Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22./23. Dezember 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 22. Dezember 09.
Liebe Freundin!
Ob ich einen ausführlichen Begleitbrief zu dieser bescheidenen Sendung schreiben kann, weiß ich nicht. Eigentlich ist auch nicht viel Wichtiges zu sagen außer dem, daß ich Ihnen viel lieber als dieses tote Papier einen recht strahlenden Weihnachtsfrohsinn schickte, und am allerliebsten legte ich der verehrten Tante und Ihnen ein großes Heidelberger Faß Gesundheit unter den Baum. Denn mit den letzten Nachrichten bin ich garnicht recht zufrieden - mit den Heidelberger nicht, der Grundstimmung wegen, - und den Casselern nicht, wegen des Fiebers. Lassen Sie das nun alles verwehen in dieser gnadenbringenden Zeit. Es sind einmal Himmelskräfte, die jetzt herniedersteigen. Und wenn Sie das Fest diesmal einsamer feiern als sonst, wenn mich jeder Winkel des Hauses mit schmerzlichen Blicken ansieht: Glauben Sie mir, es ist Weihnachten
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| und uns allen ist etwas Großes widerfahren. Von den Kindern strahlt diese Macht aus, wie sie einst vom Kinde kam. Das alles hat seinen ewigen Sinn. Folgen nicht auch wir dem Stern? Klingt nicht auch in uns als ein unbesiegbarer Lebensglaube das Evangelium von der Rose in der Winternacht, die mir seit der Schulfeier gestern nicht mehr aus dem Kopf will? Ich bin es gewiß: die Welt ist unverändert und reich; sorgen wir nur, daß der Baum in uns rechtzeitig angezündet werde. Es ist unser Los, ein Licht zu sein, zu leuchten den Heiden, und nur wo dies Leben tot ist, da packen uns die Mächte des Mißtrauens. Aber die Weihnachtsglocken klingen freudig wie sonst, und das bißchen Leid, das uns beschieden war, geht unter in der unendlichen Woge von Menschenglück und -leid, die nie so innig und tief zum Bewußtsein ihrer selbst gelangt, als zu Weihnachten.
Wie gern hätte ich nun dem ein recht bedeutsames äußeres Symbol beigefügt, um Ihnen zu sagen, daß wir Weihnachten trotz
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| Raum und Zeit gemeinsam feiern. Aber die Eingebung blieb zur rechten Zeit aus, und nun sind es leider doch wieder 2 Bücher: Feuerbach, den sie lieben, aber hoffentlich noch nicht haben; es fließen mir bei Betrachtung des Bildes von Tivoli so manche Erinnerungen zusammen: an Griesbach, an den Amselfall, wo 2 ausgelassene Kinder saßen, an die Schackgalerie und Lenggries und an den Schweizer Wasserfall, den ich habe. Kant, weil er jetzt zum ersten Mal in einer Gestalt erscheint, die auch den Damen zugänglich ist, und weil ich gelegentlich von Ihnen hören möchte, wie Sie über das Grundtemperament dieses Herrs denken, den man anstaunt, aber nicht liebt. Mein erster Schüler v. d. Universität[über der Zeile] im 1. Semester hat zwar inzwischen noch etwas Hübscheres von Kant herausgegeben und eine Einleitung dazu geschrieben, aus der allenthalben mein Humboldt u. m. Steglitzer Vorträge herausklingen; aber ich erfuhr davon zu spät. Endlich, damit doch etwas Eignes dabei sei, lege ich Ihnen einen großen Aufsatz bei, den ich in den letzten Lebenstagen meiner Mutter
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| geschrieben habe, also dem Ernst des Lebens Angesicht in Angesicht. Er war zu unmittelbar, um mir dauernd druckreif zu scheinen. Aber da ich in diesen Tagen sowohl im Damenseminar wie auf der Universität wieder erlebt habe, wie gewaltig und ergreifend gerade die Schlußgedanken dieses Aufsatzes wirkten, so sollen Sie ihn wenigstens lesen; und vielleicht, wenn ich denselben Fragen einmal wieder nähertrete, erbitte ich ihn mir leihweise zurück.
Jetzt zu einigen kleinen Miscellen, soweit mir noch die Zeit dazu bleibt. Zunächst haben Sie mich durch die Osterglocken tief getroffen. Gewiß sage ich von Herzen ja dazu; freilich nur unter der Bedingung, daß mir die Lage der Dinge tatsächlich nicht erlaubt, nach Heidelberg zu kommen. Sie wissen, ich bin in H. immer doppelt glücklich. Die Sache ist eine materielle Frage; denn es ist keineswegs meine Absicht, mich ohne Not ins Kloster zu sperren. Inzwischen mag es Ihnen begegnen, daß ich Sie gelegentlich bitte, ein paar Korrekturen mitzulesen. Denn im nächsten Jahr wird wieder munter gedruckt. - Mit Ruska stehe ich in fortdauernder freundschaftlicher Verbindung; er hat (sub rosa) Habilitationspläne.
