Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. Januar 1909 (Heidelberg)


Heidelberg. 20. Jan. 09.
Nur ein paar Zeilen, lieber Freund, da das Paket heut noch fort soll. Es sind ein paar Gläschen Gelee, das mag man immer gern, wenn man auch sonst wenig Hunger hat. Den Himbeersaft schenkte mir Anna. Sie hat mir übrigens dringend aufgetragen, Ihnen auszurichten, wie sehr sie Ihrer mit herzlicher Teilnahme gedenkt.
Für Ihren lieben, großen Brief danke ich Ihnen sehr. Es ist eben doch natürlich, daß man in der Ferne gern öfter Nachricht hat, daß man dankbar ist für jede Einzelheit, daß die Gedanken nicht immer so im Ungewissen tasten. Aber schreiben Sie nur, wenn es Ihnen keine Anstrengung ist, ich bin ganz gewiß auch mit kurzen Nachrichten zufrieden, wenn ich nur überhaupt etwas höre. Wie viel lieber möchte ich Sie sprechen hören. Es ist so vielerlei, was mir Sorgen macht, was mir unklar ist u. worüber sich sehr viel besser reden würde. - Heute kam die Karte mit dem gefürchteten Resultat der Untersuchung. Es ist auch eine gar zu schwere Komplikation. An u. für sich glaube ich zu wissen, daß diese Krankheit im höheren Alter selten rapid verläuft, aber hier kommen wohl noch die große Herzschwäche u. allgemeine Erschöpfung hinzu. Nach Ihrem Bericht hatte ich eigentlich noch mehr eine akute Lungenentzündung gefürchtet. Ist der Befund genau angegeben, so daß Sie wissen, ob die Infektion stark oder schwach ist? Wie ich dies alles mitempfinde, wissen Sie. - Wir wollen nun kein Mitleid, das ist so ein abgegriffenes Wort für ein herzlich oberflächliches Bedauern, aber können wir wollen, daß die, die uns nahestehen, nicht mit uns fühlen?
Eine Bitte habe ich, die mir sehr, sehr am Herzen liegt. Sie wissen, daß diese Krankheit ansteckend ist. Seien Sie vorsichtig! Die größte Sorgfalt mit dem Auswurf, mit allem was der Kranke benutzt, ist durchaus notwendig. Waschen Sie immer die Hände, wenn Sie das Krankenzimmer verlassen, ehe Sie etwas genießen. - Und dann, wenn nachher eine Pflege notwendig wird, nehmen Sie eine Pflegerin, ehe Ihre Kräfte völlig erschöpft sind. Ich kann es so verstehen, wie gern Sie alles tun, aber wenn Sie sich krankmachen, tun Sie Ihrer lieben Mutter einen schlechten Gefallen. Wissen Sie, wie man zu einer Pflegerin kommt? Hier weiß ich es, aber für Berlin nicht. Wenn Sie keine Adresse wissen, fragen Sie doch Scholz, der kann Ihnen bestimmt etwas sagen.
Ja, Scholz. Denken Sie, am 19. hat man den Mann meiner Cousine aus Elbing zu Grabe geleitet, - er ist mit 36 Jahren innerhalb von 6 oder 8 Wochen ganz plötzlich gestorben. Eben war das dritte Kindchen geboren, da bekam er einen Blutsturz. Als Arzt erkannte er seinen Zustand nurzu gut u. klammerte sich nur mit aller Kraft an die Hoffnung, in Davos besser zu werden. Bis Berlin kam er noch, dann waren die Kräfte zuende. Das ist auch ein Leben, das den Seinen noch so unbedingt nötig war. - Es ist, wirklich, als ob dieses neue Jahr uns nichts als Leid bringen würde!
Ich schreibe Ihnen bald wieder.
Grüßen Sie Ihren Vater, und reden Sie ihm zu, eine zweckmäßige Hilfe zu nehmen.
In treuem Gedenken grüßt Sie
Ihre Käthe Hadlich.

[]
|
In dem eventuell geöffneten Brief stand nichts über den bewußten Punkt . Sie wissen, lieber Freund, wie gern ich möchte, daß wir beide für diese Schwierigkeit eintreten. Bitte, geben Sie mir bald die Erlaubnis zu schicken, so wie ich vorschlug!