Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Februar 1909 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Febr. 09.
Lieber Freund.
Der angefangene Brief ist nun veraltet u. ich will lieber noch einmal anfangen. Gern hätte ich schon längst wieder geschrieben u. ich hoffe, die Blümchen am Sonntag für Ihre liebe Mutter haben es ausgerichtet. Wieviel sind meine Gedanken mit stiller Sorge bei Ihnen! Mit Bangen sehe ich die verderbliche Macht dieser langsam vergehenden Krankheit für Sie alle. Wie wenig kann in Wirklichkeit geschehen zum Schutz des gesunden Lebens, u. Vertrauen auf die Natur u. ihre gesunde Lebenskraft ist das Einzige, was einem tröstlich kein kann.- Sie haben mir nie geschrieben, wie eigentlich die Gemütsstimmung Ihrer lieben Mutter bei dieser schweren Geduldsprobe ist. Ist
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| sie, die immer nur der Sorge für andre lebte, bedrückt von der gezwungenen Untätigkeit, oder erträgt sie sie im Gefühl großer Schwäche leichter? Wenn ich doch nur etwas wüßte, was sie erfreuen u. zerstreuen könnte! Ich kann mir so gut denken, mit welcher Freude Sie Ihrer gütigen Mutter in Pflege u. Fürsorge Ihre Liebe u. Dankbarkeit beweisen. Aber Haushaltssorgen sind nicht Männersache u. wo sie lähmend auf ihre Berufstätigkeit wirken, sind sie so teuer erkauft. Haben Sie denn wohl jetzt bessere Hülfe darin gefunden? Glauben Sie, lieber Freund, daß Ihrer Mutter wohl ein Gefallen damit geschähe, wenn ich mal an meine Tante Grete schreiben würde, sie zu besuchen? Die Tante ist practisch u. von Herzen gut, vielleicht könnte sie nützlich u. behülflich sein, falls Ihre liebe Mutter Vertrauen zu ihr hätte. Ich bin nur immer so sehr ängstlich in solchen Vermittlungen, daß ich Sie vorher um Ihre ehrliche Meinung bitten möchte. Ich bin überzeugt, falls
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| es so zusammenklingt, wie ich wünschte, daß meine Tante, die oft über Einsamkeit u. Zwecklosigkeit klagt, wahre innere Freude daran hätte, falls sie Ihnen in dieser Krankheitszeit etwas sein könnte.
- Ich habe in letzter Zeit eigentlich die Pflicht gehabt, sehr vergnügt zu sein, aber die Grundstimmung ist nun mal schon lange so ernst, daß mir dies schwerfällt. Vielleicht hörten Sie schon von Hermann, daß unsre Schwester Lieze sich mit Paul Ruge, dem Geh. Medicinalrat in der Keitzstraße, verlobt hat? Es heißt, daß sie beide sehr verliebt u. glücklich seien, u. ich hoffe, daß es ein wahres, bleibendes Glück sei. Äußerlich ist ja alles sehr glänzend u. Paul ist ein tüchtiger, guter Mensch, wenn er nur 20 Jahre jünger wäre! 36 Jahre Unterschied ist doch etwas zu reichlich.
Bei Arnold Ruge waren Aenne u. ich kürzlich einmal. Er hatte mich schon lange aufgefordert, mir doch mal seine Wohnung anzusehen. Er hat sich
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| oberhalb der alten Brücke in dem engen Stadtteil eine sehr nette Wohnung gesucht, der Blick auf Schloß u. Neckar ist sehr schön, das Haus ist gut, aber heruntergekommen. Da drin hat er nun 3 kl. Zimmer u. 1 Mansarde als Schlafzimmer, u. eingerichtet hat er sie mit viel Geschmack u. Geschick, durchaus modern u. harmonisch. Dabei hat er sehr geringe Mittel u. hat sich mit dieser unvernünftigen Anschaffung "auf Abzahlung" in wirkliche Sorgen gestürzt. Denn, wie er sagt, ist er seit dem Congreß überarbeitet u. krank, u. nur mit großer Anstrengung arbeitsfähig. Dann hatte Windelband ihm die Herausgabe von Kuno-Schriften in Aussicht gestellt, auf deren Ertrag er mit Sicherheit rechnete u. (wie ich weiß, auf Wunsch der Familie Fischer) hat er darüber nun anders bestimmt. Überhaupt klagte er sehr über Windelbands Unzuverlässigkeit, Gleichgültigkeit u. persönliche Interessiertheit. W. soll um des eignen Vorteils willen
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| jetzt nicht mehr im Interesse der Universität für einen zweiten Ordinarius bei der sparsamen badischen Regierung eintreten. Die Stellung wird ersatzweise von verschiedenen anderen Herren ausgefüllt.- Über die Troeltsch-Affäre hörte ich lange nichts. Was sich etwa ereignet ist bei Troeltsch's Offenherzigkeit ja hier meist allgemein bekannt.- Mit großer Freude laß ich die anerkennenden Briefe über Ihr Buch. Hensel (fast blind) berührt durch das Bekenntnis ganz tragisch, u. der andre erweckt mir (trotz Wille und Bitte) Interesse u. Sympathie. Hier werden Sie gewiß in Opposition u. Zustimmung wirkliche Anregung finden.
