Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Dezember 1909


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9.XII.09.
Liebe Freundin!
Wie können Sie auch nur einen Augenblick glauben, daß ich mich über irgend etwas gekränkt fühlen könnte? Gewiß wollen Sie mir dadurch nur auf eine feine Art zu verstehen geben, wie sehr ich gesündigt habe. Aber sie wissen ja, daß das mit Willen nie geschieht. Wenn man sich so viel schreiben möchte, so ist eine Karte doch ein gar zu ärmlicher Gedanke. Dazu kommt, daß bei diesem Gedränge - ich kann nicht sagen: Einerlei - von täglichen Pflichten die Zeit nur so dahinrast. Weihnachten steht vor der Tür, und ich bin kaum zur Besinnung gekommen.
Woran liegt dies eigentlich? Anscheinend habe ich doch im Verhältnis zu der Intensität, mit der ich alles treibe, zu viel übernommen. Am 26. November habe ich z.B. wieder hintereinander 38 Aufsätze korrigiert; das sind 7 Stunden, außer 2 Schulstunden. Dann kam zum Anfang des Monats der regelmäßige
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| Bericht für die Historische Zeitschrift, der diesmal auch viel Zeit kostete. Am meisten Mühe aber macht die Vorlesung, weil ich Paulsens Gesch. d. gel. Unterrichts nicht besitze und außerdem die jetzt herankommenden Perioden wenig oder garnicht kenne, so daß ich ca 15 Stunden brauche, um mich notdürftig für 1 Vorlesung vorzubereiten, wobei dann die Bücherbestellerei - u. schlepperei noch garnicht gerechnet ist. Natürlich lerne ich, die Vorbereitung für Seminar I hinzugerechnet, eine Menge Pädagogigk; aber die Einzelheiten, die ich in der Woche gelernt habe, habe ich am Sonntag in der Regel vergessen. Zwischendurch muß ich noch immer Antrittsbesuche machen. Neulich bei Herrn v. Schmoller, dann bei Erich Schmidt, der wohltuend herzlich war, ebenso Frau Geheimrat Riehl (sehr nett.) Aber die Wege u. Zeiten! Dann die Gegenvisiten: Simmel am Sonnabend (traf mich nicht.) Sonntag gab mir Herr Geheimrat Münch für 1 Stunde die Ehre und eröffnete mir die Perspektive, daß hier in Berlin ein pädagog. Seminar errichtet werden könnte. Die Verhandlungen
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| schweben. Am Montag kam der alte Döring (traf mich nicht.) Gestern um 4 vor der Vorlesung (!) war ich noch in Westend bei Simmel, der diesmal bezaubernd liebenswürdig war und in ¼ Stunde geradezu Geist sprühte. Sie sehen, das zerreißt mich; das Bedürfnis meiner Natur nach Stille und innerer Verarbeitung wird seit Wochen nicht mehr befriedigt. Ich lebe geschäftsmäßig; wenn ich keinen Kopfdruck habe, ja auch mit mannigfacher Freude an dieser inhaltreichen Tätigkeit, aber doch immer mit der bangen Frage: "Wirst du das auf die Dauer aushalten?"
Ein großer Übelstand ist auch der, daß meine Freunde und Bekannten die Mittwochsvorlesung benutzen, um mich zu treffen und in ihren Angelegenheiten zu befragen. Ich werde förmlich zerrissen und für Dinge, z. B. eine Paulsenstiftung in Anspruch genommen, für die ich mich garnicht interessieren kann. Endlich, um das Teufelsspiel zu vollenden, hängen sich die Verleger an meine - Frackschöße (da sie Privatdozentenfleisch wittern.) Dies hat ja auch, wie Sie wissen, eine gute Seite. Ich möchte Sie daher über diese Punkte gleich um Ihren Rat fragen.
