Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Oktober 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 19. Oktober 1909.
Liebe Freundin!
Es wird nicht viel Vernünftiges sein, was ich Ihnen in dieser vorgerückten Nachtstunde schreiben kann. Aber mein Herz drängt mich so sehr dazu, daß ich lieber unvollständig sein will, als zögern.
Zunächst noch einmal herzlichsten Dank! Ich habe mich - leider - gewöhnt, von Ihnen Ideelles und Materielles so passiv zu empfangen, daß ich gar keinen Einspruch gegen zu große Opfer mehr zu erheben wage. Z. B. das Fundament des Birnenkorbes. Eine dunkle Ahnung sagt mir, daß hier garnicht einmal ehrlich geteilt worden ist, sondern daß Sie das Ganze zur Hälfte gemacht haben. Undank ist der Welt Lohn. Sie sehen, ich zweifle ernstlich an Ihrer Ehrlichkeit. Und dann: ich schwimme ja durch Sie noch so im Besitz, daß ich tatsächlich den Betrag zu dem übrigen lege, duldsam wie ein Lämmchen, weil ich mir sage, daß
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| zwischen 1150 und 1250 kein Streit entbrennen soll, da Zahlen vor der Liebe versinken. Dies bitte ich Sie doch ja noch einmal von mir anzuhören, daß nur zwischen uns dies möglich ist, und da nun freilich mit Freuden und ohne Bedrückung, so lange ich mich nicht im ernsten Sinne unwürdig fühlen muß. Lassen Sie mich nun auch fragen, ob Sie denn der Weisung aus Frankfurt, sich zu erholen, ebenso ernsthaft nachkommen, wie ich mich der Parole aus Heidelberg füge? Allerdings die Zeit zum Ausruhen ist hier vorbei; das Wetter lacht, ich war eben noch eine Stunde in Pankow, wollte auf den Friedhof, von dem ein Menschenschwarm mich fernhielt. Aber sonst ist Hochsaison, und ich bin froh, daß es zunächst ohne Überanstrengung geht. Das Manuskript der Antrittsvorlesung ist eben fertig geworden, im Rohbau, 43 Folioseiten = 160 M., wenig für die dahinterstehende geistige Leistung. Teubner drängt, eine Darstellung ähnlicher Art für die Freiheitskriege von mir zu erhalten.
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Ihre treue Fürsorge erkenne ich auch aus dem Mantelprojekt. Hier aber erlauben Sie mir eine dankende Ablehnung. Ich habe noch einen gut tragbaren Überzieher, und es wird mir schwer, mich gerade in diesen Kleinigkeiten umzugewöhnen. Lassen Sie mich also mit Schiller sagen: Wenn erst der Mantel fällt, dann muß auch der Herzog fallen. Denn zum Diogenes hat mich meine Philosophie nicht geschaffen. Seit ich weiß, was notwendig ist, werde ich, die Gesundheit vorausgesetzt, auch dafür aufkommen. Nichts als die schwankende Gesundheit kann mich zweifeln lassen, da ich nicht künftig das Finanzministerium nach vernünftigen Grundsätzen führen werde. Und da denke ich nun so: alles das, was ich wegen dieser schwachen Gesundheit über das Entschuldbare brauche, nehme ich aus Ihren Mitteln, froh und frei, wie ein Bruder von der Schwester.
Die hübschen Ansichten und Verse schicke ich das nächste Mal mit zurück; darf ich?
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| Nun Einzelheiten: Wie kommt der Wolf (ich meine den Rudi) unter die Schafherde? - Wissen Sie bestimmt, daß Hermann in Berlin war? Ich schäme mich, daß ich seine letzte Karte noch nicht beantwortet habe; aber Sie sehen hier meinen jetzigen Stundenplan:
Montag.DienstagMittwochDonnerst.FreitagSams
9-10Deutsch Schule II.DeutschDeutsch.Deutsch<unleserl.>
10-11Gesch. d. Päd. Sem I.Psychol. Sem III.Gesch. d. Päd.Psych.
11-12
}Sprechstunde
5-6Gesch. d. höh. Schulw.}
6-7Übungen.
7-8
+ 5*39 Aufsätze.
Meine Lieblinge sind natürlich die Kinder. Die fangen schon ganz nett an, mich zu verstehen. Sie leisten alles, was man will: Fleiß, Lümmeleien gelegentlich und viel Munterkeit. Respekt enorm. Hulda Maurer, Elisabeth Lüpke und einige andere treten schon hervor. Vorbildung gut, aber ohne tiefere Geisteskultur. Ich bin ungeduldig darauf, bald einmal individuell werden zu können. Auf die geplante Schillerfeier am 10.XI freut sich die Gesellschaft riesig. Sie wollen an die Maria Stuart heran. - Seminar III ist dumm, ach du lieber Gott, es ist zum Selbstbemitleiden; aber gut
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|mütig und willig; nur der Geist ist schwach diesmal. Seminar I versteht mich ausgezeichnet; bisher die intelligenteste Gesellschaft, die ich gehabt habe. Ich glaube, das Gefallen ist gegenseitig. - Und damit das Selbsturteil nicht fehle: ich selbst bin nicht so heiter und regsam, wie bei Knauer; es liegt eben doch viel dazwischen; aber vielleicht kommt es wieder. Außerdem habe ich Gaudigs falsche Methoden probiert; ich muß auf andre Wege zurückkommen. Darin besteht eben das göttliche Lernen.
Neulich war ich bei Dilthey; er war sehr dankbar, aber die Arbeit selbst hat natürlich keinen Fortschritt. Adolf Körner war der Bruder der ersten Frau meines Vaters, also eigentlich kein Verwandter von mir, aber ein prächtiger Mensch.
Sie haben mir nicht gesagt, ob meine Skizze in der Hist. Ztschr. Ihren Beifall hat. Aber ich sehe, daß m. Handschrift kaum noch zu lesen ist. Also nur noch dies eine: Bitte sagen Sie unsrer Freundin, daß ich mit herzlichster Dankbarkeit Ihr Gedenken empfinde, aber im Augenblick noch versehen bin und deshalb bitte, mir nicht übelzunehmen, falls ich Ihren
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| sehr herzlich gemeinten Plan durchkreuze.
Bald mehr. Leben Sie herzlich wohl und seien Sie innigst gegrüß tvon Ihrem dankbaren Bruder
Eduard.

NB. die Wohlfahrtslotterie ist eine Silber- und Edelsteinlotterie. Ich will in mich gehen; wenn ich es passend finde, wollen wir uns ev. der Roten-Kreuzlotterie anvertrauen? Ich hoffe nichts und sehe in der Sache nichts weiter als ein rohes Roulett, das einen für einige Zeit billig unterhält. Gewinn wäre es für mich, wenn ich nach Heidelberg kommen könnte. Und dies Schicksal möchte ich doch einmal herausfordern.