Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Dezember 1909


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Weihnachten naht; es schließen sich die Pforten,
Die langer Wochen Arbeit mir umhegt,
Und einsam, müde wend' ich zu den Orten
Den Schritt, wo sonst die Teure mich gepflegt.
Und doch, mir ist, als folgt' ein Strom von Liebe
Mir nach, als hätte mir die heil'ge Zeit
Die Kraft gegeben, die dem tiefstem Triebe
Des Wortes wunderbare Flügel leiht.
So sprach ich nie! – Der Kinder Seelen glühten
Mir wie die Kerzen am geschmückten Baum:
Vertrauen trug er als die schönsten Blüten,
Und ein Geheimnis webte durch den Raum
Denkst Du der Stille, die in jener Stunde
Die jungfräulichen Seelen tief durchdrang,
Als dir aus froh begeistrungvollem Munde
Sich stolz Dein Evangelium entrang?
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Wie vorher hast du des Menschen dunkles Sehnen
Noch heut dem edlen Jünglingskreis enthüllt,
Das Dir verriet: ins Große wird sich dehnen
Ders Glaube, der den Busen Dir erfüllt! –
Nun frag' ich still: woher dies Weihnachtsweben
Da doch das Christkind dir so lang' entschwand?
In sanften Träumen sah ich mich entschweben
Fern, fern von hier, in märchenhaftes Land.
Da wall' ich nun, begeistert wie ein Seher,
Durch Leid und Kampf den dunklen Dornenpfad;
Dem fernen Ziele träum' ich stets mich näher,
Und alles sagt mir: "Etwas Liebes naht!"
Aufwärts, empor erstreckt sich das Gefilde,
Es naht ein Licht, und eine Stimme hallt:
Das Christkind ist's, es ist's in Deinem Bilde,
Zieht mich empor mit liebender Gewalt!
21.XII.09.