Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. /31. Januar 1909 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30. Jan. 09.
Lieber Freund!
Sie werden diese Zeilen doch nicht mehr zum Sonntag bekommen, wie ich gern wollte, aber ich will doch wenigstens heute noch anfangen zu schreiben.
Die Woche ist mit all dem Kleinkram des Tages rasch vergangen, aber sie scheint mir sehr lang, weil ich in all der Zeit nichts von Ihnen hörte u. doch immer mit Unruhe an Sie alle dachte. Hoffentlich ist Ihr Vater nicht auch noch krank geworden? Wie schwer mag er neben aller Sorge auch noch das Entbehren all seiner Lebensgewohnheiten empfinden. Wie mag sich die Hülfe im Hause eingewöhnt haben? Es ist ja doch ganz unmöglich, daß Sie auf die Dauer dies alles versorgen. Dies plötzliche Wechseln im Befinden der Kranken ist höchst
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| seltsam, aber bei Herzleiden sehr häufig. Ob es mit der Besserung langsam vorwärts geht? Wie gern hörte ich davon!
In welchem Zimmer liegt Ihre Mutter denn jetzt? Im Balconzimmer?
Wir leben hier still ohne weitere Ereignisse. Leider ist ja mein Bekanntenkreis so klein u. ohne Einfluß, daß mir irgendwelche Vermittlungen in Ihrem Sinne unmöglich sind. Zu Bassermanns komme ich garnicht mehr u. wenn selbst, wären das keine Menschen für solchen Zweck. Prof. Wille aber ist es erst recht nicht . Und dann wäre es doch auch vielleicht viel geeigneter, wenn Sie sich etwa mal an Troeltsch wenden würden? Er soll von Harnack die Mitteilung haben, daß die Theologen in Berlin ihn z. T. nicht wollen, aber an Paulsens Stelle wolle man ihn berufen. Er will aber die Theologie nicht aufgeben. Vielleicht bleibt er also hier. Auf alle Fälle könnte
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| er doch hier auf Sie aufmerksam machen, umso mehr, als Elsenhans ja fort kommt. In wieweit die neue Habilitation da schon Ansprüche voraushat, weiß ich natürlich nicht. Windelband soll eine Ergänzung für Litteratur wünschen, was früher Kuno Fischer las. Und neue Stellen soll Baden durchaus nicht besetzen, da furchtbar gespart wird.

Sonntag morgens. - Es ist ein schwerer, trüber Himmel draußen u. ich selbst bin müde u. abgespannt. Sie müssen Geduld haben mit meinem schwachen Kopf, der heut nicht sehr geeignet zum Briefeschreiben ist! Wenn ich doch in der Knesebeckstr. wäre u. rasch mal nachsehen könnte, wie es geht. Ihre letzten Briefe beschäftigen meine Gedanken so viel, u. ich wäre so glücklich, wenn sich endlich ein gangbarer Weg zu größerer äußerer Freiheit u. Unabhängigkeit fände. - Wie gut, daß Sie jetzt die mehr mechanische
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| Archivarbeit haben, denn wie Sie zu anderer Tätigkeit jetzt Ruhe u. Concentration finden sollten, ist undenkbar.
Mit großer Freude las ich dieser Tage eine Recension Ihres Humboldt von Dr. Artur Buchenau in der Beilage der Münchener Neuesten No 17 (vom 22. Jan.), die mir eine Bekannte zuschickte. Haben Sie auch schon Besprechungen bekommen?
