Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. November 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 1. November 09.
Liebe Freundin!
"Das Mögliche soll der Entschluß etc.", nur daß vom "Muß" keine Rede ist, sondern es mich drängt, diese kurze Abendstunde dadurch zu heiligen, daß ich Ihren heutigen lieben Brief sogleich beantworte. Und zwar der Reihe nach.
Der Aufsatz "vom Verstehen" hat für mich eine prinzipielle Bedeutung. Und es kümmert mich den Teufel, wenn daraus keine Wissenschaft werden kann. Dann muß es eben bleiben, was es ist, Takt der höhergebildeten Naturen, ein Vorrecht reich entwickelter Geister, die dem Handwerk (à la Eulenburg u. Max Weber) überlegen sind. Nur so viel ist klar, daß wissenschaftliche Einsichten als Hilfsmittel der Reflexion mit eintreten. Anbei folgt die 1. trockne Antrittsvorlesung; die 2. wie gesagt lieber im Druck, obwohl dort die rednerische Form zerstört ist, die aber auch nicht auf der Höhe war.
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Herzlichen Dank für die Druckfehlerliste. Es war mir ein eigenes Gefühl, als ich die Stellen nachschlug u. nicht nur die Fehler im Satz, sondern auch die stilistischen Mängel bereits verbessert fand: wir sind doch immer einer Meinung A - m Individuum ist Absicht, dem Sinn gemäß, hätte aber fast fett statt gesperrt gedruckt werden sollen. S. 57 fiel auch mir auf, steht aber so im Original. Den Plural Genies vermeide ich. Die lateinische Form ist weniger abgegriffen.
S. 445 spricht Humboldt. Als ich in Griesbach sprach, meinte ich natürlich wie er die belebende Leidenschaft, und ohne die möchte ich in der Tat noch heute nicht leben.
Humboldt ist ein geschliffener Stein; R. M. Meyer hat recht; auch ich liebe diese alleitige Kühle und Erlebnislosigkeit nicht. Sehr gefiel mir in diesen Tagen ein Wort, das ich bei Friedr. Schlegel fand: (das ich nun schon ½ Stunde vergeblich suche, so daß die beste Zeit verrinnt) es müsse ihm doch endlich bedenklich werden, sich so in alle möglichen Personen gleichmäßig hineinzuversetzen.
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Was Sie über "ästhetisch" sagen, ist sehr treffend. Das Merkwürdige ist bei mir, daß ich das Reich dieser Macht so weit ausdehne und dabei doch jeder rein ästhetischen Lebensauffassung feind bin. Für mich ist das Ästhetische Abglanz höchster Weltrealitäten, also mehr als Spiel. Deshalb kann ich auch in kein Theater gehen, weil keine Darstellung meiner Idee genügt.
Dispositionen für die Weihnachtsferien sind leider ganz ausgeschlossen, liebe Freundin. Erinnern Sie mich nicht an Ketten, die die Gewohnheit leichter macht. Ich darf über meine Situation nicht nachdenken, wenn ich nicht einschneidende Entschlüsse fassen soll, die vielleicht verfrüht wären. Nicht der Preis einer Reise kommt in Betracht, sondern allein die Tatsache, daß ich hier nicht fortkann, leider, schlechterdings nicht, ehe nicht Änderung geschaffen ist, oder ich ganz kaput bin.
Sie fragen nach dem Los. Sie sehen meine kühle Beurteilung dieser Sache daraus, daß ich noch keinen Schritt getan habe.
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| Sollte es noch geschehen, erfahren Sie sofort die Nr zur Benediktion.
Wie Sie doch immer das Rechte mit feinem Sinn treffen! Was Sie über die Spezialisierung auf Pädagogik sagen, ist mir aus der Seele gesprochen, vielmehr: macht mir ein dunkles Gefühl klarer. Gerade meine gestrige Antrittsvisite bei Erdmann brachte mir zum Bewußtsein, daß ich diesen Herren gegenüber eine falsche Karte mit der Pädaggogik ausspiele. Es reifen keine Birnen auf diesem Baum. Aber dies werden Sie wohl auch billigen, daß ich - bisher ein Ignorant auf diesem Gebiet, das laufende Semester einmal ganz der Pädagogik widme. Zur Philosophie ist doch keine innere Ruhe. Darin jedoch haben Sie sehr, sehr recht: Ich muß mich hüten, diesen Plan zu einseitig zu betonen. - NB. ad Erdmann: er fällt wie ein Stein vom Himmel in die Berliner Universität, hat von den Verhältnissen nicht die blasseste Ahnung und wäre Kleinstädter, wenn er nicht so durchtrieben wäre.
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| Die Docenten kannte er nicht einmal dem Namen nach, geschweige mich. Pädagogische Verhältnisse scheinen ihm nur aus großer Distanz bekannt.
