und das Haupt einer herrlichen Familie war. Er lebte in Steglitz mit seiner ebenso unvergleichlichen Frau. Am 5. August war er noch in der Universität, er nahm an allem so herzlich teil; obwohl er selbst nur noch ein dürres, krankes Männchen war, lief er immer noch mit Bouquetts und freundlichen Gaben umher; auch Mama hat ihn sehr lieb gehabt. Heut haben wir ihn beerdigt. Ein reiches Leben ist aus; ich kann nicht um ihn trauern, nur um die, die ihn verloren haben. -
Die persönlichen Beziehungen, von denen Sie mir schreiben, interessieren mich sehr. Von Meineckes Frau hörte ich sehr viel Ausgezeichnetes; ihn selbst liebe ich,
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| wie man jemanden durch Bücher und Korrespondenz nur lieben kann. - Försters "Jugendlehre" ist für heranwachsende Menschen als Lektüre gedacht. Für eine Mutter empfehle ich eher von unserem prächtigen Matthias: "Wie erziehen wir unsern Sohn Benjamin?"
Die Fragen betr. des Humboldt schreiben Sie mir vielleicht einmal kurz auf ein gebrochenes Quartblatt, so daß ich meine Antwort daneben schreiben kann.
Betr. des Euckenaufsatzes kann ich Ihnen nicht Unrecht geben. Sie sehen daraus, wie gefährlich es ist, journalistisch zu sehr tätig zu sein; man kommt zu leicht dahin, gegen die feinere Überzeugung zu schreiben. Es hat mich ohnehin gekränkt, daß beide Aufsätze in 1 Woche herauskamen u. es so aussehen mußte, als wenn ich der wirklich etwas kleinlichen Eitelkeit des sonst vorzüglichen Mannes opferte. Übrigens steht in der Fr. Z. auch viel Richtiges; Sie hören wohl ebenso einseitige gegnerische Stimmen. Die Wahr
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|heit liegt in der Mitte; der Mann selbst wirkt segensvoll. - Übrigens werden mir jetzt soviel Schlafstellen in Jena angeboten, daß ich garnicht genug ablehnen kann.
Heute schickte mir Frau v. Sydow den 4. Bd. der Humboldtbriefe.
Die Schulgeschichte beginnt, mir Freude zu machen, wie alle Gebiete, auf denen man eingehende Kenntnisse sammelt.
Ich war noch viel im Freien. Der Registrator ist doch ein ganz lieber verständiger Kerl; ein prächtiger Wandergefährte.
Ob das nun alles ist? Ganz sicher nicht; denn wer könnte sagen, was wir uns zu sagen haben? Aber Sie fühlen ja, was ich nicht ausspreche, und wissen, daß Caroline und Humboldt in der Größe ihrer Gemeinschaft nicht heranreichten an das, was wir uns sind.
Mit innigen Grüßen
Ihr Bruder Eduard.

Ich bitte um die Namen der kl. Zeichenkinder.
[li. Rand] Die Wohnung haben wir behalten.