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| Die Dürrsche Buchhandlung, Herausgeberin der "Phil. Bibl." wollte von mir einige Schriften Humboldts zum Jubliäumsjahr herausgegeben haben. Ich habe mich gegen diesen Plan mit Entschiedenheit erklärt, weil kein Mensch Humboldt lesen wird. Aber stattdessen schlug ich vor, die 3 Schriften, die die ideelle Grundlage d. Un. Berlin bilden, von Schle herauszugeben, nämlich von Fichte, Schleiermacher, Steffens = 20 Bogen 320 S. Der Plan leuchtete dem Redakteur Privatdozent Horst Stephan in Marburg ein. Während aber dies noch schwebte, kam eine neue Anfrage v. gleichen Verlag (das Folgende bitte ganz vertraulich) wegen eines philosophiegeschichtlichen Lexikons. Dabei lag ein Bericht über das Resultat von Gutachten, die 40 der namhaftesten Un.-Professoren abgegeben hatten. An mich ergeht nun die Frage, ob ich (bei Zustandekommen) die Redaktion übernehmen würde u. zu welchen Bedingungen. Sie können sich denken, daß diese Entscheidung sehr schwer ist. Alle meine Neigungen sind eigentlich dagegen. Nur bei einem jährlichen Fixum von 600 M würde ich die Sache machen, d. h. rein als Erwerbssache, ohne Interesse an einem solchen phil. "Hilfsmittel"
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| Bitte sagen Sie mir, wie Sie hierüber denken. Heute morgen kommt nun der Vertragsentwurf für die Universitätsschriften. Das Honorar wird ca 300 machen. Da ich nur 1 Bogen Einleitung zu schreiben habe, bin ich zu diesem Plan eigentlich ganz geneigt. NB. Die Ablieferungszeit für Teubner ist in der Tat 1911. - Aber nun soll doch bis 1.II. das Buch für Reuther fertig sein. Ich habe bisher nur ein Kapitel im Rohbau. Inhaltlich ist mir ja alles klar; immerhin wird es mir bei größter Ausnützung der Weihnachtsferien möglich sein. Ich sehe mit Schmerz, daß ich gegenwärtig doch meine Kräfte bis auf den verantwortbaren Grad anspanne und nicht viel mehr als 100 - 120 M monatlich damit verdiene. Wenn R. u. R. bis 1. III warten, wird ja wohl das andre auch noch werden.
Das Hemmnis ist die Vorlesung; der Besuch wird immer schwächer. Für diesen Gegenstand ist eben so wenig Interesse da. Paedagogica sind beliebte Testierkollegs. Am letzen Testiertage war es knüppeldick voll. Ich habe doch wohl beinahe 25 Testate gegeben, u. mehrere hören ohne Testat.
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| Aber der Stamm ist sehr klein. Fester und dankbarer ist es in den Übungen, die ganz gemütlich sind u. neulich nur durch das Eindringen von 2 albernen studierenden Damen gestört wurden.
Was nützen bei unsrer Lebensführung, meine liebe Freundin, Grundsätze und Rechnungen? Mein Vater ist am letzten Ziehungstage mit 3000 M herausgekommen (= 665 M). Damit ist ja eigentlich nichts gewonnen; aber es kam doch heraus, was jahrelang hineingesteckt worden ist. Jetzt besorge ich entschieden unser Los, und wenn wir nicht herauskommen, so werden wir uns dessen trösten, daß unser Los doch schöner und tiefer gegründet ist als auf ein Lotterielos.
Damit ich nun dies endlose Geschwätz [über der Zeile] über mich gleich zu Ende führe, lassen Sie mich noch ein Wort von der Schule erzählen. Eigentlich muß ich sagen, daß mir die Schule mindestens ebenso gefällt wie im NO. Ich habe auch nicht das mindeste zu klagen. Weil ich eben von der Sache etwas verstehe, mag sie sonst sein wie sie will. Beweis: Am Sonntag macht die zweite Abteilung eine Partie mit der Ordinaria nach
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| Wannsee, und am Montag ergießt sich über mich ein Segen von 4 Ansichtskarten, genug für ein ganzes psychologisches Studium. (Folgen anbei.) Jetzt muß ich Ihnen doch in geziemender Ehrerbietung einige persönlich vorstellen: Meine beste ist Dora Hannasky (Vater Museumssekretär 14 ½). Geschmack, Sicherheit im Denken sind ungewöhnlich hoch in ihr entwickelt; dabei ein bescheidenes, munteres und graziöses Wesen, und leider nur kein frisches Aussehen. Mein eigentliches Lieblingskind (unamtlich) aber ist Hulda Maurer, interessant, ganz schwarzes Haar in langen Zöpfen, schwarze große Augen, und ein blasses aber ausdrucksvolles Kindergesicht. Sehr schwierig zu behandeln; ich halte die Leine immer kurz und bin oft ziemlich schroff, weil sie sich anscheinend ein bißchen einbildet, etwas Besonderes zu sein. Dabei ist sie aber ganz lenksam. Beachten Sie, wie sie auf der Partie, offenbar in höchster Hast, um es unbeobachtet tun zu können, ganz allein an mich eine Karte schreibt. Elisabeth Lüpke, Anna Baumgärnter u. noch manche andere treten jetzt als anziehende Individualitäten hervor. Neulich hatte ich zur
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| Überlegung gestellt die Grundfrage der Kantischen Ethik - Pflicht - Neigung. Viele hatten darüber eindringend nachgedacht und brachten mir kurze Formeln ihres Resultats. Interessant dabei die echt weibliche Gemütsentscheidung: es wäre doch entsetzlich, wenn alles bloß aus Pflichtbewußtsein geschehen müßte. Zum Schluß frage ich die kleine Hannasky. Die sagt 3 Sätze, glänzend scharf und das Problem erschöpfend. Sofort wurden sie zur Resolution erhoben. Ich selbst hätte mich nicht so präzise ausdrücken können.