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| Petsch soll für ihn einen Aufsatz über m. Humboldt schreiben, wird aber anscheinend nicht fertig damit. Die Sache mit dem Lexikon schwebt noch; ich habe ausführlich, aber sehr geschäftlich und zurückhaltend geschrieben, und wie der Bayer gefragt: "Was schaut do naus?" Machen will ich alles gern. Ich muß aber immer an die Gesundheit denken, die ja die Campagne des letzten Quartals erstaunlich gut ausgehalten hat (weil nämlich z. T. innere Freude dabei war.) - Das päd. Seminar ist noch eine ganz ungreifbare Sache; aber ich will [über der Zeile] mich ranhalten, damit ich es womöglich in die Hand bekomme. Für den Sommer habe ich angezeigt Di Fr. 9-10 privat. Einführung in d. moderne Pädagog. Do. 6-7 publ. D. dtsche Idealismus v. Kant bis Hegel.
Bisher habe ich keine Zeit gehabt, mehr als Stichwörter meiner Vorlesungen aufzuschreiben. Das ist aber für die Zukunft eine schlechte Ökonomie, wennschon die unmittelbare Produktion im Moment ja weit tiefer wirkt als das feinste Konzept.
Das Unternehmen von Arnold Ruge kenne ich; ich halte es nicht für eine Bedürfnissache, habe aber die gewünschten Auskünfte beigesteuert und mich nur geärgert, daß ich trotzdem
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| noch eine zweite Anfrage enthielt, in der alles mögliche nicht für mich Bestimmte mit drin lag. Das darf einer sorgfältigen Redaktion nicht passieren.
Mit diabolischem Lächeln überreiche ich Ihnen hier die Dokumente unsres gemeinsamen Lotteriespiels und mache - ein Kreuz dahinter. Dieser Dämon wird uns zum zweiten Mal nicht äffen. Aber was meinen Sie: versuchen wir's mal in Karlshorst? Oder Monte Carlo? Vielleicht zu Ostern.

23.XII.09. Morgens 10 Uhr.
Eben kommt schon ein großes Paket aus Heidelberg. Ich muß eilen, wenn ich mit meinem kleinen nicht zu spät kommen will. Vor morgen wird aber nichts geöffnet. "Von der Gewalt, die alle Menschen bindet etc." Morgen Abend sind wir in Lichterfelde bei m. Onkel. Ich wünschte, es wäre erst der 4 Januar Ich schreibe Tag für Tag an dem Humboldtbuch; es wächst, aber immer noch nicht schnell genug.
Ja, meine liebe Schwester und Freundin, nur einmal sich aussprechen können! Ich rede kaum noch über mich; es ist mir hier abgewöhnt worden. Wie gänzlich äußerlich urteilen die
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| meisten Menschen! Ich hätte Ihnen so viel zu schreiben, aber ich müßte dann Stundenlang schreiben und hätte zum Schluß doch noch nicht gesagt, was ich sagen wollte!
Lassen Sie sich doch ja den Plato nicht entgehen. Hoffentlich sind die Vorträge was wert. Dann lernen Sie den göttlichsten Menschen der Welt kennen. Es gibt nichts, was ihm vergleichbar wäre! - Den Aufsatz vom kl. Scholz habe ich gelesen, mit Freude. Am 17.XII. war ich zum Geburtstag. Dem alten Herrn bin ich durch seltenes Sehen erheblich ferner gerückt. Und uns beide als Einheit wird dieser Dreieinigkeitsmann nie begreifen. - Daß Nohl Sie anregt, freut mich; mehr wollte ich nicht gesagt haben.
Von der Schule u. von der Universität habe ich einen wohltuenden Abschied gehabt. Die 7 Herren in meinen Übungen sind treu und anscheinend sehr zufrieden. Obwohl noch keine rechte dauernde Diskussion zustande kommen will, folgen sie meinen Ausführungen mit gespannter Aufmerksamkeit, z. T. mit sichtbarer Begeisterung. 2-3 kenne ich schon näher; die andern lerne ich wohl noch kennen. - Ebenso war die letzte Stunde im Böhmerwald sehr nett. Seminar I verhinderte mich, als ich von Pensum strotzend hereintrat,
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| am Reden, und schrie "Kreuzige, Kreuzige, die letzte Stunde muß was erzählt werden." Sie erboten sich sogleich zu fragen, rückten mir mit <ein Wort unleserlich> stachligen Sachen auf den Leib, wie: Was ist eine Vision? Ein Wunder, Hypnose, Spiritismus etc? Auf dem Spiritismus wollten sie sich festsetzen; aber ich brach ab und erbot mich, über das Verhältnis von Philos. Kunst, Religion zu reden. Die Wirkung war ungeheuer, wie sie eben nur bei ganz jungen Menschen sein kann. Tiefes Schweigen, als ich fertig war, aber kein Schlafen!
