Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Oktober 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 10. Oktober 09.
Liebe Freundin!
Ich habe die ganze Woche nichts von Ihnen gehört; das fehlt mir. Sie werden dies Geständnis nicht als unbescheidenen Anspruch auffassen. Es ist nun einmal so: am liebsten sähe ich Sie und spräche ich Sie alle Tage. Aber ich hoffe, daß frohe Tätigkeit und die beginnende Geselligkeit des Winters Sie angenehm ablenken, und daß Sie sonst recht frisch und munter sind.
Heute zur Einläutung des Sonntags und zur Erklärung dieser Sendung nur wenige Zeilen. Neben meinem Zimmer auf dem Kultusministerium haust der Geh. Kanzleidiener Eichelbaum, der neben seiner Hauptmission, Akten zu schleppen, noch einen schwunghaften Teehandel betreibt. Nach seiner Aussage kaufen die Vortragenden Räte alle diesen Tee. Ich sah
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| wohl, daß auch ich diesen Tee erwerben müßte, wenn ich Akten haben wollte. Anbei übermittle ich nun Ihnen das uneröffnete Paket und bitte Sie, es entweder als Vortragendenratstee, oder als Geheimkanzleidienertee oder als Eichelbaumtee zu probieren. Sollte sich der Inhalt als trinkbar erweisen, so male ich mir gern aus, daß Sie an Winterabenden mit unsrer Freundin beim Tee sitzen und freundlich auch meiner gedenken, den ich abwarten muß, ehe ich Tee trinken kann. -
"Und neues Leben blüht aus den Ruinen" darf ich außerdem von der vergangenen Woche sagen. Ich fühle mich wieder als Mensch, seitdem ich zu unterrichten habe. 4 Stunden habe ich schon gegeben - das wirkt Wunder. Sie können sich die Spelunke bei B nicht schauerlich genug denken, die Unordnung und den Trödel der ersten Tage aber über hauptnicht denken. Und doch - die Sache gefällt mir; denn, wie es scheint: der Hauptzweck gedeiht. Im Kollegium sind einige vertrauenerweckende Gestalten (besonders
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| meine Ordinaria) und man hat den Eindruck allgemeiner Arbeitsfreude. Der olle Direktor (nur so!) ist von einer saugroben Bonhommie und versicherte nur, er wüßte garnichts mehr, aber er hat die Sache im Zug. Die Klassen sind folgende:
1) Die II. Schulklasse (die I. existiert z. Z. nicht.) hat 39 Schülerinnen, von tadelloser Disciplin, entsetzlich ernst, anscheinend normal begabt. Einige versprechen Interesse auf beiden Seiten. Thema: Schiller u. Wallenstein zunächst, also bekannte Sachen. In der Klasse finde ich, was mich beinahe ergreift, die Tochter meines ehemaligen sehr verehrten Lehrers Lüpke, der vor 6-7 Jahren gestorben ist. Sie kennen ihn wohl auch vom Onkel Schwalbe her.
2) Die III. Seminarklasse. 7 Teilnehmerinnen, die es mir hoffentlich verzeihen, wenn ich sie vorläufig für Gänse und sehr unbegabt halte. In dieser Klasse ist "Psychologie des Kindes" Thema u. das Buch von der Gertr. Bäumer, das ich fortsetzen soll, eingeführt. Ich kann also in den Resumés und Diktaten, die ich hier gebe, den Grundstock zu m. künftigen Buch legen, ein sehr glückliches
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| Zusammentreffen.
3) Die I. Seminarklassen. 23 Damen, grandes dames, ich ersterbe vor Respekt. In der 1. Stunde rede ich überall immer erst allein, um mich selbst zu produzieren, man kann dann etwas verlangen. Diese Rede nun tat hier große Wirkung, alles war still und gespannt, als ich einen Überblick über die Entwicklung der Pädagogik von der Reformation bis Ellen Key gab. Dies ist das Thema. Morgen kommt der Orbis pictus. Ich werde viel verlangen und die Leistungen möglichst steigern. Das Beste ist doch, daß ich auf diese Weise all diese Dinge selbst erst lerne und so ein Kolleg über alle Zweige der Pädagogik allmählich vorbereite.
Auch m. Vorlesungen stehen jetzt am schwarzen Brett: Mittwoch 5-6 publ. Gesch. d. höh. dtsch. Schulw. Dienstag 6-7 Übungen üb. Schleiermacher. Freitag 5 ½ - 6 ½ Sprechstunde (die erste vorgestern hielt ich in Pankow.)
Schrieb ich Ihnen schon, daß der Kontrakt mit R. u. R. definitiv, und zwar Minimum 600 M, Maximum 720 M? Aber ob ich das bis 1.II. schaffe bei der andern Arbeit?
Für heute nur diese flüchtigen Nachrichten. Herzliche Grüße auch an Frl. Knaps.
Ihr treuer u. dankbarer Bruder Eduard.