Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25./26. Dezember 1909 (Charlottenburg 2)


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Charlottenburg 2, den 25.XII.09.
Liebe Freundin!
Ohne Zweifel haben Sie gefühlt, wie ich mit Ihnen den Heiligen Abend gefeiert habe. Wenn irgend jemand mir in dieser Stunde geteilter Gefühle nahe war, so waren Sie es, und mit tiefster Dankbarkeit empfand ich Ihr rührendes Bemühen, für mich in jeder Hinsicht zu sorgen. Wie viel lieber freilich machte ich Freude durch Geben, als selbst stets der Empfangende zu sein. Aber bei Ihnen trübt mir nichts die reine Freude, weil ich weiß, daß Sie mein schweigendes Empfangen richtig deuten und nicht glauben, daß ich Ihre Sendung jemals als etwas Äußerliches deuten könnte. Jede Einzelheit wird für mich zum Symbol eines tieferen Bandes, und so ist mir das Auspacken Ihres Paketes immer wie das Enträtseln einer lieben und vielsagenden Schrift. Mit besonderer Liebe verweile ich bei dem reizenden Uhrständer, der mir in dieser Gestalt gerade fehlt. Wie viel Mühe haben
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| Sie mit dieser zierlichen und reizenden Arbeit gehabt! Das Ganze ist wie ein feines Naturgebilde, aus einem Guß und von sicherer Hand. Außerdem macht es mir ein ganz rasendes Vergnügen, die Sache aufzuklappen und zusammenzuschieben. Ich sitze wie ein Neger davor und freue mich zugleich über den blanken Siegestaler, der einstweilen die Uhr ersetzt: "Wir bleiben törichte Kinder doch durch dämmrige Ewigkeiten." Haben Sie übrigens bemerkt, wie ich den Umriß der Uhr mit der Versicherung verband, daß ich nie an Ihrer Ehrlichkeit zweifeln würde? Ich wiederhole das noch einmal. Was geht in der Welt über Bilderrätsel, die man einem geplagten Grübler aufgibt!
Um 4 Uhr zündete ich das Licht an. Den Zweig hatte ich längst, - er war das erste, was mir entgegenfiel - an einem Bild befestigt. Nicht ohne Tränen. Es kommen jetzt die schmerzlichsten Tage. Ich fühle mich wie ein Wächter des Tals in solchen Minuten. Ich hüte mein Werk; aber die Hütten im Tal sind mir halb fremd und ich schaue
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| in ein Land, wo wir - früher oder später - ewige Hütten bauen werden.
Und selbst die Geduldsprobe des Strickens haben Sie auf sich genommen? Ich weiß nur eins, was noch schwerer ist: nämlich Krawatten binden. Da hilft nur eins: Sie müssen es mir im Frühjahr selbst beibringen. Damit Sie aber sehen, daß auch meine Arbeit schwer ist, erinnere ich Sie, daß Jacobi Fichtes Philosophie als das "Stricken des Strickens" charakterisiert hat. Muß das nicht ungeheuer sein? Kann man übrigens in diesen Schlipsen auch rote Beeren tragen? Wie freue ich mich darauf, meinen ganzen Hals Ihnen durch dies Symbol zu weihen!
Auf der Platte will mein Vater jemanden, der im Grase liegt, entdeckt haben. Vielleicht hat er recht. Ich sehe lieber den Waldweg entlang, wo mir eine vertraute Gestalt entgegen kommt. O käme sie in Wirklichkeit!! Aber Ostern ist dies Jahr, d. h. nach dem neuen Aei Kalender früh, und vielleicht, hoffentlich umfängt uns dann auch bergises Land!
Ich habe so viel zu denken, daß ich garnicht alles
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| im Kopf behalten kann. Die Heidelberger Biskuits sind ja liebe alte Bekannte. Aber auch jeder Apfel lacht mich so freundschaftlich an, daß ich tief empfinde, wie viel echte Liebe mir dies Weihnachtspaket bereitet hat. Ich werde mich, weil man es zartfühlend einmal so will, nur indirekt in H. dafür bedanken; aber auch darin empfinde ich wieder etwas, was ich verstehe, ohne es auszusprechen.
Sind Sie denn auch ganz gerecht gegen Ihre Geschwister; oder sind Ihre Geschwister auch alle gleich bescheiden? Mir scheint nicht. Wer so fein um 85 Pf. Beitrag bitten kann, muß wirklich den Empfänger dieser Sendung beschämen; und ich wiederhole noch einmal: ich müßte mich beschämt fühlen, wenn ich nicht viel mehr bei all diesem fühlte. Wer das ist, brauche ich nicht zu sagen.