Daß Sie sich von der Kritik Ihrer "Grundlage" so schwer getroffen fühlten, lag ganz gewiß an einem augenblicklichen Mangel der Spannkraft. Gewiß kann eine ernste Kritik Mängel u. Gefahren zeigen, die man vermeiden soll, aber das ist doch kein Grund, sie als vernichtend zu betrachten. Das lebhafte Empfinden für das Irrationale braucht doch den Blick für den Bezirk des wissenschaftlich Erkennbaren nicht zu trüben, u. ein künstlerischer Sinn ist notwendig zu aller productiven Arbeit. Ich habe es immer so verstanden, als ob jene erkenntnistheoretische
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| Arbeit eine Kritik des Ausgangpunkts sein sollte, nicht ein abschließendes Urteil über den Wert historischer Arbeit. Ist nicht eigentlich nur der Nachweis geführt, daß bei den nichtmathematischen Wissenschaften eine absolute Trennung zwischen logischen u. psychologischen Bestandteilen des Denkens unmöglich ist? Mir kommt es immer vor, wie eine Art Grenzbestimmung, um sich dann selbst in dieser Grenze ansiedeln, hier weiterbauen u. klären zu können. Hier ist doch einzig die Sphäre für wirklich productive Arbeit. Und Sie haben, wie Sie selbst wissen, in hohem Maße productive, belebende Kraft. - Vielleicht war Ihr Standpunkt damals wissenschaftlich etwas extrem. Ich habe das Gefühl, daß Sie jetzt weniger negativ, sondern positiver urteilen, gestimmt sind. Ihnen ist der psychologische Kern in dem historischen Urteil ebenso wenig subjektivistisch, wie Hermann
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| Selbstverantwortung als Sittlichkeit überhaupt gelten läßt. Die Beziehung des Subjektiven zum allgemein Menschlichen, Geistigen überhaupt, die innere Gesetzlichkeit u. Notwendigkeit auch hierin zu finden, ist doch wohl wissenschaftliche Tat. Der Blick auf das Ganze des Lebens verliert sich leicht ins Grenzenlose, aber bei aller Weite doch [über der Zeile] nicht den Sinn für die Harmonie der Einheit, bei allen Gegensätzen sich nicht an ein Chaos zu verlieren, das ist Aufgabe wissenschaftlicher Klarheit u. Beherrschung. Es ist nicht Ihre Art, mit Wissenshochmut das schon Erreichte zu überschätzen, Sie sehen, wie eng der Bezirk ist, den es umgrenzt, aber Sie sind sich bewußt u. glauben im Ganzen des Lebens mit dem Urgrund alles Seins verknüpft zu sein u. aus dieser Tiefe immer neue Klarheit der Wahrheit schöpfen zu können. Ist das mystisch? Ich glaube es nicht, denn Sie arbeiten
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| mit strenger Wissenschaftlichkeit. - Es ist wohl vielmehr eine Standpunktfrage, die in jener Kritik zum Ausdruck kommt, wie sie doch schon so lange zwischen Hermann u. Ihnen bestand. Nicht gegen Ihre Fähigkeit richtet sich das Urteil, sondern gegen das, was in Ihrem erweiterten Ausgangspunkt unsicher u. dunkel erscheint. An Ihnen aber wird es sein, hiernun positiv weiter zu bauen, die verschlungenen Fäden sinnvoll zu deuten.
Überall in den Wissenschaften regt sich neues, vertieftes Leben, ein Hinausgreifen über die engen, verständlichen Grenzen. So wagt sich die Naturforschung in die dunklen Gebiete der Hypnose, Fernwirkungen, Ahnungen. Einige interessante Artikel über "Unterbewußtsein" von Adolf Schulze in der tägl. Rundschau führten uns zu dem Buch eines Russen (ich las den Namen noch nicht, so etwa Kotik heißt er) über
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| die "Emanation der psychischen Energie" (Wer wüßte nichts von Telepathie!?) Das wollen wir jetzt Mittwoch abends mit Wolfgang Mathy, stud. mathem. <ein Wort unleserlich> lesen.
Im Übrigen sind wir jetzt mit inniger Freude am 2. Band der HumboldtBriefe. Welch erhebender Geist geht von diesen Menschen aus, die nun in tiefem Ernst, geläutert u. geadelt durch einen großen Schmerz zu uns sprechen. Ich bin tief ergriffen von der Einfachheit u. Wahrheit, in der sich ihr Wesen hier ausprägt. Seltsam ist es, wie vielfach dieselben Gedanken fast mit denselben Worten wiederkehren, wie sie schon früher aus ihrer Lebensauffassung heraus sie aussprachen, u. doch jetzt mit einem ganz andren Stempel von Lebenswahrheit erprobt in ernster Realität. So schafft das harte Schicksal ganze Menschen u. "es kommt weniger darauf an, glücklich zu sein,
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| als das Leben ganz u. voll in sich aufzunehmen - ".
