Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Januar 1909 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Jan. 09.
Lieber Freund!
So, da wäre endlich meine "Neujahrskarte" auch fertig, wenn freilich ein bißchen spät! Aber Sie wissen ja selbst, wie es in den Neujahrstagen zugeht, u. wenn Sie mir auch mit den 60 Gratulationen bedeutend über sind, ebenso wie mit der Pünktlichkeit Ihrer "Karte", so werden Sie am Ende doch mit mir Nachsicht haben?
Daß ich Ihrer beim Beginn des neuen Jahres herzlich gedachte, wissen Sie. Was gäbe ich drum, Sie so recht zuversichtlichen, freien Herzens zu wissen! Kann ich denn garnichts dazu tun?? Sie wissen, daß dies nicht nur Worte sind.
Es sind ernste, schwierige Zeiten eben,
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| u. der Rückblick in das vergangene Jahr zeigt manche Schatten, die auch den Ausblick in die Zukunft verdunkeln wollen. Aber wieviel Grund zur Dankbarkeit ist doch auch wieder da! Vor allem möchte ich Ihnen danken, mein lieber Freund, für den reichen, beglückenden Inhalt, den mein Leben durch die Gemeinsamkeit mit Ihnen gefunden hat. Ja, was sollten wir uns mehr vom neuen Jahre wünschen, als daß es uns diese treue Zusammengehörigkeit bewahre, die uns die guten Tage verklärt u. die trüben leichter macht! Haben Sie auch Dank für die Neujahrskarte u. den lieben Brief vom 28. Dez. - Er beantwortete so manches, was ich gleichzeitig fragte, u. [über der Zeile] über solchen Zufall freue ich mich doppelt, da ich ja nun schon so lange gewohnt bin, niemals eine eigentliche Antwort auf meine Briefe zu erhalten. Sie müssen dies nicht so auffassen, als beklagte ich mich. Ich nehme es ganz natürlich u. verstehe
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| es wohl richtig, aber ich kann nicht umhin, es manchmal schmerzlich zu empfinden. Und jetzt haben wir ja beide wieder mehr Zeit u. Ruhe, nicht wahr? Da wirds auch wieder anders werden.
Allerdings ist dieser verspätete Neujahrsgruß nicht gerade ein besonders glänzendes Beispiel. Aber hoffentlich sagt er Ihnen doch recht herzlich, was für Gedanken mich dabei bewegen, u. wenn Sie Tag um Tag die Blätter von diesem symbolischen Hintergrund lösen, fühlen Sie, wie ich, die Gewißheit, daß unser Leben nicht blinder Willkür gehorcht, sondern von innerer Notwendigkeit zum Segen geleitet wird. Denn in uns liegt die Kraft, der alles "zum Besten dienen" muß. Im Wechsel von Kampf u. Gelingen von Zweifel u. Gewißheit fließen unsre Tage dahin u. selten findet unser Wünschen seine Erfüllung, unser Streben Vollendung. Aber
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| unversieglich wie die Macht, die uns vorwärtstreibt, ist auch der Glaube, daß sie siegen wird. Nicht der Zufall hat unser Leben gestaltet u. nichts konnte anders kommen, als es kam. Darum wollen wir uns auch voll u. mutig dazu bekennen u. es auf uns nehmen in allen Konsequenzen. Nicht Leichtsinn u. blinder Ehrgeiz hat Ihre Lebensbahn geleitet, sondern ein ernster, treuer Wille. Konflikte der Pflichten sind hart, aber wem blieben sie erspart? Ich fühle mit Ihnen, wie schwer Sie lasten, aber konnte es denn einen anderen Weg für Sie geben? Es sind ja nur Stimmungen, die Sie zweifeln lassen u. wir wollen sie gemeinsam verscheuchen. Suchen Sie nicht in sich, was Schuld der Verhältnisse ist. Quälen Sie sich nicht mit Möglichkeiten der Vergangenheit oder der Zukunft, sondern lassen Sie uns hoffen von Tag zu Tag. Das Heute gehört uns
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| u. wir rauben es uns mit der Sorge für eine Zukunft, die wir nicht kennen. Jede Stunde, die Sie in froher, liebevoller Gemeinschaft mit Ihren Eltern verleben, ist mehr wert, als alle Sorge, die Sie düster u. verstimmt macht. Und was die Zukunft angeht, so wird jede Aufgabe Sie gewappnet finden u. jede Schwierigkeit Ihre Kräfte stählen. Es sind nur Schatten u. Einbildungen, die Sie immer wieder herabstimmen, die Wirklichkeit kann sie nicht überwinden.