26.XII. Morgens.
Eine sehr betrübende Störung der Festesfreude wurde mir eben durch Ihre Nachricht, daß mein kl. Paket nicht rechtzeitig in Ihre Hände gelangt ist. In der Absicht, es nicht vor dem 24. ankommen zu lassen, habe ich es nun doch wieder falsch gemacht. Sie können nicht glauben, wie sehr mich das schmerzt. Denn
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| wenn es auch gegen die Fülle Ihrer Habe ein Nichts ist, was ich Ihnen schickte, so wünschte ich doch, daß Sie wenigstens meine Wünsche und Grüße am Heiligabend gehabt hätten. Ich war selbst am 23.XII. noch vor 12 Uhr auf der Post, wo es ganz leer war. Ich rechnete bestimmt darauf, daß der relativ kurze Weg nach C. in 18 Stunden von der Paketpost geschafft werden würde. Aber ich habe wohl nicht mit den traurigen Bestelleinrichtungen in S. gerechnet. Ihr Paket, aufgegeben am 20. zwischen 6 und 7 Uhr Abends in Heidelberg, war am 23. Morgens hier. Das ist ja auch eine lange Zeit, aber doch auch die doppelte Entfernung. Ihre Karte verrät nichts, daß Sie mir zürnen. Aber gewiß haben sie Ursache dazu. Was gäbe ich darum, wenn ich das alles ungeschehen machen könnte! Es muß aber immer etwas dabei sein, was einen stört. Hoffentlich ist die kl. Sendung nicht ganz im Weihnachtstrubel verloren gegangen! Bitte geben Sie mir doch bald Nachricht darüber! Und Sie schreiben nichts, ob die Tante und Sie gesund sind!
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| Auch hierüber bitte ein Wort. Ist denn Herr Walther Hadlich noch in C.? Bitte grüßen Sie ihn von mir!
Noch eins aber möchte ich Sie bitten, obwohl ich eigentlich weiß, daß das nicht nötig ist. Bitte machen Sie den Glauben an mich nie, auch nicht für den Moment, abhängig von Dingen, die ganz den Zufälligkeiten der äußeren Welt angehören. Es wäre keine "quälende Disharmonie" eingetreten, wenn ich das Paket am Mittwoch Nachmittag abgeschickt hätte; das war der erste Tag, wo ich frei war. Ich hatte das Verlangen, nach dem Kirchhof zu gehen; und glaubte, daß am nächsten Morgen noch nichts versäumt wäre.
Wir waren am Heiligen Abend in Lichterfelde bei meinem Onkel, der uns freundlich über die Weihnachtsfeier hinweghalf und uns mehr als reichlich mit Paketen belud. Von Kügelgen, der ernstlich unter der Notwendigkeit der Entlobung leidet, erhielt ich ein schön gerahmtes, aber sonst schauerliches Bild, das ihn am Morgen nach einem schweren Dünäh darstellt.
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| Der Menschen, die mir "Fröhliche Weihnachten" gewünscht haben, sind auch recht viele. Die meisten Karten kamen erst heute: G. Bock, mein Vetter, Helene Schulze (!), Knauer (also wirklich!) Helene Scholz <Pfeil zwischen Schulze und Scholz> und - Hulda Maurer. Auf den letzten Gruß bin ich wirklich stolz; denn sie hat meine Geißel oft genug gefühlt; und außerdem muß es doch in solcher jugendlicher Seele wunderbar aussehen, wenn sie Heinrich Heine und - Eduard Spranger zugleich zu ihrem Ideal erheben kann.
Schreiben Sie mir doch bitte, wo Hermann hier wohnt und ob man ihn dort besuchen kann. Das Schreiben wird mir nachgerade schwer. Sie müssen berücksichtigen, daß ich in diesen kurzen Ferien schon 70 Foliospalten = fast ein Viertel des zu schreibenden Buches niedergeschrieben habe. Das geht natürlich nur unter Verzicht auf jede Abweichung in den Lebensgewohnheiten.
Dieser Brief soll nicht später als morgen früh in Ihren Händen sein. Ich schließe daher, indem ich Sie nochmals um Verzeihung bitte und Ihnen nochmals innig danke. Auch mein Vater läßt Sie grüßen. Bitte emp
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|fehlen Sie mich der hochverehrten Tante und sorgen Sie dafür, daß der ungünstige Eindruck ausgelöscht wird.
Wie stets in Treue
Ihr dankbarer Bruder
Eduard.

Hier studiert laut Personalverzeichnis ein Frl. Maria Hadlich, Karstbeckstraße 77. Sind Sie das?
Die Antrittsrede kommt in 4 Wochen. Sie repräsentiert sich mit ihren 44 Seiten ganz respektabel, trägt aber gegen Schluß alle Spuren der Eile. Denken Sie, selbst am Heiligen Abend mußte ich diese Korrekturen lesen!