Dann wollte ich Ihnen noch von dem Experiment in Seminar III schreiben; erzählen wäre freilich besser. Es handelte sich um Entwicklung der Anschauung bei den Kindern. Aufgestellt war ein Bild: Villa mit Garten im Hintergrund; vorn ganz groß ein Sportwagen (worauf 2 Kinder); vor den Wagen gespannt ein großer Hund, den ein größerer Knabe führt. Ich lasse nun [über der Zeile] je 2 Kinder aus der 10. Klasse (6 Jahre) 6. Kl. (12 Jahre) und 3. Klasse 14/15 Jahre) auswählen und nach einander kommen. Die Seminaristinnen protokollieren. Die 6jährigen erklären auf Befragen, was auf d. Bild zu sehen sei: ein Wagen, ein kleiner Junge, 2 Kinder, eine
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| Kirche, ... sonst nichts!! (d. h. sie sehen lauter Einzelheiten, kein räumliches Verhältnis, keinen Zusammenhang).
Die 1. 12jährige: Ach, da sind Vater und Mutter auf der Veranda, die essen Abendbrot, und die haben gewiß Besuch. Und der kleine Junge, der will gewiß seinem kleinen Vetter eine Freude machen, und fährt mit ihnen im Garten spazieren etc. (Phantasietypus).
Die 2. 12jährige: Ich sehe ein Haus, davor ist ein Garten mit schön eingefaßten Wegen. Auf dem Wege spielen ein paar Kinder. Sie haben den Hund vor den Wagen gespannt etc (Beschreibender und beobachtender Typus).
Die 14jährigen, auf Befragen entgegnen: ----------
Gutes Zureden, Ermutigung. Antwort: ------------
Einhelfen. Sehen sich groß an. - Experiment hier also mißlungen; beweist aber, welche großen neuen psychologischen Faktoren d in den 2 Jahren eingetreten sind. Sie haben nichts zugelernt: als sich genieren. - Theoretisch folgt daraus eine Menge. Sie sehen, daß auch für das Zeichnen viel daraus folgt. Die ganz Kleinen sehen
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| nur Einzelheiten, wie das auch Kerschensteiners Werk beweist, keinen Zusammenhang; sog. Substanzstadium. Folgt Relationsstadium (räumlich zeitlich. Endlich Qualitätsstadium (Veranda aus Holz u. ä.). Auf gleicher Altersstufe verschiedene Typen (beobachtender, gefühlsmäßiger, gelehrter).
Ähnliche Experimente mache ich jetzt häufig; zu meinem großen Nutzen. Die betr. Seminarklasse ist dafür noch nicht ganz reif.
Seminar I andauernd intelligent u. lebhaft. Bin bereits zur Weihnachtsfeier eingeladen; kann aber nicht hingehen, weil der kl. Scholz Geburtstag hat.
Nun endlich genug von mir. Glauben Sie mir, wenn auch der große G Kreis sich notgedrungen nach allen Außenseiten ausdehnen muß, so schließt er doch den kleinen Kreis allein mit wahrer Innigkeit ein, hat in ihm sein Centrum, sein Glück und die Heimat seiner liebsten Gedanken.
Aus Hermanns Brief sehe ich mit Schmerz,
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| daß er mir zürnt. Und doch finde ich in den Ferien nicht die Zeit, um ihm einen Brief zu schreiben, der mich wieder einmal entschuldigt und mein langes Schweigen erklärt. Seine Arbeitskraft ist offenbar weit größer als meine; er kann so viel Stunden geben, ohne zu ermüden. Und ich halte mich jetzt tatsächlich nur durch 9-10 Stunden Schlaf im Gleise.
