Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. Januar 1909 (Heidelberg)


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Heidelberg. 13. Jan. 09.
Lieber Freund.
Wie schwer ist mir diesmal der Abschied von Cassel geworden! Da war es ein schöner Zufall, daß ich gerade noch Ihren Brief erhielt u. so auf der Reise liebe Gesellschaft hatte. Aber leider berichten Sie nichts Gutes über das Befinden Ihrer lieben Mutter! Ich hoffe so herzlich, daß Sie das nächste Mal besseres zu berichten haben u. bin in Gedanken mit vielen guten Wünschen bei Ihnen. - Hier habe ich auch gerade nichts Gutes angetroffen. Aenne ist in ärztlicher Behandlung, die ihr scheinbar gut tut, aber sie spricht mir immer nur mit Tränen von ihrer Mutter, die wirklich in den letzten Monaten
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| sichtlich älter und schwächer wurde.
Es ist nur gut, daß ich wenigstens ohne unmittelbare Sorge von Cassel abreisen konnte. Meine Tante darf zwar noch immer nicht wieder ausgehen, aber sie bewegt sich im Hause doch etwas freier u. das Sorgen für den Hausstand zerstreute ihre Gedanken, die sonst sehr leicht pessimistische Färbung bekommen. Ich war froh, daß ich sie doch durchschnittlich etwas aufheitern konnte, obgleich ja die Fidelität nicht gerade der Grundton meines Wesens ist. Aber sie ist für jeden schlechten Witz ein so dankbares Publikum u. Sie wissen ja, die Fähigkeit wächst mit dem Erfolg. Ich wollte nur, ich könnte dies neu entdeckte Talent auch ein wenig zur Zerstreuung Ihrer lieben Mutter anwenden. Denn es ist immer solche Geduldsprobe, krank zu sein.
Wie gut, daß Sie jetzt Ihre große Arbeit
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| vollendet haben u. nun doch wohl etwas mehr freie Zeit erübrigen können. Ich wollte, ich wäre meine Tante Grete (d. h. an Alter u. Wohnung, sonst weiter nicht!), dann könnte ich manchmal kommen, wenn Sie fort müssen u. könnte Ihnen allen in diesen trüben Wintertagen etwas sein. Aber so wie die Tante ist, wissen Sie selbst, ist nichts zu wollen.
Mein Leben seit der Rückkehr war schon sehr unruhig. Am ersten Morgen war ich in Mannheim zur Stunde, u. der Junge zeichnete eine sehr nette Electrische. Für den Abend bekamen Aenne u. ich ein Billet fürs Theater angeboten, also wieder nach Mannheim, leider! Denn das Stück, Der Teufel, war ein französisches Ehebruchsdrama der gewöhnlichsten Sorte. - Sonntag war ich im Kunstverein u. wollte dann Ehrismanns besuchen, die ich nicht
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| traf. Nachmittag Spaziergang, eine Unmasse Menschen beim Rodeln. Abends eingeladen. Von diesem ersten Anprall war ich so müde, daß ich Montag u. Dienstag nicht sehr leistungsfähig war. Ich habe jetzt oft ein so völliges Versagen der Kräfte, daß ich am hellen Tage einschlafe. Das ist sonst Sache der Siebzigjährigen! Na, wenigstens bin ich dann nachher wieder leidlich normal. -
Zum Lesen komme ich einstweilen so gut, wie garnicht. Ich habe einen Stoß Bücher zu Weihnachten bekommen, aber zu allererst kommt doch der Humboldt! Von Hermann habe ich ein Referat in einem Greifswälder Blättchen, das ich Ihnen mitschicke, weil es mir gefällt. Sie schicken es wohl gelegentlich mit zurück. Hermann schickte mir heut einen
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| Gruß per Karte. Er schreibt ganz zufrieden, hat Latein an der Mädchenschule, was ihm Spaß macht.
