Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. Januar 1909 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 13. Jan. 1909.
Lieber Freund!
Seitdem ich Ihren lieben Brief las, der mich noch im Augenblick der Abreise in Cassel erreichte, sind meine Gedanken fast beständig bei Ihnen. Leider konnte ich in der Unruhe der ersten Tage hier nicht sogleich schreiben. Ich hatte so sehr gehofft, daß die heimliche Angst, die ich seit meinem Besuch in Berlin um das Befinden Ihrer lieben Mutter hatte, unbegründet sein möchte. Immer wieder suchte ich mich zu überzeugen, daß es nur meine übertriebene Ängstlichkeit sei, die mich so leicht schwarz sehen läßt. Nun traf mich die Bestätigung meiner Befürchtungen doch unvermutet, u. es ist mir alles, wie ein schwerer Traum. Wenn ich doch etwas tun
[2]
| u. helfen könnte! Wissen Sie nichts, lieber Freund, was ich etwa schicken könnte, um sie zu erfreuen? Wäre ich doch Krankenpflegerin, wie so manche meiner Bekannten, wieviel nützlicher wäre das, als das dumme Malen.
Ich fühle mit Ihnen, lieber Freund, als wäre es mein eigenes Erleben. Ich kenne diese Ruhe, die alles überwunden hat, die alles erträgt - aber ich weiß auch, wie sie erkämpft wird. Ein hartes Schicksal stählt u. läutert den Menschen, - aber ich weiß doch ohnedies, daß mein Freund ernst u. tapfer u. stark ist, warum muß er dann das Schwerste ertragen? -
Wie danke ich Ihnen für Ihre beiden lieben Briefe mit ihrem selbstverständlichen Vertrauen. Was ich Ihnen dafür geben kann, mein Freund, kommt mir so wenig vor, - aber Sie wissen, es ist alles, was ich habe. Es ist mein höchster Besitz, ein heiliges, tiefes Glück, das die Lebenskraft unserer
[3]
| Beziehungen sich in dieser Zeit bewährt, daß alles, was wir gemeinsam suchten, erkämpften, in uns festigten stärker ist als das Geschick, ein Halt in allen Stürmen.
Auch in mir ist ein Innehalten in dieser ernsten Stunde u. das Auge möchte dies wechselvolle, dunkle Leben durchschauen, das wie ein Schleier vor einem wunderbaren Weben u. Strömen geistiger Kräfte liegt. Was gab mir die tiefe Kenntnis Ihres Wesens damals bei den einsamen Kiefern? In unseren Gesprächen war sie doch kaum enthalten. Woher das sonderbar beklemmende Gefühl wie bei einem schweren, unersetzlichen Verlust, als Sie fortgingen? Und dann, woher die seltsame Gewißheit, daß dieser Mensch, der in reicher, sprühender Jugendkraft vor mir stand, eine Hülfe gerade von mir brauchen könne?
[4]
|
Das Leben war für uns kein sonniger Frühlingstag, aber umso mehr enthüllte es uns von seiner Tiefe u. gab uns eine Wertung der Welt, die nicht von außen sieht. Und darum brauchen wir die Zeit u. das Schicksal nicht aufzuhalten mit unsren Wünschen, wir halten das Beste in uns für immer. Mag das Dasein mit eherner Notwendigkeit ablaufen u. in stetem Wechsel uns aufwärts u. abwärts treiben - es giebt Bande treuer Liebe, die nichts zerreißen kann u. einen Glauben an den Ewigkeitsgehalt des Lebens, den nichts zerstört. Wenn wir fühlen, wie wir wachsen u. das Leben tragen lernen im Angesicht des Ewigen als eine Läuterung u. Befreiung, dann werden wir auch Frieden finden. Das ist es, was bei aller Verschiedenheit im Ausdruck unsrer Weltanschauung gemeinsam ist, daß uns das Leben nicht Selbstzweck ist, sondern daß es
[5]
| nur der Ausdruck sein soll für etwas Höheres, Reineres, Freieres, was wir erstreben. Wir sind daran gefesselt mit allen Kräften, um es zu überwinden. Das ganze Leben scheint nur dazu bestimmt, uns in Frieden sterben zu lernen. Welch schönes Wort: es hat vollendet! Solche Vollendung hat sich ein Humboldt errungen. Mit welch innigem Interesse lese ich in Ihrem Buch von dem Wesen u. Denken dieses Mannes.
