Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16./18. März 1909 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 16.III.09.
Lieber Freund.
Wenn ich nur wüßte, wie es bei Ihnen inzwischen ging? Wohl bin ich in Gedanken so viel dort, aber das ist doch eine sehr indirecte u. mangelhafte Verbindung. Inzwischen wird mein kleines Packet eingetroffen sein u. Ihnen allen recht herzliche Grüße gebracht haben. Die Blumen waren gewiß nur noch Heu, leider, u. sie waren so reizend.
Vorgestern abend hatte ich eine wirkliche Freude. Nach längerer Zeit traf ich mal wieder mit Wille bei Knapsens zusammen u. da empfahl ich ihm Ihr Buch zur Anschaffung. Das kenne er, hat er gesagt, das hätten sie gleich auf der Bibliothek angeschafft. Das sei endlich mal wieder ein Buch voll Gehalt, mit weiten Gesichtspunkten. Er habe sich Auszüge draus gemacht. Und den Aufsatz im Pädag. Archiv habe er auch sogleich mit Interesse gelesen.
[2]
|
Wohl aus diesem Aufsatz hatte er geschlossen, Sie seien Gymnasiallehrer. "Da bleibt er nicht lange, der bekommt sicher bald einen Ruf". - Es ist dies ja nur eine Anerkennung unter vielen, aber mich freute sie doch sehr. Ich bin so stolz, lieber Freund, daß Sie das alles ganz aus sich allein errungen haben, u. daß Sie jetzt so voll Zuversicht den Erfolg erwarten können.
Ich habe garkeine Geduld zu ausführlichem Schreiben. Die Gedanken wandern hin u. her u. viel lieber würde ich Sie sehen u. sprechen.
Danken wollte ich Ihnen auch für Ihre letzte Postsendung. Ich weiß es anzuerkennen, wenn "jemand" zur Hälfte nachgiebt!
Wenn es doch nur ein Mittel gäbe, Ihnen die äußeren Schädigungen, die Nachteile für die Gesundheit in diesen ohnehin so schweren Zeiten fern zu halten. Tun Sie da wirklich, was irgend möglich ist? Haben Sie endlich für eine Hülfe in der Pflege auch für die Nacht gesorgt? - Und soweit Ihnen die
[3]
| wissenschaftliche Arbeit nicht als Ablenkung wohl tut, erzwingen Sie nichts auf Kosten ihrer Kräfte.

18. März. Gestern kam Ihr lieber Brief. Herzlichsten Dank dafür. Sie wissen ja, wie sehr ich immer auf Nachricht warte, aber wenn Sie so müde sind, bin ich doch ganz gewiß auch mit einer Karte zufrieden. Daß meine kleine Sendung gerade zur rechten Zeit kam, war mir eine rechte Freude; aber von Ihnen wäre es wirklich nicht nett gewesen, wenn Sie mich nicht wissen ließen, daß sie erwünscht sein würde. Fast hätte ich auch nicht geschickt, weil ich nicht wußte, ob diese Heidelberger Produkte wirklich brauchbar seien, u. was andres fiel mir nicht ein.
Aber dann dachte ich, Sie sehen daran doch wenigstens den guten Willen u. es ist mir so schmerzlich, daß ich ihn so garnicht betätigen kann.
Unsre gestrige Karte sagte Ihnen, daß wir einmal wieder auf dem Königsstuhl waren. In voller Winterpracht
[4]
| steht da droben noch der Wald u. man geht durch tiefen Schnee, während hier unten in der warmen Sonne schon all die kleinen Frühlingsblumen blühen.-
Haben Sie auch Dank für die mitgesandten Briefe. Die weiblichen Streitschriften interessierten mich sehr, wenn auch Frl. Scholz eine verzweifelt anspruchsvolle Schrift hat. Da komme ich vor dem Erraten der Buchstaben kaum zum "Lesen". Die beiden andren gefallen mir besonders durch den warmen, persönlichen Ton.
Es fehlt mir schon länger an der Stille u. Concentriertheit, um, wie die 2 Damen (wer ist die Hamburgerin?) mit ganzem Interesse so auf eine bestimmte Frage einzugehen. Ich habe es wohl als Mangel bemerkt, u. ich hoffe nur, Sie empfinden es nicht als Interesselosigkeit bei mir. Es bleibt so manches in den Briefen ungesagt, was ich in Gedanken mit Ihnen bespreche.
