Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. November 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 12. November 1909.
Liebe Freundin!
Mit herzlichem Interesse habe ich gelesen, was Sie mir von den Eindrücken Ihres Besuchs schrieben. Es ist einmal Ihre schöne Gabe, an fremdem Leben wie am eignen teilzunehmen, und so verstehe ich, wie Sie dieses Gefühl beschäftigt, ja wie Sie vielleicht in Ihrem Zartsinn auch das nur Geahnte mit Schmerz empfinden. Es ist eine alte Wahrheit, daß jedes erstrebte Glück enttäuscht, wenn man es besitzt. Und daß diese Erfahrung Ihrer Schwester noch lebhafter aufgeht, als sonst vielleicht jungen, aus einer Phantasiewelt herkommenden Frauen, ist zu begreifen. Aber ist das nicht eine ganz notwendige Entwicklungsstufe? Wirklich, es gibt wenige junge Mädchen, für die nicht mit der Ehe eine neue Lehrzeit begönne. Im ganzen ist sie doch der Ausbildung des Charakters von Segen. In dem, was Sie schreiben, finde ich eigentlich nur etwas, das mich objektiv beunruhigt: "Er kann brutal sein; das fühlt man." Wie seltsam
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| sind doch die "anderen Hadlichs" darin, daß sie sich nie aufschließen. Ich meine, wer Sie nun gar zur "leiblichen" Schwester hätte, der müßte einen solchen Tag in Heidelberg benutzen, um sich das Herz frei zu reden. Sie haben eigentlich nichts gehört, als das Bekenntnis, daß sie sich nie in Berlin eingewöhnen würde. Wie natürlich, wenn man in einen fertigen, nicht selbst geschaffenen und miterlebten Kreis von Geselligkeit hineinkommt. Wie sollen diese beiden Menschen sich näherrücken, wenn ringsum Beruf und geheimrätliches Wesen all das ersticken, was doch die Frau am Manne zunächst sucht: die herzliche Gemeinschaft. Vielleicht fehlen nur diese Stunden, ihm die Zeit, ihr der freie Genuß. Die echte Zuneigung beider ist durch diese äußern Fesseln gehemmt. Lassen Sie also diesen Seelen noch Zeit, sich ineinander zu finden. Daß dabei der große Kampf auf ihrer Seite liegt, ist ganz klar. Aber wenn nur etwas Charakter und wirklicher Edelsinn in ihm ist, so muß das kommen, wenn auch nicht alle Blütenträume reifen. Wem würde dies zuteil? Freuen Sie sich also, daß beide zu Ihnen kamen, und seien Sie der Schwester
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| dasselbe, was Sie mir sind: eine verstehende, treue Gefährtin, so wird auch aus diesen Erfahrungen etwas Gutes emporblühen.
Ich komme zu den übrigen Punkten Ihres Briefes. Zunächst füge ich, obwohl ich eigentlich keinen angespitzten Bleistift besitze, den Umriß meiner Uhr bei, und zugleich nachträglich die devotesten Entschuldigungen wegen meines Zweifels an Ihrer völligen, zahlenmäßigen Ehrlichkeit.
Daß Sie schon wieder an Weihnachtsgeschenke denken, bedrückt mich fast. Sollte es nicht am besten sein, diesmal das Fest still und ohne Einkehr schmerzlicher Gedanken vorübergehen zu lassen? Dann aber: Dies Bücherbrett wäre eine viel zu große Arbeit. Und außerdem müßte dann mein lieber Dilsberg von meinem Augenpunkt beim Schreiben weichen. Dies aber würde mir sehr schmerzlich sein. Also bitte ich Sie, von diesem Gedanken abzusehen. Soll ich durchaus für später einen Wunsch äußern, so fehlt mir ein würdiger, aber recht geräumiger, zukunfts- <Tintenfleck, schließt es in Viereck ein, mit den Wörtern: »pardon! ein gutes omen!«> froher Behälter für Ihre Briefe, dem man schon äußerlich ansähe, daß unser Wahlspruch AEI ist.
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Das Honorar der Zeitschriften unterliegt einem festen Satz, nicht so der Zeitungen. - An den Grundlagen verdiene ich, so lange ein Stück verkauft wird, von jedem Exemplar 1,50 M.
Sollte ich eine Woche der Art erleben, wie die Arbeit vom Montag zum Mittwoch, so würde ich der Sache erliegen. Aber es waren doch arbeitsfrohe Tage. Ich konnte mich auf die 3 Vorträge deshalb nicht präparieren, weil ich vom Freitag zum Sonntag 38 Aufsätze zu korrigieren hatte. Die Arbeiten waren doch recht schwach und unreif. Aber vollendet war der Aufsatz der graziösen kleinen Dora Hannasky, die, laut vertraulicher Aufschrift des Etiketts, am 14.3.1895 geboren ist. Ganz meisterhaft. Sonst wenig hervorragende und viele herunterragende. Aber das wird zuverlässig bald anders. Ich bin sonst mit der Klasse sehr zufrieden. Sie hat so ein natürliches Vertrauen zu mir, und wir haben uns schon recht lieb.
Ein Triumph war wieder einmal die Schillerfeier. Meine Ansprache entstand auf der Straße unterwegs. Was ich im Kopf hatte, schmierte ich Dienstag Abend hin und liegt bei. Die Feier begann 10 Uhr in der Turnhalle. Das weibliche Kollegium war vollzählig.*) [Fuß] *) Ich bin da nämlich ein interessantes Objekt. Obwohl ich maßlos
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| abgearbeitet war, faßte mich doch in dem Augenblick, als ich eine gut gesungene Motette hörte, eine begeisterte Stimmung, und ich sprach mit einem Feuer, das sichtlich alle in Bann hielt, obwohl die Gedanken zu hoch waren. Mit dieser rednerischen Verve bin ich eigentlich in meinen besten Momenten noch nicht aufgetreten. Dann folgten Deklamationen und Chöre des Seminars, gut eingeübt, aber schwunglos. Zum Schluß die von mir einstudierten Scenen III 1-5 der "Maria Stuart".