Sehr fühle ich Ihnen nach, daß Ihnen das Weihnachtsfest in so kleinem Kreise einsam vorkommt. Ich habe es ja nie anders gekannt, und wünschte doch, die Feiertage wären erst vorüber (Der 16.XII ist für mich noch ein Tag frohen und schmerzlichen Gedenkens: Beethoven!) Aber ich erinnere Sie, an Ihre eignen Worte: Sie wollen Ihrer Schwester diese Freude gönnen. Wie wäre es nun, wenn auch die verehrte Tante und Sie das Fest hier verlebten? Aber ich darf garnicht weiterreden. Das sieht dann doch unter dem Deckmantel der Teilnahme allzu egoistisch aus!
Wo sollte denn die Hochzeit des Herrn Heinr. Eggert sein? Erst nach dieser geogr.
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| Bestimmung wäre ich in der Lage, Ihnen Absolution zu erteilen, obwohl ich sonst jedem gratuliere, der keine Hochzeit mitzumachen braucht.
Klingt Ihnen der "Ganymed" nicht noch im Ohr, den Sie gehört haben? Es ist dieselbe Stimmung, von der auch ihre Feder redet! Möge Sie uns bleiben! Es gibt etwas im Menschen, was unüberwindlich ist. So klingt es in mir, trotz all der düsteren Gedanken auch der letzten Zeit, wenn ich vor der Klasse stehe.
Sie schreiben nichts von den Zeichenstunden. Haben Sie Freude daran? Und kommen Sie gelegentlich auch einmal heraus? In 1 Stunde fahre ich nach Wilhelmshagen zu Schubert, obwohl eigentlich keine Zeit dazu ist. Aber ich muß einmal aus der Fabrik. Morgen Mittag kommt ein Amerikaner aus m. Übungen zu mir. Morgen Abend bin ich bei Riehl eingeladen. Dilthey ist anscheinend verstimmt, weil ich nichts für den Schleiermacher tue. Der Gedanke quält mich. Aber ich kann es nicht. Was meinen Sie?
Von Knauer lakonische Karte aus Mentone. Briefe aus Teheran, [über der Zeile] u. v. Nieschling. Seit Wochen liegt eine herrliche Beschreib. d. Reise nach Persien bei mir mit wundervollen Bildern. Komme nicht dazu. - Sonnabend 18.12 Privatdozentenvereinigung. Ich kann diesen Brief nicht noch einmal durchlesen. Druckfehler etc. verbessern Sie bitte <li. Rand> selbst. Aus all den Äußerlichkeiten werden Sie doch empfinden, daß ich stets das Bedürfnis nach <Kopf> Mitteilung zu Ihnen habe. Seien Sie nachsichtig, bleiben Sie <re. Rand> gesund u. empfangen Sie (wie auch unsre Freundin) die innigsten Grüße
<re. Rand,S.11> In aller, brüderlicher Herzlichkeit stets Ihr dankbarer Eduard.

Weihnachten naht; es schließen sich die Pforten,
Die langer Wochen Arbeit mir umhegt,
Und einsam, müde wend' ich zu den Orten
Den Schritt, wo sonst die Treue mich gepflegt.
Und doch, mir ist, als folgt' ein Strom von Liebe
Mir nach, als hätte mir die heil'ge Zeit
Die Kraft gegeben, die dem tiefsten Triebe
Des Wortes wundersame Flügel leicht.
So sprach ich nie! - Der Kinder Seelen glühten
Mir wie die Kerzen am geschmückten Baum:
Vertrauen trug er als die schönsten Blüten,
Und ein Geheimnis webte durch den Raum.
Denkst Du der Stille, die in jener Stunde
Die jungfräulichen Seelen tief durchdrang,
Als dir aus froh begeisterungsvollem Munde
Sich stolz Dein Evangelium entrang?
Wie wahr hast Du des Menschen dunkles Sehnen
Noch heut dem edlen Jünglingskreis enthüllt,
Der dir verriet: ins Große wird sich dehnen
der Glaube, der den Busen Dir erfüllt! -
Nun frag' ich still: woher dies Weihnachtsweben,
Da doch das Christkind Dir so lang' entschwand? -
In sanften Träumen sah' ich mich entschweben
Fern, fern von hier, in märchenhaftes Land.
Da wall' ich nun, begeistert wie ein Seher,
Durch Leid und Kampf den dunklen Dornenpfad;
Dem fernen Ziele träum ich stets mich näher,
Und alles sagt mir: "Etwas Liebes naht!"
Aufwärts, empor erstreckt sich das Gefilde,
Es naht ein Licht, und eine Stimme hallt:
Das Christkind ist's, es ist's in Deinem Bilde,
Zieht mich empor mit liebender Gewalt!