Die falschen Methoden Gaudigs beruhen auf der Idee: Themata zu verteilen und dann einen Gesamtgedankenkreis zu erarbeiten, z. B. die Charaktere eines Dramas o. ä. Dazu sind die Kinder noch nicht reif; man muß mit ihnen Zeile für Zeile lesen und sie auf die Punkte hinstoßen, wo Fragen zu stellen sind.
Sie sind mit Ihrer Lehrtätigkeit nicht zufrieden Wie sehr empfinde ich das nach. Ich darf sagen, daß ich nie unpräpariert bin; aber wir sind einmal so - töricht, immer eine erstklassige Leistung von uns zu verlangen, ohne zu bedenken, daß wir doch mit sehr unvollkommenen Menschenseelen zusammenarbeiten, die unsre besten Absichten durchkreuzen. Ich bin tief verstimmt, wenn kein rechter Zug in der Stunde war. Aber ist das denn möglich, daß jede Stunde auf dem Gipfel der Vollendung steht? Das
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| Das Seminar hat so gut seine Montagsstimmung wie die "kleinen" Schulmädchen. Und ich - leider - habe sie auch, obwohl nicht immer gerade Montags. Es steht auch nicht in meinem Kontrakt mit dem lieben Gott oder Böhm, daß ich nur Prima-Ware liefern soll. Mein alter Buchbinder hat Recht: "Manchmal hat der Deibel sein Spiel!"
Thoma - ich bin nicht ungläubig, aber leider unwissend. Als ganzes ist mir dieser Mann nicht aufgetreten. Aber Ihre Charakteristik ist so plastisch, daß das Wenige, was ich von ihm kenne, sich zu einer Gesamtvorstellung abrundet.
Heute haben Sie doppelten Besuch. Ich bin begierig, was Sie mir davon berichten werden. Bitte schreiben Sie bald ein paar Worte.
Endlich sprechen Sie von den Cigarren und fragen nach dem Schlaf.*) [Fuß] *) Ach du lieber Gott - 10 Stunden reichen kaum! Schweigen ist Selbstanklage. Unter 3 am Tage geht es nicht, und wenn ich alle nähme, die mir die
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| Kollegen in ihren verräucherten Wohnungen bei den Antrittsvisiten anbieten - es wäre nicht zu zählen. Ich brauche dieses Mittel für die Stimmung. Unerträglich wäre die Last der Einsamkeit mit ihrem Nachdenken ohne diesen ablenkenden Gott. Es ist doch so viel Dunkles in diesen Räumen, das man nur durch Rauchwolken betrachten mag. Die Zeit der Prüfung ist noch lange nicht vorbei. Das Neueste ist nun wieder, daß der tägliche Umgangsfreund meines Vaters, Baumeister Strück, den er täglich beim Frühschoppen traf, ein wirklich guter Mensch, gestorben ist. Er hatte Kehlkopfkrebs, ging sofort nach Konstatierung in die Klinik, wurde operiert und starb nach 14 Tagen. Die Rückwirkung auf meinen Vater ist sehr ungünstig. Es geht ihm garnicht gut. Ich selbst stecke bis über die Ohren in Gedanken und Arbeiten, Arbeiten, die doch wahrhaftig nur dringend sind, weil ich leben muß.
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| Und Sie können es mir glauben - nur ungern rede ich auf einen Moment davon - daß es selbst für einen vorurteilslosen Privatdocenten schwer ist, des Abends am Herd zu stehen und Suppen zu kochen. Für meine Mutter konnte ich es. Hier frage ich mich doch immer: mußte und konnte es vernünftigerweise dahin kommen?
Ich habe diesen Monat baare 210 M eingenommen, darunter das traurige Honorar der Frkfter Zeitung von 40 M, das mich sehr enttäuscht hat. 37½ M für die "Grundlagen". 33 M Historische Ztsch. 100 M Schule. Der monatliche Durchschnitt kann sich auf derselben Höhe halten; aber das Entmutigende ist: das Faß hat keinen Boden.
Um nun zu Tagesneuigkeiten überzugehen, so reist Knauer morgen nach P Mentone an der Riviera. Seine Schule ist wohl definitiv aus den höheren auszuschalten; denn die benachbarte Konkurrenzschule ist anerkannt, [über der Zeile] (Böhm noch nicht.), während er nicht 1 Akademiker, gegen mindestens 8 (!) bei Böhm hat. Klara Runge schreibt, sie empfände dies als ein deprimierendes Gefühl, ihre Schule so degra<li. Rand>diert zu sehen.
Mit dem Humboldt-Buch fange ich zwischendurch schon immer an. Ich kenne jetzt die Jahre 1809/10 so wie 1908/09. (S. 12) Übrigens scheint der Rousseau rechten Beifall zu finden. Diederichs aber läßt mich davon nichts erfahren. Nachdem mir das Schicksal auch wieder Schülerinnen gegeben hat, in denen etwas von dieser lebendigen Saat aufgehen wird, fühle ich mich an meinem Platze.