Maria - Berta Claaßen
Elisabeth - Else Jacobus
Hanna K - Dora Jürgens (Lehrerstochter Ber<-unles.>)
Paulet - Elisabeth Borries
Schrewsbury       - Frida Ewert
Lester - Anna Baumgärtner
Souffleuse - Helene Heckmann
Gifthorn - Luise Hennicke am Klavier.
Ich saß in der vordersten Bank und verfolgte den Text. Meine Vorbereitung hatte sich, abgesehen von der eigentlichen Regie, darauf beschränkt, nichts zu hindern. Die Wirkung war unbeschreiblich; ich habe sie im Theater in der Form nicht erlebt. Immer atemloser lauschten die Zuhörer. Tief erschütternd und naturwahr wirkte
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| diese von Routine unentstellte Auffassung. Alle waren sichtlich ergriffen. Das Kollegium blieb noch ½ Stunde zusammen und sprach von der Aufführung. Mir wurde gegen mein Verdienst zugemessen, was den jungen Schauspielerinnen gebührte. Alle hatten das Gefühl: dies war einmal eine besondere Feier. Selbst der "olle" Direktor drückte mir die Hand: "Das war eine recht würdige Feier; Schiller selbst hätte seine Freude daran gehabt." Und so noch am nächsten Tag. Er ist ein Original, eine Seele in knotiger, uralter Manier. Er frißt mir das Frühstück aus der Tasche. *) [li. Rand] *) Und läßt sich hinter Glasscheiben angesichts des Publikums rasieren. Ja er hat sogar am Dienstag meinen Unterricht inspiziert, was ich eigentlich nicht liebe; aber es ging sehr gut. Ich bin jetzt absolut sicher im Unterricht.
Während wir noch sprachen, brachte die Ordinaria Frl. Thümmel die Nachricht, daß Hanna Kennedy dicke Träne heule, weil ihre Verdienste nicht gewürdigt seien. Ich ging gleich in die Klasse und bestätigte durch einen zweiten Handschlag unsre Zufriedenheit. Das muß man tun; die Mädchen sehen dann eine doppelte Lichtgestalt. Als ich mit dem Sohn des Direktors fortging, hatte sich die Klasse in 2 Abteilungen vor
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| der Tür postiert, um mir noch eine Ovation darzubringen. Nicht dies, aber das junge Leben was man so weckt, erfrischt, und ½ Stunde später saß ich glücklich an der noch ganz unvorbereiteten Vorlesung für den Nachmittag. ½ 1 - 2. Um 2 mußte ich zum Essen. Um 3 war ich am Anhalter Bhf, um das Ehepaar Vierecke zu begrüßen, die vergeblich in diesen 3 Tagen auf ein Zusammensein mit uns gerechnet hatten. Um ¾ 4 war ich auf dem Ministerium, um mich weiter vorzubereiten (dort habe ich eine stille Zuflucht.) Um 5 Vorlesung. Von 6 - 8 Konferenz mit dem umständlichen Dr. Speck im Restaurant. Um ½ 9 um meinen Vater nicht allein zu lassen am Spittelmarkt zum Familienabend der Neuen Kirche. Um 12 endlich total erschöpft und für Donnerstag unpräpariert in der Falle.
Trotz alledem funktionierten die Vorlesungen am Di. u. Mi. recht gut. Die Hörerzahl wächst noch andauernd. In den Übungen tauchte eine Dame auf; nachdem sich noch ein Sachse gemeldet hat, sind es 8. In der Vorl. ca. 20, wovon viele schon testieren ließen.
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| Auch Dilthey kam mir noch mit s. Schleiermacher dazwischen.
Die Schule kostet wieder viel Zeit; nicht weil ich muß, aber weil ich nicht anders kann. Leider kann ich heute von dem Psychol. Experiment mit Kindern der 10. 6. u. 3. Klasse vor Seminar III nicht mehr erzählen.*) [li. Rand] Ich hoffe aber doch dazu zu kommen, weil es Ihnen für den Zeichenunterricht von Nutzen sein kann. Leider <Kopf> haben nur die Seminaristinnen protokolliert; ich nicht. Es war glänzend gelungen u. höchst interessant. Seminar III bleibt dumm. Seminar I findet ausgezeichnet den Ton und sucht sichtlich von mir zu lernen mit sehr selbständiger Richtung. Aber am liebsten bleiben mir die 39. Da geht noch ein großes Ah! durch die Klasse, wenn es draußen schneit. Heute mußte ich eine Pause machen lassen und Lotte Prinz ersuchen, laut anzukündigen "Es schneit". Erst dann beruhigten sich die Gemüter. Es geht alles eigentlich unbefangener und herzlicher zu als bei Knauer. Ich bin aber auch weit weniger launisch, obwohl oft sehr streng. Dies, liebe Freundin, ist nun doch einmal wahr, trotz Schulrat, Direktor und den zahllosen Fehlern, die ich mache und einsehe: Ich bin ein genialer Pädagog, und hier sitzt meine Bestimmung. Und wenn ich etwas ganz falsch mache, so sage ich mir: Pestalozzi hätte es noch schlechter gemacht und war doch größer als Du.
Hier muß ich abbrechen. Ich will nur noch hinzufügen, daß sie unsrer Freundin jederzeit soviel sagen können, als Ihnen gut scheint.
In herzlicher brüderlicher Treue stets Ihr Eduard.