[5]
| Es kommt ein gewisser Mangel an eingehender Aussprache in unsren Verkehr, der wohl eine selbstverständliche Übereinstimmung zur schweigenden Voraussetzung hat, den ich aber doch manchmal als Mangel empfinde. Es ist mir eben so vieles in den sich drängenden Tatsachen des äußeren Lebens einfach untergegangen. Es läßt sich das nicht erzwingen, u. ich weiß, daß die Rückkehr in: "ein gemeinsames Leben in tiefen Gedanken, die uns treulich den Pfad dieses Daseins erhellt" uns jederzeit offensteht, wenn wir Beide Verlangen danach haben.
Frl. Sch. erwähnt Ihren Ausspruch, daß es leicht sei, über dem Leben zu stehen, wenn man ganz außerhalb steht. Auch ich hatte ihn mit besonderer Zustimmung gelesen u. er erinnerte mich daran, daß Sie mir einmal schrieben: ein solch träumendes heiteres, von keinem Schicksal getrübtes Leben wünsche ich Ihnen - das war
[6]
| nicht nach meinem Sinn u. entspricht nicht meinem Wesen. Ihre Worte sagten mir auch eigentlich nur, wie Sie selbst unter dem Druck des schweren Geschickes sich nach Befreiung sehnten. Sie haben diese Befreiung erkämpft u. nur in diesem Siege liegt der göttliche Seelenfrieden, den ein tatenloses Träumen niemals gewährt. So gönnen Sie auch mir, mein lieber Freund, teilzuhaben am warmen, ringenden Leben, mag es Freude, mag es Leiden bringen. Nur das Eine wünsche ich mir innig, daß mein Freund bei mir immer die Stille u. den Frieden finden möge, die seinem Herzen wohltun - wenn er es braucht.
Wieviel rätselvolles, verworrenes Menschenschicksal ist uns in den letzten Monaten nahegetreten. Ich könnte Ihnen auch "Abhandlungen" davon schreiben. Wie wenig versteht man oft die Menschen,
[7]
| die einem von Geburt die Nächsten sind. So geht es mir oft mit Hermann, den ich doch so lieb habe, u. wieviel mehr noch mit meiner Schwester, die mir ganz fremd u. unbegreiflich ist. Möchte die Zukunft all die verwirrten Fäden zum Segen verknüpfen, ich kann es jetzt nur mit stillem Bangen sehen. - Wir reden einmal davon. Aber wann? Wer kann das wissen.
Der Tod von Carl Ruge kam mir ganz überraschend. Ich hatte immer nur von Besserung gehört. Sein Schicksal ist ungewöhnlich tragisch. Als ich zu Pfingsten mit Hermann bei seinem Vater war, aßen wir dort mit ihm zu abend. Es fiel mir auf, wie elend er aussah. Dabei war davon die Rede, daß er nun in absehbarer Zeit heiraten könne, da der ältere Arzt, den er vertreten hatte, gestorben war u. von dieser Praxis sicher auf ihn übergehen werde. Um diese Aussicht nicht zu gefährden, hat er sich
[8]
| wochenlang mit einer Influenza aufrecht erhalten u. den Beruf ausgeübt. Am Tage, nachdem ich ihn sah, legte er sich, um nicht wieder gesund zu werden. So nah dem Ziel so grausam zerstört! Ob er die Wahrheit ahnte, weiß ich nicht. Möchte ihm wenigstens dies erspart geblieben sein. -
Überhaupt, lieber Freund, ist es wohl Erfahrung der ärztlichen Seelsorge, daß es nicht gut ist, dem Menschen das Todesurteil zu sprechen. Abgesehen davon, daß der Arzt sich irren kann, ist der Heroismus, der sich mit Fassung fügt, fast immer nur der Ausdruck momentaner Spannung. Solche Energie aber hat der müde Schwerkranke nicht, ihm bleibt die Hoffnung bis zuletzt ein mildes, tröstliches Licht. - Sehr freue ich mich, daß meine Tante aus Cassel zum erstenmal von Besserung schreibt. Und Ernst Schwalbe kommt nach Jena. Das ist auch schön. Mal eine gute Nachricht. - In treuer Freundschaft grüße ich Sie alle.
Schwesterlich
Ihre Käthe.

[li. Rand] Meine Freundin läßt vielmals grüßen.
[li. Rand,S.1] Kann die Tante in der Knesebekstr. gar nichts für Sie tun? Sie schrieb mir sehr lieb.