Sie müssen nicht glauben, daß ich den Ernst Ihrer häuslichen Lage unterschätze. Er beruht aber doch nicht ausschließlich auf der Wahl Ihres Berufes. In diesem Beruf aber schreiten Sie mit stets wachsendem Erfolge vorwärts u. es kann Sie nur noch eine kurze Spanne auch von der äußeren Sicherstellung trennen. Darum lassen Sie nicht kleinmütig u. verzagt
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| die Schatten alle Macht gewinnen, sondern vertrauen Sie der Kraft Ihrer starken bedeutenden Anlagen, Ihrem ernsten, reinen Willen. Ist das ein Beispiel christlichen Gottvertrauens, das Sie mir da geben, wenn ich Ihnen immer wieder sagen muß: Ich glaube an den Sieg des Guten? Wir können nichts tun, als uns selber voll einsetzen! Lassen Sie meine Zuversicht - u. meine treue Freundschaft doch helfen, wenn der Zweifel Macht gewinnen will. Es giebt ja nichts, was mir mehr am Herzen läge.
Was geschieht denn für die Schonung Ihrer lieben Mutter? Hat sie jetzt mehr Hülfe im Hause? Ist denn da garkeine durchgreifende Änderung möglich? - Bitte, sagen Sie Ihrem verehrten Vater für seine Zeilen zu Neujahr vielen Dank. Ich habe mich sehr über seine freundschaft
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|lichen Worte gefreut. - Von Ada hatte ich auch einen netten Brief. Sie ladet mich dringend ein u. ich hoffe, es wird sich auch einmal machen lassen. Sie schreibt unter anderem auch, daß Gerta Kamp jetzt offiziell mit einem Dr. Spiethoff in Jena verlobt sei. - - Mit Hermann war ich am 1. Jan. im Freischütz. - Es war sehr hübsch, eine gute Aufführung. Hermann sieht sehr blaß u. schlank aus, aber ich hoffe, daß er jetzt die Episode Gerta doch definitiv überwindet.
Mein Vetter Walter wird demnächst zum Assessorexamen nach Berlin gehen. Ich hoffe, daß er mal zu Ihnen kommt. Er ist ein Sonderling, aber ich mag ihn sehr gern. Es sollte mich wirklich freuen, wenn Sie mit ihm bekannt würden. Der "Jurist" auf der Photographie ist ein Mediziner, Georg Malcus, der Mann meiner Cousine in Hünfeld. Die Rücksendung der Bilder u. Skizzen hat gar keine Eile. Ich schicke Ihnen hier noch ein paar nette Neujahrsgrüße mit, die mich freuten.
Und nun auch von mir noch viel herzliche Grüße für Ihre Eltern u. Sie. Lassen Sie uns trotz Nebel u. Winterkälte an die Sonne glauben, u. auf sie hoffen. Aber ob Wolken, ob Sonnenschein, ich bin in Treue
Ihre
Schwester Käthe.

Den Kalenderblock schicke ich extra. Die Pappe ist ganz eigenes Fabrikat, sogar mit Fischleim geklebt, wie man riechen kann! - Und vom Tintenfaß vergaß ich Ihnen zu sagen, daß das auch meine Erfindung ist. Könnte ich sie nicht P patentieren lassen? Ists practisch im Gebrauch?