Und wie seltsam die neuen Beziehungen zu Dilthey. Ich hoffe sehr, daß sie Ihnen auch von practischem Nutzen sein werden, u. daß Sie sich nicht, idealistisch wie Sie sind, etwa von ihm ausnutzen lassen. Bei seinem Charakter muß man ja wohl auf der
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| Hut sein. Ich freue mich so innig all dieser Anerkennung, die Ihnen wohltun muß, wenn sie auch die entsprechende äußere Stellung nicht ersetzt, sondern erst begründet.
Ihr HumboldtBuch wollen wir jetzt, als Fortsetzung der Briefe lesen. Ich freue mich sehr darauf, mich dadurch immer mehr hinein zu vertiefen. Denn es ist für mich eine recht schwere Lektüre u. da ich nur langsam u. mit großer Aufmerksamkeit lesen kann, bin ich nicht täglich dazu fähig. Denn wie Sie wissen gehört mir dazu eigentlich nur abends die Zeit nach 10 Uhr, wo ich oft schon sehr müde bin. Ich habe aber immer (außer bei der Erkenntnistheorie) einen großen Genuß u. geistige Erhebung dabei. Ihre schönen Gedanken u. die lebensvolle Schilderung dieser vergeistigten Persönlichkeit beschäftigen mich tief, u. es ist mein ernstes Streben, alles das, was an Einsicht u. tiefer Lebenserkenntnis aus Ihren Worten in
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| meine Überzeugung übergeht oder darin ein Echo findet, auch immer mehr im eignen Dasein zu betätigen - symbolisch darzustellen. Aber es ist schwer im täglich Kleinen, u. in mir u. um mich ist es oft so dunkel u. eng.- Sehr gern würde ich mir das Buch einbinden lassen da es sonst mit der Zeit doch leiden würde. Soll man dazu eine der recht hübschen Originaleinbanddecken kommen lassen, oder wollen wir ihm nach gemeinsamen Geschmack ein besonderes Äußeres geben? Sie wissen, ich liebe auch diese ästhetische Seite, u. besonders wenn sie Symbol unsrer Übereinstimmung ist.
Vielen herzlichen Dank auch noch für den schönen Aufsatz im Pädagogischen Archiv. Es ist so viel knappe Klarheit, frische Energie u. ideelle Auffassung in Ihren Worten, die Theorie darin ist so eng aufs practische Leben bezogen, daß ich ganz besonders entzückt davon bin. Wenn doch nur endlich von all den guten u. wichtigen Reformvorschlägen
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| etwas mehr in die Wirklichkeit übergehen möchte. An der Einsicht vieler liegt es wohl nicht so sehr, als an dem Mangel an wirklichen Lehrern, d. h. Erziehern.
Über Coeducation möchte ich wohl mal mit Ihnen disputieren, ich bin nicht so gegnerisch gesinnt wie Sie.
Etwas giebt es, ich weiß nicht ob auch in diesem Aufsatz, aber überhaupt, was ich Ihnen gern mal sagen wollte. Treiben Sie nicht manchmal etwas Luxus mit Fremdwörtern? Es giebt ja deren, die nicht zu übersetzen sind, aber wo ein deutsches Wort den Begriff deckt, finde ich seinen Gebrauch einen Gewinn für die Klarheit, Schönheit u. Allgemeinverständlichkeit, falls man nicht nur für eine Kaste schreiben will.
Sie fragen nach den kleinen Russen; von denen habe ich nichts mehr gehört noch gesehen. Ich habe nie recht an ihr Wiederkommen geglaubt bei der Mutter! Was wird aus der lieben kleinen Tania einmal werden!
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| Die andren Stunden nehmen ihren stillen Fortgang, u. besonders der kleine Hans Klemm in Mannheim macht mir eben Freude. Seinen Privatzeichnungen sind z. T. ganz verblüffend u. Kerschensteiner könnte wohl damit Staat machen!
Schrieb ich Ihnen schon, daß meine Freundin sich über Ihren lieben Brief zum 2. sehr freute u. Ihnen vielmals danken läßt? Sie hat es mir dringend aufgetragen.
Es hat sich bis jetzt noch wenig Erfreuliches im neuen Jahre ereignet. Wohl aber kommen von allen Seiten Nachrichten über Unglück, Trauer u. drohende Sorgen. Wie schwer ist die Mark von der Überschwemmung betroffen! Auch hier war überall der Wasserschaden groß, im Odenwald u. Ober-Neckar. Bei uns war die Wassermenge in anderen Jahren schon größer. Es muß wohl meist von lokalen Stauungen kommen.- Heut scheint hier eine warme Sonne vom wolkenlosen Himmel
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| u. man fühlt sich dem Frühling näher.
Aus Cassel höre ich, außer von der Verlobung, wenig. Das Befinden meiner Tante bleibt sich immer ziemlich gleich. Sie hat Stubenarrest, u. ihr Befinden bessert sich nicht nennenswert, im Gegenteil kommen immer wieder neue Schwierigkeiten. Aber eine unmittelbare Gefahr liegt nicht vor.
Das Buch Dr. Naum Kotik über Gedankenübertragung interessiert mich ungemein. Die Versuche sind z. B. ganz wunderbar.-
Ihre Briefe lege ich mit herzlichem Dank wieder bei. Zugleich auch recht herzliche Grüße an Ihre Eltern u. Sie von uns beiden hier.
In treuer Freundschaft
Ihre
Käthe Hadlich.

Elsenhans ist, soviel ich weiß, an die Techn. Hochschule in Dresden gekommen.