Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. Dezember 1909 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 31.XII.09.
Liebe Freundin!
Meinen Neujahrsgedanken kann ich (und muß ich leider) ganz kurz zusammenfassen in das Wort AEI. Abschnitte der Zeit sollen uns nichts bedeuten; aber sie geben uns Gelegenheit, Altgewisses zu wiederholen. Und so spreche ich denn heut all die Wünsche aus, die ich für Sie auf dem Herzen habe. Aber indem ich es versuche, sehe ich schon, daß das unmöglich ist. Denn wie könnte ich sagen, was als eine schöne Idee von Ihrem Glück, Ihrer Ruhe und Ihrem Reichtums in mir schwebt; wie könnte ich sagen, was Sie mir sind, als immer wieder mit dem einen farblosen Worte der Dankbarkeit, das doch so garnicht dem besonderen Gehalte unsrer Gemeinschaft genügt? Also glauben Sie mir ohne Worte: Lassen Sie uns ohne Illusionen, aber gemeinsam und daher mit Mut und Kraft in das neue Jahr gehen. Wenn es uns nicht bereichert,
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| nun, so wollen wir es bereichern. Also Glückauf zur fröhlichen Fahrt!
Auch wünsche ich Ihnen, daß Sie niemals imitierte Cigarren rauchen müssen. Die lagen als zwei Bitternisse neben den Süßigkeiten, als ich wundervoll Herrn - - Pieper (meinem ersten Studenten) etwas von den Heidelberger Biskuits anbot, um ihn für Heidelberg (statt München) einzunehmen.
Heute nur noch die Bitte, den beiden Herren Hadlich diese Glückwünsche zu überreichen; von dem einen fehlt mir die Adresse, den andern sehen Sie gewiß, wie ich vor wenigen Tagen die Freude hatte, als einen der ersten im neuen Jahr.
Gestern war ich von 4 ab in Neubabelsberg bei Riehls mit der "ausgetauschten" Familie Moore zusammen. Eben besuchte mich auf Meineckes Empfehlung der Sohn v. Professor Kähler in Halle, der über Humboldt 1819 arbeitet. Ich habe noch keinen Neujahrsbrief geschrieben, und Nachmittag kommen noch 2 Besuche. Also muß ich heute von Ihnen
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| Abschied nehmen.
Vorher aber bitte ich Sie, Ihrer hochgeehrten Tante meine ergebensten Neujahrswünsche zu übermitteln, und ebenso all Ihren Lieben, mit denen Sie ja jetzt - hoffentlich recht froh und gesund - vereint sind.
Viel innige Grüße
Ihr
Eduard.