Im ganzen ist er ja kein so begeisterter Lehrer, wie Sie, u. ob seine Natur es ihm leicht macht, ist mir fraglich. Aber ich bin so froh, wenn ihm die Pflicht doch auch zur Freude wird. Er ist durch dies letzte Jahr doch sichtlich reifer geworden, denn der Mensch wächst durch einen großen Schmerz. Ich hoffe von Herzen, daß er es ohne Bitterkeit überwinden wird, wenn er auch jetzt das seelische Gleichgewicht noch nicht wieder fand.
Über den Bericht von Ihrer Winterpartie mit den früheren Schülerinnen freute ich mich herzlich, denn ich weiß, wie viel Ihnen dieser jugendlich frohe Verkehr ist. Das ist ja amüsant, daß Sie mit Ihrer wunderbaren
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| Kenntnis der Heidelberger Tanzstunde solchen Eindruck machten. - Wie schön muß die Winterlandschaft am Müggelsee sein!
Jetzt ist hier ein trübseliges, dunkles schmutziges Tauwetter. Dabei kann man doch nicht hoffen, daß der Winter schon vorüber sei, u. man möchte es doch so wünschen für alle Patienten. Auch Ihrer verehrten Mutter würde die wärmere Luft gewiß gut tun. Könnte ich doch manchmal kommen, ihr ein wenig vorzulesen; vielleicht was von ihrem Sohn, das wäre ihr doch sicher das Liebste. Sie haben mir nie geschrieben, ob Ihre Eltern auch sehr froh u. glücklich waren über die Vollendung des Humboldt. Es ist ja wohl selbstverständlich, aber es giebt so Dinge, die hört man doch gern. - Wir haben abends noch immer die Brautbriefe Wilhelm- Caroline
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| vor, d. h. gestern abend haben wir den ersten Band vollendet. Es sind sehr, sehr schöne Gedanken darin, aber es ist - vollends beim Vorlesen - doch ganz unmöglich, diesem überschwenglichen Ausdruck der Gefühle gerecht zu werden. Wir haben viel ausgelassen, aber dann ist Gefahr, daß man gerade das Interessante überschlägt. In einem der letzten Briefe spricht H. so schön über die "Wahrheit", die wir mit jeder Neigung suchen. Aber im großen u. Ganzen bleibt es Profanation, daß man so restlos die Gefühle dieser Menschen der Öffentlichkeit preisgibt.
In Ihrem Humboldt sind auch so viele Gedanken, die man sich immer herausschreiben möchte. Wenn ich doch nur mehr wirklich behalten könnte, aber mein Gedächtnis ist so schlecht. Sie wissen ja, Ihre Freundin wird altersschwach und defekt.
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Nach dem fac simile von Humboldts Schrift kann ich mir gut denken, wie hart es ist, sie zu entziffern. Das war doch recht rücksichtslos gegen die Nachwelt, so zu kritzeln. -
Denken Sie nur, wie seltsam mich die Aenne empfangen hat. Als Begrüßung fand ich beim Schlafengehen auf meinem Kopfkissen: Holtheis Totentanz. Ist es nicht eine wunderliche Idee? Ich bin nicht eigentlich abergläubisch, aber ich liebe eine äußere Symbolik u. da war dies doch ein unheimlicher Eindruck.-
Aber das war nun recht unnötig, daß ich dies gerade noch zum Schluß erzählte. Es ist mir so unwillkürlich gekommen, weil ich Ihnen doch immer von allem schreibe, was mich beschäftigt. Und es giebt nun einmal jetzt so viel Sorgen überall, daß man ganz melancholisch werden könnte. Aber ich will nicht, ich will glauben, daß "das Gute siege".
<li. Rand >
Nehmen Sie alle recht herzliche Grüße u. gute Wünsche von m. Freundin u. mir.
<Kopf>
In treuem Gedenken
Ihre alte Freundin Käthe.