Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. März 1909 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. März. 09.
Lieber Freund.
Nur ungern verschob ich Antwort u. Dank für Ihre liebe Sendung, denn ich bin ja in Gedanken soviel bei Ihnen u. der Wunsch nach Mitteilung ist unendlich. Sie können sich nicht denken, wie mich Ihr lieber Brief tief bewegt hat, wie mein ganzes Denken u. Empfinden bei dem ist, was Sie jetzt durchleben müssen. Welch ein Lichtpunkt war da die frohe Nachricht auf der Karte am 25., dieser erste, sichtbare Anfang der realen Erfolge. Das war ein liebes Geburtstagsgeschenk, denn was kann es für mich Schöneres geben, als zu wissen, daß Ihnen etwas Gutes begegnet. Und wie doppelt froh bin ich dessen gerade in dieser Zeit! Wenn doch Ihre liebe Mutter die Freude noch erleben dürfte, Sie in gesicherter Laufbahn zu sehen!
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| Sonst verlief mein Geburtstag sehr nett u. freundlich. Allerlei Besuche (meine kl. Schüler wissen nichts davon) u. vor allem viele liebe Briefe erfreuten mich. Davon schicke ich Ihnen auch nächstes mal was mit.- Eine besondere Feier aber war der 26. mit Ihrer Sendung. Wohl ist es ernst u. schwer, was uns erfüllt, aber dankbar empfinde ich als ein heiliges Glück, daß ich Ihnen helfen darf, das Schwere zu tragen. Sie können sich niemals ganz einsam fühlen, denn Sie wissen, daß es ein Menschenherz gibt, das mit Ihnen leidet. Wie tief fühle ich mich der Grundstimmung dessen, was Sie über Vergehen u. Leben, über Bestimmung, u. Naturgesetz schreiben. Ich fühle ordentlich körperlich wie das Schwerste näher u. näher kommt, aber ebenso fühle ich die Siegeskraft in Ihnen, die das Leben überwindet. Vorgestern, in einer schönen Eliasaufführung, standen all diese Gedanken
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| mit besonderer Klarheit vor mir. Dies Vertrauen auf die "Güte Gottes" ist auch in mir. Wie es auch komme, es kann nur zum Guten sein, denn das Schicksal kommt ja aus Ihrer Seele. So glaube ich an Ihre Zukunft - unbedingt.
Und in demselben tiefsten Grunde wurzelt auch unsre Lebensgemeinschaft, hier ist sie nach einigen Gesetzen erwachsen, nicht als flüchtige Gestaltung persönlichen Einzelwillens. Was diese wunderbare Fügung mir schenkte, was sie mir bedeutet hat in all den Jahren, können Worte nicht ausdrücken, das kann ich nur mit heißem Danke empfinden.
Wie gern würde ich über all dies noch einmal mit Ihrer lieben Mutter reden können. Sie verstehen mich gewiß, mein Freund, wenn ich mich auch unvollkommen ausdrücke, wie es mich gerade jetzt bedrückt, daß ich im persönlichen Zusammensein mit ihr nie so das rechte Wort fand, das ich ihr
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| gern sagen wollte. Vielleicht hat sie es auch so verstanden. Denn es war von je mein Wunsch, daß sie ein festes Vertrauen in meine Gesinnung gewinnen möchte. Und wenn sie jetzt mit schwerem Herzen in der Sorge um Sie von dieser Erde sich trennen muß, dann möchte ich doppelt gern, daß sie meiner in Ruhe gedenken könnte, als eines Menschen, auf dessen selbstverständliche, selbstlose Treue für Sie sie bauen kann, als wäre sie es selbst.
Nehmen sie dies nicht für eine Anmaßung, lieber Freund, ich wußte es nicht anders auszudrücken. Dies, gerade dies möchte ich aus den lieben Worten hören, die sie über mich sagte.-
- Soeben kommt Ihre Karte vom 28., herzlichen Dank. Wieder eine so schlechte Nacht! Mit welcher Sorge höre ich das immer. Haben Sie denn wenigstens augenblicklich keine so dringenden Arbeiten, daß Sie doch dann am Tage etwas ruhen
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| können? Und bei alledem haben Sie sich noch mit dem Kleben des Beethoven-Aufsatzes abgequält! Haben Sie vielen Dank dafür, für diese Absicht u. für den Aufsatz selbst, u. für das Buch mit den Briefen der Bettina. Ich las dies Buch irgendwo angezeigt u. wünschte gleich, es lesen zu können. Ist das nicht wieder ein hübsches Zusammentreffen? - Auch die Werdandi-Zeitschrift ist mir schon begegnet. In Cassel hatten sie voriges Jahr Heft I gekauft, nur wegen einer reizenden Reproduction darin. Und Mutter überließ mir gern das Übrige, das mich interessierte. Ob ich mich ausstellend beteiligen kann, ist mir mehr als zweifelhaft. Vielleicht muß man Mitglied sein -, das ginge eventuell, aber ein Machwerk von mir würde wohl schwerlich die Censur passieren. Vielleicht versuche ichs, weil Sie es vorschlagen. Jedenfalls würde ich ja bei einem vergeblichen Versuch nicht an einem verwundeten Künstlerehrgeiz kranken.
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Daß die Affäre mit der Post nun geordnet ist, freut mich. Ich hatte immer Sorge, das ich eine Konfusion gemacht hätte. Wie froh u. dankbar bin ich, daß ich gerade bei diesem Schritt heimlich beteiligt sein darf, u. im Übrigen wollen wir davon nun überhaupt nicht mehr reden! - Es ist mir doch lieb, daß das mit der Techn. Hochschule nichts wurde. Ich verstehe ja nicht viel davon, aber es wollte mir nicht so recht einleuchten.
In einer Stunde gehen wir nach langer Zeit mal wieder ins Freie: Aenne u. ein paar Bekannte. Wir wollen nach Schlierbach fahren, übersetzen u. dann vielleicht Kreuzgrund, Mausbachtal oder degl. - Könnten wir das doch zu dritt!- Die Sonne scheint warm, aber sonst ist es auch bei uns noch recht winterlich.
Nächster Tage hoffe ich nun auch endlich an Tante Grete in der Knesebeckstr. zu schreiben. Es war durch die Verlobung so vielerlei Correspondenz. Ihre Gratu
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|lation befördere ich auch (zum 3. Lietzes Geburtstag) weiter. Eventuell richte ichs in Ihrem Namen aus, wenn es sich mit der Karte gerade nicht gut schicken läßt.
Finden Sie nicht, daß der Kalender oft so sinnige Sprüche hat? S' ist halt auch "unser" Kalender!
Jetzt will ich nicht vergessen, ganz extra Grüße von meiner Aenne auszurichten. Grüßen Sie auch Ihre lieben Eltern u. seien Sie selbst innig gegrüßt von
Ihrer
treuen Schwester
Käthe.