- Aber näher als Bücher ist uns das warme Leben u. tiefer als die Betrachtungen über einen längst Verstorbenen berührt mich das volle, schöne Menschentum des Lebenden, der ihn mir schildert. Ein ganzer Mensch wie er ist auch mein junger Freund, u. mag es zur Stunde dunkel u. still um Sie sein, bald kommen auch wieder Zeiten, wo
[6]
| Sie fühlen, was Sie aus Ihrem Reichtum geben, was Sie für andre sein können. Immer aber muß es Ihnen bewußt sein, was Ihr Dasein mir geworden ist. Mein Leben wäre ein anderes, ganz andres ohne Sie, u. ich meine sogar, die Freude am Beruf, der Erfolg in den Stunden wäre nur von Ihnen gemacht. - Und ich vertraue dem Schicksal, daß es für Sie nicht nur Brosamen haben wird, sondern ein volles Glück, nicht nur Sehnen u. Hoffen, sondern Erfüllung. -
Noch habe ich Ihnen nicht recht gedankt für die Erfüllung des Versprechens, das Sie mir einmal gaben. Ich denke, wir sollten aber nicht warten, bis es etwa zu knapp mit der Zeit würde, sondern ich sollte Ihnen sogleich das Nötige schicken, damit Sie jederzeit darüber verfügen können. Verzeihen Sie, wenn ich noch
[7]
| einmal umständlich davon reden muß. Es scheint mir nämlich, als wenn 100 M gar keinen Zweck hätten. Ich kann 250 M auf ganz unbestimmte Zeit schicken u. sie sind nicht vom Laufenden, das ich für meine Existenz brauche, sondern absolut entbehrlich. Also, bitte, beherbergen Sie es solange, wie Sie rasch flüssige Gelder brauchen können u. schreiben Sie mir nur noch, ob ich es als Postanweisung oder als Geldbrief schicken soll.* [Fuß] * Sind Sie sicher, daß das Postamt 2 Ihnen nicht etwa übereifrig die Sache doch ins Haus schickt? Am Tage, wo ich Ihre Antwort habe, gebe ichs dann zur Post.
Und da wir einmal bei dem Kapitel sind, so möchte ich gern auch gleich noch Ihre Auskunft über einen anderen Punkt. Nach einer Äußerung muß ich annehmen, daß mit der Habilitation finanzielle Schwierigkeiten verbunden sind. Sollten Sie zu diesem Zweck ein paar tausend Mark brauchen, so wäre mir dies eine sehr willkommene
[8]
| Kapitalanlage. Bitte, antworten Sie mir ehrlich hierauf, denn diese Schwierigkeit dürfte wahrhaftig keine für Sie sein u. von solchen Äußerlichkeiten darf keine Verzögerung kommen. Sie können versichert sein, daß damit kein Opfer für mich verbunden wäre, u. unter Geschwistern ist es doch selbstverständlich, daß man sich hilft, wie man kann, ohne daß unnötige Worte darüber gewechselt werden. Und ich darf doch sein in Treue
Deine Schwester.

Jetzt will ich noch versuchen, den gewünschten, hoffnungsvolleren Brief zu schreiben. Ich wußte garnicht, daß meine letzten Briefe sich nicht zum Zeigen geeignet hatten. Wenn ich doch die rechten Worte fände; ich bin so unruhig u. so ganz unter dem Druck Ihrer traurigen Berichte.
- Was geschieht denn zur Hülfe? Wie ist es mit Pflege u. Hausstand?