So empfinde ich auch deutlich, was diese schwere Zeit Starkes u. Schönes in Ihnen zur Reife bringt u. was mir Sorge macht, sind vielmehr die äußeren, erschwerenden Umstände. Mein lieber Freund, kann ich denn garnichts dafür tun? Ich komme mir so fern, so ausgesetzt vor, wo ich doch mit dem Herzen so nah beteiligt bin. Aenne schickt Ihnen auch sehr herzliche Grüße u. den Ausdruck Ihrer aufrichtigen Teilnahme. Großmama Knaps fragt mich alle Tage, ob ich was von Ihnen hörte, sie müsse so viel daran denken. Sie sehen, es sind die herzlichen Wünsche vieler Menschen bei Ihnen, auch in Cassel, u. was in guten Tagen vielleicht an äußerer Form, Reserve, Fremdheit zwischen den Menschen steht überbrückt ein wahres, tiefes Mitgefühl.
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Was Ihren Freund Ludwig betrifft, so habe ich leider ja garkein persönliches Urteil. Vielleicht hat er etwas, was ihn persönlich ganz in Anspruch nimmt, sodaß für andres kein Sinn übrig ist? Sie kannten ihn doch so lange schon, daß sein Charakter wohl nicht zweifelhaft sein kann. Kann irgend eine unausgesprochene Verstimmung vorliegen? - Hörten Sie mal etwas von Nieschling, geht es ihm gut? Die Begegnung mit ihm ist für mich mit einem unüberwindlichen Bedauern verknüpft. Es ist gewiß nicht meine Art u. Absicht, irgendeinen "Eindruck machen zu wollen", aber an jenem Tage war ich doch garzu stupide. Das würde ich gern mal gelegentlich etwas ausgleichen, denn so bin ich nicht immer.
Aber haben Sie denn Zeit u.Gedanken für dies viele Geschreibsel? Es ist bald Mitternacht u. ich sollte Sie wohl nicht länger behelligen.
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Gehen Sie denn jetzt wieder öfter ins Freie? Sie sind doch daran gewöhnt u. brauchen es für die Gesundheit.- Ich komme eben wenig zu Spaziergängen, höchstens gegen Abend von einer Brücke zur anderen. Aber da ist es ja immer schön! Und wenn ich um diese Zeit über die neue Brücke komme u. vom Königsstuhl der "Abendstern" herunter leuchtet, dann weckt auch das mein Gedenken.
Von Hermann hatte ich eine Karte u. eine kleine Drucksache über: Beruf u. Ehe in einem Frauenblatt. Ich muß ihm nun wirklich bald mal schreiben, d. h. ich will gern!
Im Buchhändlerladen fragte ich neulich (bei Koester) nach Ihrem Humboldt. Sie haben es garnicht verkauft. Der (übrigens sehr nette) Verkäufer, Herr Eckardt, erwähnte dabei, daß der Verlag wohl älter u. angesehen sei, daß es sich aber nicht angenehm
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| mit ihm verkehre. Beim Rousseau würde außer dem größeren Publikum auch der Diederichssche Verlag eine weitere Verbreitung veranlassen. Das ist so eine buchhändlerische Auffassung, die ich Ihnen doch mitteilen wollte.
Schreiben Sie mir nun auch bald wieder, wenn auch nur eine Karte. Ich bins zufrieden, wenn ich nur Nachricht bekomme. Nehmen Sie mit den Ihrigen herzliche Grüße, u. nehmen Sie aus diesen ungenügenden Zeilen das heraus, was der Grund von allem ist, das treue, liebevolle Gedenken
Ihre
Schwester Käthe.