Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. März 1909 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. März. 09.
Lieber Freund.
Es ist wohl natürlich, daß in einer Zeit, wo die Gedanken so besonders lebhaft bei Ihnen weilen, auch die Briefe häufiger kommen! So will ich versuchen, auch durch den Schnee zu dringen, besonders weil ich auf den Punkt der Postsendung noch antworten, möchte, ehe Sie darin etwas tun. Ich will Sie nicht veranlassen zu etwas, was gegen Ihren Willen ist, aber vielleicht könnten Sie die Sache doch auch mal mit meinen Augen sehen. Sie wissen, daß ich nach Abrede nur auf eine endgültige Nachricht zur Absendung warten sollte. Nun war Ihr Brief vom 20. Febr. in der Tat so gefaßt, daß mein Irrtum sehr begreiflich ist. Ich weiß ja, daß es sich nicht um eine "Hülfe in der Not" handelt, sondern um eine symbolische Form,
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| u. damit haben Sie mir eine tiefe, große Freude gemacht. Wollen Sie das nun wieder rückgängig machen? Ob der betreffende Schritt nun augenblicklich oder in ein paar Monaten getan wird, ist doch wirklich einerlei. Lassen Sie meiner Sendung auch ihre Bestimmung, nun sie doch trotz aller Umstände zu Ihnen vordrang. Oder noch besser: Lassen Sie die Hälfte dafür u. die andere zu dem Zweck, den Sie angeben. Das ist mir ein sehr lieber Gedanke. Dies Hin- u. Herschicken hat doch wenig Zweck u. ist mir herzlich unsympathisch. Wenn wir mal wieder zusammen sind, wollten wirs dann gemeinsam vertun! Das kann ja doch auch mal wieder sein, wenn ich mir auch jetzt garnicht vorstellen kann wie u. wann.
Immer kehren meine Gedanken zu der armen, lieben Kranken zurück u. ich gäbe was darum, wenn ich ihr nur etwas tun könnte, ihr Leiden zu mildern. Wie tief ergriffen hat mich
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| die Erzählung des Traumes. Wie fühle ich aus diesem seltsam aus Traum u. Wirklichkeit gemischten Bilde die dumpfe Qual der Krankheit u. zugleich den tiefen Sinn, der weit über den Augenblick hinausdeutet. Es liegt ein so unmittelbarer Ausdruck von Vertrauen darin, daß es mich ganz überwältigt hat. Welch ein Trost ist es, daß es ein Verstehen über alle Worte hinaus giebt!
So lese ich in Ihren Briefen auch viel zwischen den Zeilen. Ich weiß, wie Sie diese Leidenszeit mit starker Seele tragen, wie der Sturm Ihre Kraft nur stärken kann. Ich sah mit inniger Freude, wie gerade jetzt ein Erfolg von außen, so bedeutend für die innere u. äußere Existenz, Ihre Spannkraft haben müsse, u. doppelt empfand ich ihn in der Seele Ihrer lieben Mutter. An alle dies, an den Segen im Leiden wollen wir uns halten. Ich weiß, daß auch mein Glaube Ihnen helfen kann, daß ich mit Ihnen
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| kämpfen darf. Wie immer in Treue
Ihre
Schwester.