Auch mit den Kindern schloß ich in bester Harmonie, d. h. nach einem ersten leichten Konflikt. Ich hatte wieder 38 Märchen zu korrigieren, die z. T. so wundervoll waren, daß ich auch die für abgeschrieben hielt, die es nicht waren. Bei der Schlechtesten, die den besten, ja einen genialen Aufsatz geschrieben - Gott helfe mir - glaube ich noch heut daran. Schade, daß ich nicht mehr davon erzählen kann. Kurz, ich war wohl in Worten etwas ungerecht. Am letzten Tage ließ ich Rätsel raten, zum großen Gaudium. Nun hatte sich seit einigen Tagen auf dem scheußlichen Klassenschrank ein schön gerahmtes Bild von Heine eingefunden. Ich bemerkte es zuerst, als ich Seminar III in d. Klasse unterrichtete und äußerte mich sofort sehr scharf: Poetisches Gemüt, mangelhafter Charakter, worüber Frl. Ilse Maaß in große Erregung geriet. Durch die (ausgezeichnete) Ordinaria der II. Kl. Frl. Thümmel erfuhr ich dann, daß diese Seminaristin auf die Klasse einen großen Einfluß übt u. sie auch zu
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| Heine bekehrt habe. - Als ich dann in der nächsten Schulstunde das Bild wieder sah, machte ich bloß eine abwinkende Gebärde. Nun lief alles zu Frl. Thümmel, um Schutz zu suchen. Diese aber war ganz auf meiner Seite. Sie erzählte mir später, daß viele der jungen Dinger im Portemonnaie zwar kein Geld, aber zahlreiche Zettel mit bissigen u. negativen Versen von Heine trügen. Hierauf erhielt Frl. Th., die sonst brieflich immer als "Geliebtes Frl. Th." angeredet wird, ein Schreiben "Sehr geehrtes Frl. Th." und "Hochachtungsvoll."
Am letzten Tage war das Bild nicht an der gewohnten Stelle. Ich ließ die vorbereitete Rede ausfallen und war befriedigt. Nun aber kommt das Rätselraten u. der Teufel plagt sie, mich gerade das an der Wand hängende Heinebild raten zu lassen. Wirklich hing der jüdische Journalist, mit Tannenzweigen geschmückt, an der Wand. Nun unterbrach ich den Scherz und hielt eine kl. Ansprache: Ich, da ich Sie kenne, zweifle nicht, daß Sie das Bild aus sehr lebens- u. liebenswürdigen Motiven angeschafft haben; aber Sie müssen berücksichtigen, daß vielleicht mal jemand von außen kommt, der Sie nicht kennt. Dieser müßte auf den Gedanken kommen, daß hier eine wirkliche Heineverehrung herrschte. Und da
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|gegen muß ich als Lehrer des Deutschen entschieden Einspruch erheben. Sie kennen Heine nicht (Hulda Maurer opponiert wütend.) Sie haben ein paar hübsche lyrische Sachen von ihm gelesen. Ich muß Sie aber doch auf folgendes aufmerksam machen: H. ist ein innerlich morscher Charakter gewesen. Wenn Sie wüßten, was er geschrieben hat, so versichere ich Ihnen, daß Sie sich als deutsche Mädchen schämen würden, gerade diesen Mann zum Gegenstand Ihrer Verehrung zu erheben" etc. etc. "Es wäre mir also lieb, wenn das Bild vielleicht etwas weniger sichtbar aufgehängt würde."
Am Nachmittag war Heine weg. Von der Feier, vor der ich vor dem Kolleg beiwohnte, kann ich nun leider nicht mehr erzählen. Nur das eine lassen Sie mich nochmals wiederholen: den innigen Wunsch, daß Sie mit der lieben Tante ein gesundes und glückliches Weihnachtsfest feiern mögen. Ich denke auch all Ihrer übrigen Lieben in dieser Stunde herzlich. Mein Vater grüßt Sie in gleicher Gesinnung, und ich bleibe in
dankbarer brüderlicher Innigkeit
stets Ihr
Eduard.

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Wie fanden Sie die Schillerrede v. Lasson? Das ist ein 77 jähriger!! Ich stehe jetzt sehr nett mit ihm. Überhaupt bin ich jetzt hier eine reputierliche Person. Nur die Visiten der Herren sind mir meist sehr fatal und beunruhigend.